Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 102-103
Einmal ist keinmal
Von Kerstin Schweighfer
BRÜSSEL: 1. BIENNALE
KERSTIN SCHWEIGHÖFERDie belgische Hauptstadt als neue Metropole für Gegenwartskunst? Unter anderem gibt es dort jetzt zumindest eine vielversprechende Biennale - 50 Jahre nach der legendären Weltausstellung von 1958. Die trauen sich was: kündigen groß sieben Ausstellungen mit über 90 Künstlern aus aller Welt an - und was gehört zu den ersten Dingen, mit denen der Besucher in den Hallen des ehemaligen Brüssler Postsortierzentrums konfrontiert wird?
Drei kahle, weiße Wände, an denen nur verwaiste Hinweisschildchen hängen.
Von den Kunstwerken keine Spur, statt dessen stehen ein paar Stühle mitten im Raum und ein viereckiger Block, der sich bei genauerem Hinsehen als ein Stapel aus Hunderten weißer Büchlein entpuppt. "Nehmen Sie sich eins!", ruft eine junge Biennale-Mitarbeiterin lachend im Vorbeigehen, sichtlich an perplexe Besuchergesichter gewöhnt.
Man sollte den Ratschlag beherzigen, anders lässt sich dieser Biennale- Beitrag des Van Abbemuseum aus Einhoven und des Utrechter Kunstzentrums Bak nicht entschlüsseln. Denn "Once Is Nothing" - "" - ist der Erinnerung an eine längst vergangene Ausstellung gewidmet: Die Hinweisschildchen stammen aus der Schau "Individuelle Systeme", die Igor Zabel 2003 für die 50. Biennale im Arsenal von Venedig kuratierte. "Once Is Nothing" will im großen Reigen der Biennalen die Erinnerung an die einzelne Schau wieder lebendig machen. Das kleine weiße Buch hilft dem Gedächtnis auf die Sprünge: Darin finden sich zu jedem fehlenden Werk an der Wand Erklärungen plus Abbildungen.
Dieses ebenso freche wie geistreiche Experiment ist so ungewöhnlich wie das gesamte Konzept der Brüssler Biennale:
Kuratorin Barbara Vanderlinden wählte selbst keine Künstler aus, sondern beauftragte statt dessen acht internationale Museen und Kunstzentren aus den Beneluxländern, sich mit den Verheißungen der Moderne auseinanderzusetzen.
Als gemeinsamer Bezugspunkt sollte die legendäre Weltausstellung dienen, die vor 50 Jahren in Brüssel stattfand. Darüber hinaus hatten die Institute freie Hand und Spielraum für Experimente.
Der Verzicht auf einen Großkurator, der alle Kunst einer These unterordnet, hat eine anregende Vielstimmigkeit hervorgebracht.
So setzt der Marokkaner Mounir Fatmi der Abwesenheit von Kunst in "Once Is Nothing" wuchtige Präsenz entgegen: Für seine Installation "Fuck the Architects: Chapter III" zauberte er als riesiges schwarzes Relief die Skyline einer x-beliebigen Millionenstadt an die Wand. Eine Attacke auf die Fantasielosigkeit der Stadtplaner, aus der sich eine schwarzglänzende Masse bis auf den Boden der Halle ergießt, bedrohlich und gefräßig, gerade so, als wolle sie von hier aus die ganze Welt bedecken. Wer näher kommt, entdeckt ein Wirrwarr aus Videobändern, die Fatmi aus Hunderten von Kassetten herausgezogen hat.
Zu den stärksten und gesellschaftspolitisch schärfsten Beiträgen zählt die Ausstellung des Kunstzentrums Witte de With aus Rotterdam: Hier zeigt die Belgierin Edith Dekyndt das Bild einer transparenten, im Wind flatternden Fahne, entleert von jeglicher nationaler Symbolik - ein streng formales, aber angesichts des Balkankriegs oder der blutigen Konflikte in Georgien auch hochpolitisches Werk. Der Münchner Olaf Metzel kommentiert mit seiner Skulptur "Turkish Delight" die Kopftuchdebatte:
Geradezu rührend steht die kleine Frau im Raum, völlig nackt, während ihr Kopftuch signalisiert, dass sie sexuell nicht zur Verfügung steht. Umgeben wird sie ausgerechnet von den schrillen Glamourfotos, auf denen die bosnische Künstlerin Danijela Micanovic perfekt gestylte Fotomodelle in aufreizenden Posen festgehalten hat.
