Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 120-121
"Dort ist der Hunger nach Kunst groß"
Von
Kunstzentrum Kiew: Warum Eckhard Schneider für Oligarch Pinchuk arbeitet
Wenn Victor Pinchuk zur Vernissage in sein in Kiew gegründetes "Pinchuk Art Centre" lädt, dann kommen sie eingeflogen: Stars der internationalen Kunstszene wie Damien Hirst oder Jeff Koons posieren dann Arm in Arm mit ihrem ukrainischen Mäzen. Der 48-jährige Oligarch, der nach dem Ende der Sowjetunion mit Stahlgeschäften zu sagenhaftem Reichtum gekommen ist, investiert derzeit kräftig in zeitgenössische Kunst. Sein jüngster Coup: Er hat den langjährigen und erfolgreichen Direktor des Kunsthauses Bregenz, Eckhard Schneider, als Leiter für sein Kunstzentrum gewonnen, eines der größten Museen für Gegenwartskunst in Osteuropa. Im Gespräch mit art-Korrespondent Gerhard Mack erklärt der 65-jährige deutsche Kunsthistoriker, warum es ihn in die Ukraine zog: art: Sie haben das Kunsthaus Bregenz zu einer angesehenen Adresse in der europäischen Kunstlandschaft gemacht. Wieso sind Sie nach Kiew gegangen?
Schneider: Ich kann dort meine Fähigkeiten einsetzen, um etwas Neues aufzubauen, das der Kunst dient, zur Entwicklung der ukrainischen Gesellschaft beiträgt.
Wie sieht das konkret aus?
Ich bin verantwortlich für alle Kunstaktivitäten der "Pinchuk Foundation" und leite das "Pinchuk Art Centre". Es wurde 2006 eröffnet und verfügt im Herzen von Kiew auf fünf Stockwerken über 4000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Hier wurde kürzlich eine Doppelausstellung mit Werken von Andreas Gursky und Arbeiten aus der Sammlung Julia Stoschek gezeigt. Die 20- bis 30- Jährigen stehen dafür Schlange.
Dort gibt es einen großen Hunger nach zeitgenössischer Kunst.
Die Ausstellung "Reflection" - in der unter anderem Werke von Koons, Hirst und Takashi Murakami gezeigt wurden - haben hier 150 000 Menschen angesehen.
Ist diese große Nachfrage für Sie der ent scheiden de Unterschied zu Westeuropa?
Im Westen gibt es eine ge wisse Kulturmattigkeit, in Kiew haben die Menschen noch direkten emotionalen Kontakt zu Kunst.
Die junge Generation befindet sich im Aufbruch und ist auf einen geistigen Input angewiesen, wie ihn Kunst geben kann. Man arbeitet hier nicht für einen inneren Zirkel oder den Jet-Set. Uns geht es um das Commitment der Künstler und die Anbindung an die Gesellschaft. Danach richten wir das Programm aus.
Gursky und Stoschek, die privat ein Paar sind, bieten westliche Topkunst. Wie beziehen Sie die ukrainische Kunstszene ein?
Pinchuk wie auch mir ist der Dialog zwischen nationalem und internationalem Geschehen sehr wichtig. Für den Wes ten liegt Kiew ja noch weit im Osten, man weiß nicht viel darüber.
Das wird sich ändern, wenn wir Kunst aus der Ukraine und anderen Ländern des Ostens im internationalen Kontext zeigen. Wir wollen das unter anderem mit einem nationalen und einem internationalen Kunstpreis fördern.
Pinchuks Sammlung umfasst mehr als 300 Werke, darunter Arbeiten von Damien Hirst, Olafur Eliasson und Jeff Koons. Sie sollen sie ausbauen, welches Budget haben Sie zur Verfügung?
Es ist ein Budget, das internationalen Maßstäben entspricht. Wir messen uns in langer Sicht mit Häusern, die in Paris, Berlin oder London stehen.
Etwa mit einem Institut wie der Tate Modern in London?
Das ist ein gutes Beispiel. Ich habe gerade mit Direktor Nicholas Serota darüber gesprochen, wie die Tate Modern begonnen hat und dann zu einem kulturellen Motor für ein Quartier und für die ganze britische Gesellschaft wurde. Ähnliches wollen wir hier erreichen.
Pinchuk ist Oligarch. Wie verlässlich ist sein Engagement für die Kunst?
Wenn ich von seiner Passion und Ernsthaftigkeit ausgehe, ist es sehr verlässlich. Spekulative Absichten sehe ich keine. Dann wäre ich nicht gekommen.
Müssen Sie nicht Repressionen befürchten?
Nein, hier kommt keine Polizei und schließt Ausstellungen. Die Ukraine ist da schon viel offener, die Pres se- und Meinungsfreiheit sind viel größer, als wir es von Russland kennen.
Internet: www.pinchukartcentre.org
Bildunterschrift:
Besucher drängen sich vor dem "Pinchuk Art Centre"
In Kiew: Eckhard Schneider
Arm in Arm mit den Stars der internationalen Kunstszene: Victor Pinchuk (Mitte) mit Damien
Hirst und Jeff Koons (rechts), von denen er Arbeiten gekauft hat
Im "Pinchuk Art Centre": Alexander Gnilitskys "Dacha" (hinten), "Candy Wrapper" von Dschanna Kadyrowa (rechts)
Videoarbeit "Living Rooms" von Charles Sandison - Videolounge und Bar, entworfen von Philippe Chiambaretta
Prominente Vernissage- Gäste: Box-Stars Wladimir (links) und Vitali Klitschko mit TV-Moderatorin Katja Osadcha
Stellten bei Victor Pinchuk (rechts) gemeinsam aus: Fotograf Andreas Gursky und Kunstsammlerin Julia Stoschek
