Ausgabe: 12 / 2008

Zwischen Kunst und Gemütlichkeit

Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt die Herausforderungen des modernen Stils

WOLFSBURG: INTERIEUR/EXTERIEUR - WOHNEN IN DER KUNST

TILL BRIEGLEB

Der moderne Architekt hat seinen Kunden gerne hinter Glas, der moderne Mensch aber liebt seine Rollos und Vorhänge. Der Streit zwischen privat und öffentlich schwelt seit den zwanziger Jahren, als Bauhaus-Architekten den Innenraum mit Panoramascheiben nach außen verlängern wollten, den Mietern Privatsphäre auf dem Präsentierteller aber unangenehm war. Vergleicht man Büroneubauten und Einfamilienhaussiedlungen, dann wirkt zumindest in Deutschland der Zwist so unversöhnlich wie nie.

Die einen sind Paradies für Voyeure, die anderen Wohnnester hinterm Jägerzaun.

In Wolfsburg wird die Spannung von Transparenz und Cocooning nun in einer großen Ausstellung auf dem Feld von Kunst und Design durchgespielt. Beginnend mit der Romantik und dem Biedermeier lädt die Themenschau "Interieur/Exterieur - Wohnen in der Kunst" zu einem Streifzug durch die Herausforderungen des modernen Stils ein - und zeigt dabei diverse Versuche, den Widerspruch aufzulösen. Moderne Höhlenwelten wie Verner Pantons "Visiona 2" von 1970 suchen den Kompromiss in psychedelischen Formen. Werner Sobeks Wohnei aus Glas "R 129" experimentiert mit Offenheit und Rückzug durch intelligente Verdunkelungsfolien.

Und Nachempfindungen von Walter Gropius' Haus Muche oder Piet Mondrians Atelier zeigen, wie selbstbewusst der Baustoff Licht einen Raum gestalten kann.

Ein zweiter tragender Gegensatz der Ausstellung ist der von freier und angewandter Kunst. Obwohl die Manie zu Entgrenzungen, Synergien und Umwertungen dazu geführt hat, dass der Unterschied von Hoch- und Gebrauchskultur scheinbar obsolet geworden ist, will Kunstmuseumsdirektor Markus Brüderlin, der die Schau kuratiert hat, die feine Trennung deutlich machen. Brüderlin ist sich durchaus bewusst, dass sich Kunst und Design in den letzten 100 Jahren näher gerückt sind, will die unterschiedlichen Qualitäten der zwei Disziplinen aber dennoch sinnlich darstellen.

"Wir schaffen Analogien in Gegenüberstellungen, um den Besucher da zu anzuregen, die Differenzen zu sehen." Auf einem Parcours, der von dem Ausstellungsarchitekten Dieter Thiel im Rhythmus von geschlossenen und flexiblen Räumen gestaltet wird, stehen nun die Wohnkapseln der in Los Angeles lebenden Künstlerin Andrea Zittel im leichtgängigen Interieur von Jasper Morrison.

Die amorphen Raumteiler von Ronan und Erwan Bouroullec werden kontrastiert mit einem Iglu von Mario Merz. Und die minimalistische Malerei von Niele Toroni trifft auf die Ornamente der Wiener Sezession. Zahlreiche Künstler, die sich mit Interieur künstlerisch beschäftigt haben, sollen das Konfliktfeld von Kunst und Gemütlichkeit weiter ausloten. Von Edvard Munch über Donald Judd zu Matthias Weischer werden in Wolfsburg rund 70 Positionen der letzten 150 Jahre zeigen, was Wohnwelten über das menschliche Dasein zu erzählen wissen.

Termin: 29. November bis 13. April 2009.

Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro.

Internet: www.kunstmuseum-wolfsburg.de

Bildunterschrift:

Eric Fischls Ölgemälde "Sunroom Scene 1" (2002, 198 x 305 cm)

Wohnen in der modernen Höhlenwelt des Verner Panton: "Phantasy Landscape Visiona 2" (1970)

Henri Matisse: "Am Fenster in Nizza", entstanden um 1919 (92 x 65 cm)

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