Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 80-81

Ein teuflisches Psychoduell

Von

Von Bildern fühlt sich Andreas Maier selten verfolgt. Doch die unheimlichen Augen von Diego Velázquez' "Papst Innozenz X." haben ihn in Rom in die Flucht geschlagen

Blickwechsel Schriftsteller und ihr Lieblingsporträt SERIE (2)

Nur einmal habe ich erlebt, dass ein Porträt die Kraft hatte, mich anzuschauen, als sei es ein lebender Mensch. Normalerweise ist es etwas völlig anderes, von einer Person in einer konkreten Situation angeschaut zu werden oder in die Augen eines gemalten Bildnisses zu sehen. In letzterem Fall sind wir autarke Betrachter, wir bewerten, analysieren, werden vielleicht zum Voyeur - aber in unserer Betrachterposition bleiben wir allein und behalten die Macht über die Situation.

Es sei denn, wir knien vor einem religiösen Bild nieder, sind von dem Dargestellten irgendwie angewidert oder kommen in merkliche sexuelle Erregung.

Trotzdem interagieren wir nicht mit dem Bild wie mit einem Menschen. Selbst wer dazu neigt, vor gewissen Darstellungen zu onanieren, würde das angesichts der tatsächlichen Person vermutlich eher nicht tun. Das Bild ist kein Mensch, sondern stellt ihn dar. Freilich haben mich viele Bilder schon mit großer Intensität angesehen. Mit welch unendlicher Sanftmut und welcher Liebe können mich Christusbilder anschauen, seien sie aus Westeuropa, seien sie aus dem Osten. Aber auch Sanftmut und Liebe genießen wir vor einem Bild schließlich nur ideal, weil ja bei uns zu nichts führt, was wir da sehen. Vielleicht würde der sanftmütige Christus, stünde er uns leibhaftig gegenüber, uns Betrachter im nächsten Augenblick dazu ermahnen, nicht so scheinheilig zu schauen, sondern uns klar darüber zu werden, was wir selbst für brutale, gottesferne Personen sind. Er würde uns Demut lehren. Dann müßten wir reagieren.

Aber ein Bild kann so etwas nicht. Gemeinhin nicht. Wie gesagt, mit einer Ausnahme.

Wenn man in Rom die Galleria Doria Pamphilj betritt, kann man dort immer wieder ein- und dasselbe Phänomen beobachten. "Papst Innozenz X." hängt in einem kleinen eigenen Raum direkt neben dem Hauptgang. Die sonstigen Bilder in der Galerie sind eng nebeneinander postiert, nur dem Papst ist ein Sonderraum gewidmet.

Innozenz hängt an der linken Wand, er ist vom Hauptgang aus nicht zu sehen. Wenn man den Raum betritt, weiß man also noch nicht, was einen erwartet. Folgendes ist nun zu beobachten: Man sieht die Besucher den Gang entlanglaufen, da und dort Bilder betrachten, dann betreten sie den kleinen Raum und bleiben plötzlich wie erstarrt stehen.

Man kann diesen Moment genauer beschreiben. Beim Betreten drehen die Besucher den Kopf nach links und sehen erst einmal nur, dass da ein Bild hängt. Der Blick fährt über die Leinwand, möglicherweise über den roten Umhang, über die beringte Hand oder die Knopfleiste, aber nur, um sofort einzurasten, wenn er auf die Augen des Papstes trifft. In dem Moment (es ist ein Moment der unerwarteten Überwältigung im wörtlichen Sinn, wie bei einem beginnenden Kampf) bleibt der Besucher stehen, bewegt sich erst einmal nicht und wendet dann erst, nach einem Augenblick der Besinnung, den restlichen Körper nach links, um das Bild näher zu betrachten. Aber was heißt hier: das Bild betrachten! Nein, das ist es nicht. Vielmehr fährt man weiter damit fort, dem Papst in die Augen zu schauen. Das macht man eine ganze Weile - und man fühlt sich nicht wohl dabei, ohne freilich zunächst zu begreifen, warum. Später glaubt man sich von diesem Blick etwas emanzipiert und wendet seine Augen zur Kopfbedeckung, zum Bart, aber nur, um mit einem eigenartigen Gefühl des Erwischtwordenseins doch gleich wieder in Innozenz' Augen schauen zu müssen. Und jetzt wird einem klar: Es ist nicht so, dass Velázquez Innozenz bloß als jemanden gemalt hat, der in meine Augen sieht. Nein, er beobachtet mich. Und das Teuflische an dem Bild ist, dass ich das auch noch in dem Augenblick weiß, wenn ich ganz woanders hinschaue. Seine Augen verfolgen mich. Es ist ein Blickduell, dem man nicht ausweichen kann. Und man verliert es. Es dauert eine Weile, bis man vor dem Bild zugibt, dass man da jemanden vor sich hat, der die Situation, in der man sich gerade befindet, psychisch vollkommen dominiert. Tritt vor mich hin und werde klein!

Das Bild beherrscht den Betrachter. Selbst wenn man versucht, sich dem Bild zu entziehen, indem man den Raum verlässt, fühlt man sich mies und besiegt. Man hat dem Blick nicht standgehalten und sich feige davongemacht.

Ja, es ist erniedrigend, vor dieses Bild zu treten. Die Betrachter begreifen meist gar nicht, wie ihnen geschieht, trippeln irgendwann unruhig hin und her und verlassen dann fluchtartig den Raum, um nie wiederzukommen.

So kann Kunst sein! Den Betrachter auf immer und ewig in die Flucht schlagen, weil man ihn gnadenlos ein Psychoduell gegen ein tyrannisches Bild verlieren lässt. Übrigens muss man das in der Galleria Doria Pamphilj selbst erleben. Abbildungen geben das nicht her.

Hätte Velázquez so einen Jesus mit seiner Sanftmut und Liebe gemalt, würde jeder Betrachter wahrscheinlich sofort wahnsinnig und aus dem Fenster springen. Es wäre nicht auszuhalten. Innozenz, den Papst, verlässt der Betrachter immerhin mit eingeklemmtem Schwanz.

So kann einen die Galleria Doria Pamphilj unversehens Demut lehren: Was bist du, Mensch, dass du nicht einmal ein Bild bestehst?

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Kasten:

ANDREAS MAIER 1967 in Bad Nauheim geboren, studierte Altphilologie an der Universität Frankfurt am Main und promovierte über den österreichi schen Schriftsteller Thomas Bernhard. Sein viel beachteter erster Roman "Wäldchestag" (2000) wurde mit dem Li teraturförderpeis der Jürgen-Ponto-Stiftung und dem As pekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Danach kamen die beiden Romane "Klausen" (2002) und "Kirillow" (2005), "Bullau" mit Christine Büchner und "Ich.

Frankfurter Poetikvorle sungen" (2006). Alle Bücher erschienen im Suhrkamp Verlag, wo im Januar 2009 auch sein neuer Roman "Sanssouci" veröffentlicht wird, der in Potsdam spielt.

Bildunterschrift:

Es ist nicht so, dass Velázquez bloß jemanden gemalt hat, der in meine Augen schaut. Nein, er beobachtet mich!

"Papst Innozenz X." (1650, 140 x 120 cm) von Diego Velázquez