Auch eine Weltkarte mit geheimnisvoll aufflackernden Lämpchen wird vom Witte de With präsentiert. Spätestens beim Standort Auschwitz begreift der Betrachter, dass das Lichtchen in New York wohl für den 11. September steht - und die gesamte Karte für die großen Katastrophen der Weltgeschichte.
Das Ganze geht auf eine Idee des amerikanischen Architekten, Vordenkers und Hippie-Gurus Richard Buckminster Fuller zurück: Auf der Weltausstellung in Montreal hatte er 1967 eine ähnliche Karte präsentiert. Die Expo- Besucher sollten dort Weltverbesserungsvorschläge einbringen, indem sie Bodenschätze wie Gold oder Erdöl gerechter verteilten.
Das allerdings erfährt der Besucher erst aus dem Katalog. Denn bei den ausgestellten Werken selbst hat Florian Waldvogel, Kurator des Witte de With, auf sämtliche Hinweise verzichtet, auch Jahreszahlen fehlen. Die Besucher sollen sich völlig unbelastet dem bloßen Sehen hingeben können. "Show me, don't tell me" wurde die Schau aus diesem Grunde betitelt.
Ein paar Maßnahmen zur besseren Orientierung hätten trotzdem nicht schaden können, insbesondere weil die Biennale über die gesamte Stadt verteilt wurde. Die Ausstellung im unterirdischen Metro-Kulturzentrum Anneessens jedenfalls ist nicht auf Anhieb zu finden. Was schade ist, denn die utopischen Stadtmodelle und visionären Entwürfe von Luc Deleu, Juliaan Schillemans oder Le Corbusier sind faszinierend.
Im Zentralbahnhof ist ebenfalls Aufpassen angesagt: Diese Schau könnte vielen entgehen, weil sie zu unauffällig ist. In den schmucklosen Bilderrahmen auf den Bahnsteigen, wo normalerweise Reklame prangt, zeigt das venezolanisch- belgische Künstlerduo Carla Arocha und Stéphane Schaenen Detailaufnahmen aus dem Bahnhof selbst.
Treppenstufen zum Beispiel oder Geländer.
Eine wunderschöne, fast poetische Idee, die das übersättigte Auge wieder auf das lenken soll, was es nicht mehr sieht. Die meisten Brüssler Pendler werden wohl dennoch weiterhin achtlos daran vorbeirauschen. In eine Enttäuschung mündet der Weg in die Nationalbank:
Der Beitrag, der als Schau angekündigt wird, entpuppt sich als lediglich eine einzige, wenn auch großformatige Spiegelskulptur.
Wie jede gelungene Biennale lenkt auch diese den Blick auf vergessene oder noch unbekannte Kunstorte der Stadt.
Die ehemalige Elektrizitätszentrale an der Place Ste Cathérine etwa, in der Veranstaltungen des Rahmenprogramms stattfinden, ist zu entdecken. Oder das imposante Kulturzentrum Wiels in der Wielemans- Ceuppens-Brauerei. Allein schon die riesige Empfangshalle mit ihren wuchtigen Kupferkesseln ist einen Besuch wert. Seit der Eröffnung im Mai 2007 kann man hier in Gastateliers jungen Künstlern bei der Arbeit über die Schulter schauen. Ab 29. November bietet das Wiels parallel zur Biennale mit der Ausstellung "Un-Scene" Arbeiten von 20 jungen belgischen Künstlern auf, denen im Gegensatz zu Luc Tuymans der internationale Durchbruch bislang versagt geblieben ist (bis 22.
Februar 2009). Spätestens hier wird der Beweis erbracht, dass sich Belgiens junge Szene nicht hinter alten Schwergewichten wie van Dyck und Rubens zu verstecken braucht. Es sind verheißungsvolle Orte wie das Wiels, an denen die Szene vorführt, was sie in sich hat.
Auch hier gilt: Die trauen sich was!
KERSTIN SCHWEIGHÖFER Termin: bis 4. Januar 2009. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, 22 Euro, im Buchhandel 29,80 Euro. Internet: www.brusselsbiennial.org
Bildunterschrift:
Die Initiatorin der Biennale Barbara Vanderlinden
Aus der "Skyline" (2007) ergießt sich Bandsalat über die Welt: Mounir Fatmis Kommentar zur Gleichförmigkeit globalisierter Architektur
Mut zur Lücke: Wer in der Ausstellung "Once Is Nothing" Bilder sucht, muss in ein Büchlein schauen
Die Fotos von Carla Arocha und Stéphane Schraenen rücken Übersehenes zurück in den Blick
