Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 104-105

Revolution im Filz der Geschichte

Von Kito Nedo

BERLIN: KULT DES KÜNSTLERS - BEUYS

Der Hamburger Bahnhof holt mit einer großen Beuys-Ausstellung nach, was in den letzten Jahren versäumt wurde, verliert aber in der Fülle des aufgebotenen Materials den Fokus aus den Augen. Angst vor dem Vergessen machte sich breit, als vor zwei Jahren der 20.

Todestag von Joseph Beuys (1921 bis 1986) ohne nennenswerte Ausstellung in Deutschland verstrich. "Wie konnte es passieren", fragte damals die "Süddeutsche Zeitung" bang, "dass ein Künstler, der neben Warhol als der bedeutendste der gesamten Kunstwelt galt, so sehr in Vergessenheit geriet?" Eine befriedigende Antwort auf diese Frage ist bis heute nicht gefunden.

Selbst die aktuelle Beuys-Retrospektive im Hamburger Bahnhof, dem Berliner Museum für Gegenwart, liefert sie nicht.

Im Gegenteil: Die Stille um das Erbe von Joseph Beuys wird um so rätselhafter, je länger man durch die Werkschau streift, die im Rahmen des Berliner Ausstellungsfestivals "Kult des Künstlers" den Mann mit dem Hut ausgiebig feiert.

Ungerührt von der unangemessen phrasenhaften "Künstlerkult"-Dachmarke breiten die Kuratoren Eugen Blume und Catherine Nichols auf nicht weniger als 5000 Quadratmetern insgesamt 270 Exponate aus dem Beuys-Universum aus. Neben den großen und weitgehend bekannten Installationen, wie der Werkgruppe "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch" (1958|85) oder der demontierten Kassler "Honigpumpe am Arbeitsplatz" (1977), geben Zeichnungen, Vitrinen mit Dokumenten, Drucke und Poster Auskunft über den erweiterten Kunstbegriff, der oftmals auf - heute schwer nachvollziehbaren - Widerspruch traf. Über Monitore flimmern die zahlreichen Interviews, Vorträge oder Aktionen und vermitteln das Bild eines medialgewandten wie omnipräsenten Künstlers. Beuys, das macht die Ausstellung deutlich, war jemand, der zu den Medien und unter die Menschen ging, um sowohl seine Kunstauffassungen als auch die Idee einer direkten Demokratie populär zu machen.

Trotzdem gelang es ihm immer, sein Werk vor dem Abgleiten in billigen Agitprop zu bewahren. Selbst als ihn der "Spiegel" 1979 auf den Titel hievte, genügte eine Signatur vom Meister, um das Blatt zu einer Beuys-Edition umzudefinieren. Dass jenes Multiple auch in der Schau zu finden ist, beweist wieder einmal den Ehrgeiz der Kuratoren, eine möglichst umfassende Ausstellung zu präsentieren. Dieses Unterfangen ist gelungen. "Beuys. Die Revolution sind wir" will alles bieten. Und dennoch läuft sie gerade deshalb Gefahr, den Fokus zu verlieren. Denn um die Philosophie des Joseph Beuys zu verdeutlichen, hätte es nicht einer derartigen Wucht an Exponaten bedurft.

Was die Ausstellung ihren Besuchern hingegen schuldig bleibt, ist eine Antwort auf die Frage, ob die Beuyssche Utopie heute noch Gültigkeit hat oder ob er mit seinem erweiterten Kunstbegriff gescheitert ist. Soll die durchgehend bekräftigte Weltzugewandtheit des Künstlers nicht zur rhetorischen Platitüde gerinnen, dann wäre es sinnvoll gewesen, diesen Aspekt zu beleuchten.

Doch dazu braucht es keine ehrfurchtsvolle Materialschlacht, sondern ein Ausstellungskonzept, das die Verwobenheit von Joseph Beuys' Kunst im Filz der Geschichte tatsächlich ernst nimmt. Termin: bis 25. Januar. Katalog: Steidl Verlag, 49 Euro. Internet: www.beuysinberlin.org, www.kultdeskuenstlers.de

Bildunterschrift:

Neben Werkgruppen wie "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch" (1958/85) bietet die Berliner Schau vor allem eine reiche Dokumentensammlung