Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 129
Paris verwöhnt die junge Kunst
Von Heinz Peter Schwerfel
Szene: Viertes städtisches Kulturzentrum im Osten eröffnet
Sieben Jahre hatte nicht nur Bürgermeister Bertrand Delanoë, sondern auch die Pariser Szene auf diesen Augenblick gewartet:
Bei der Eröffnung des von der Stadt finanzierten Kulturzentrums "104" im lange vernachlässigten Pariser Nordosten stürmten kürzlich Zehntausende von Neugierigen die rund 40 000 Quadratmeter Atelier- und Ausstellungsfläche. Unweit vom Gleiskörper des Nordbahnhofs gelegen, in einem vor allem von Nordafrikanern bewohnten Viertel mit 17 Prozent Arbeitslosigkeit, soll das in dem ehemaligen städtischen Bestattungsinstitut untergebrachte "104" nicht nur das Viertel aufwerten, sondern auch den Ehrgeiz der sozialistischen Stadtverwaltung unterstreichen, Paris wieder attraktiv für junge Künstler zu machen, denen die französische Hauptstadt zu alt, zu teuer oder zu konservativ geworden ist.
In drei Untergeschossen, zwei langgestreckten Hauptgebäuden und zwei riesigen Lichthöfen verfügt der großzügige Komplex an der Rue d'Aubervilliers 104 über 18 Ausstellungs- und Proberäume, zwei moderne Theatersäle und ein Dutzend Ateliers, die heimischen und auswärtigen Künstlern für Aufenthalte zur Verfügung stehen.
Im Gegenzug müssen sie Workshops anbieten.
Zu den ersten Stipendiaten gehört der britische Musiker Tricky, der das "104" mit einem Gratiskonzert eröffnete. Der in Albanien geborene Videokünstler Anri Sala richtete einen Filmclub ein, und der französische Designer Philippe Starck bereitet einen Designkurs vor. Die Leiter des "104", Frédéric Fisbach und Robert Cantarella, verfügen über ein Jahresbudget von rund zwölf Millionen Euro, zwei Drittel davon trägt die Stadt.
Nach dem Ausstellungshaus "Le Plateau" nahe dem Park Buttes Chaumont, dem Atelierzentrum "Les Recollets" am Ostbahnhof sowie dem "Bétonsalon" in den ehemaligen Getreidemühlen des 13. Arrondissement, ist das "104" das vierte Kunstzentrum im strukturschwachen Pariser Osten, das von der städtischen Hand gefüttert wird.
In den reichen Vierteln dagegen gedeihen statt der staatlichen die privaten Initiativen: An den Champs-Elysées eröffnete der Spe zialist für Luxusgepäck Louis Vuitton als Vorläufer für einen Neubau von Frank O. Gehry provisorische Räume im Dachgeschoss des Hauptgeschäfts, in denen vor allem Medienkünstler gezeigt werden. Und im eleganten Viertel Palais-Royal startete der junge Harvard-Professor David Edwards sein privat finanziertes "Le Laboratoire", für das Künstler und Naturwissenschaftler Ausstellungsprojekte entwickeln, die aktuelle Forschungsprojekte aus Mathematik, Physik und Chemie in bildende Kunst übersetzen.
Internet: www.104.fr, www.fracidf-lepla teau.com, www.centre-les-recollets.com, www.betonsalon.net, www.louisvuitton. com, www.lelaboratoire.org
Bildunterschrift:
Neu eröffnet: das großzügige Kulturzentrum "104" in dem umgebauten ehemaligen städtischen Bestattungsinstitut im Pariser Nordosten
