Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 123
Es weht ein eisiger Wind
Von Claudia Bodin
Bankenkrise: New Yorks Museen müssen sparen
Ein gewaltiger Sturm würde demnächst über New Yorks Kulturinstitutionen hinwegfegen, warnte die Tageszeitung "The New York Sun" und ging nicht viel später selbst pleite. Der ganz große Sturm blieb aus, aber es weht ein eisiger Wind: New Yorks Stadtverwaltung hat die Finanzhilfen für Kulturinstitutionen gekürzt.
Häuser wie das Museum of Modern Art und das Jewish Museum, die ihre Kapitaleinlagen mit Investitionen bei risikofreudigen Hedge-Fonds vermehren wollten, müssen aufgrund der Turbulenzen an der Börse große Verluste wegstecken. MoMA-Chef Glenn D. Lowry kündigte umgehend einen Einstellungsstopp und zehn Prozent Einsparungen bei den Betriebskosten an. Denn in finanziell angespannten Zeiten schrumpfen auch die privaten Spenden, auf die US-Museen besonders angewiesen sind.
Was die Krise anheizte, war die Insolvenzerklärung der Investmentbank Lehman Brothers. Die Konkurrenz Merrill Lynch wurde von der Bank of America geschluckt.
Und der Versicherungs- Gigant American International Group, zu dem die kulturfördern de Stiftung Starr Foundation zählt, musste von der US-Notenbank gerettet werden. Damit stecken zwei wichtige Geldgeber für die Kunst in Schwierigkeiten, und ein großer Gönner verabschiedete sich ganz. Die Liste der Muse en, die von der 158 Jahre alten Firma Lehman Brothers mit Zuwendungen bedacht worden waren, liest sich wie ein New Yorker Kulturführer.
Gelder flossen an das Metropolitan, an das Brooklyn Museum, an die Asia Society, die Frick Collection, das International Center of Photography, das New Museum und das Whitney. Lehman hatte Zuschüsse zur Renovierung des Lincoln Center for the Performing Arts zugesagt. Die Banker steckten 2006 hinter der Brice- Marden-Retrospektive im MoMA und waren Hauptsponsor einer Jackson-Pollock-Schau im Guggen heim. Auch in Europa unterstützten sie Häuser wie die Tate Modern, die Tate Britain und die Ro yal Academy of Arts in London.
Der Louvre in Paris und das Frankfurter Städel-Museum stehen ebenfalls auf der Liste der Empfänger. Lehman spendete vergangenes Jahr 39 Millionen Dollar (etwa 28 Millionen Euro), darunter aber auch große Summen für soziale Projekte.
Das MoMA ist von der Lehman- Misere am direktesten betroffen.
Sitzt doch Kathleen Fuld, die Frau des in Ungnade gefallenen Lehman-Chefs Richard Fuld, im Vorstand. Neben der Privatsammlung der Fulds, die Teile da von bei Christie's zu Geld machten, verfügt das bankrotte Bankhaus über eine Sammlung von 3500 zeitgenössischen Arbeiten.
Hinzu kommt eine feine Sammlung von 900 Werken, darunter Arbeiten von Neo Rauch, und Andreas Gursky, die zur Lehman- Tochter Neuberger Berman gehörte. Zwar wurde diese Firma vom Insolvenzverfahren ausgeschlossen und von zwei privaten Finanzinvestoren gekauft. Doch was mit der Kunst passieren wird, ist unklar.
Wie sich mit der Krise Geld verdienen lässt, führte indes Geoffrey Raymond vor. Der Maler brachte sein Porträt von Richard Fuld zur Wall Street und ließ es von Bankern, die gerade ihren Job verloren hatten, mit Sprüchen beschriften.
Dann verkaufte er es für 10 000 Dollar - angeblich an einen früheren Lehman-Angestellten.
Bildunterschrift:
Krisengewinnler: Geoffrey Raymond ließ sein Porträt von Lehman-Chef Richard Fuld mit Sprüchen beschriften
