Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 74-79

Genosse Künstler

Von Axel Hecht

Mit seinen fröhlich-bunten Agitationsbildern wurde Walter Womacka zum ersten Staatskünstler der DDR. Heute bessert er sich mit Stillleben die Rente auf. Ein Malerleben im 20. Jahrhundert

Der Maler Walter Womacka, 82, hat in seinem Leben schon viele Freunde gehabt. Walter Ulbricht, erster Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und langjähriger Staatsratsvorsitzender der DDR gehört dazu, ebenso wie Markus Wolf, bis 1986 stellvertretender Stasi-Minister und Chef der Auslandsspionage.

Der Maler Walter Womacka war aber auch beim einfachen Bürger populär:

Sein Gemälde eines junges Paars "Am Strand" von 1962 schmückte Buchund Illustriertentitel und war bis zum Mauerfall das am meisten reproduzierte Bild der DDR. Überhaupt kam hier keiner an Womacka vorbei: Sein Mosaikfries am "Haus des Lehrers" nimmt mit sieben Metern Höhe und 125 Metern Länge eine Fläche von 800 Quadratmetern ein. Das Riesenwerk am Berliner Alexanderplatz mit seinen plakativen Agitprop- Szenen wurde von 2002 bis 2004 aufwändig restauriert. Für den Amtssitz des Staatsrats, ganz in der Nähe, entwarf Womacka 1964 Glasfenster mit Motiven "Aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung". Noch Kanzler Gerhard Schröder empfing vor den farbsatten Andachtsbildern gern internationale Gäste.

Heute sitzt Walter Womacka in seinem großzügigen Atelier am Spittelmarkt in Berlin-Mitte und malt handliche Stillleben, mediterran anmutende Landschaften und Stadtansichten unter schweren Hauptstadthimmeln. Die Helden aus Politik und Arbeit hat die Geschichte mitgenommen, Menschen lässt Womacka meist nur noch klein und schemenhaft aufscheinen. Im Vordergrund glänzen verführerisch reife Äpfel oder Kirschen mit tiefroter Haut.

Walter Womacka ist ein zufriedener Mensch - und ein gefragter Maler.

"Mindestens einmal die Woche", so der Künstler, "ruft ein Kunde an, der ein Bild haben will." Wenn auch die Museen in West wie Ost derzeit keine Womacka-Werke zeigen, seine von routiniertem Handwerk geprägten Stillleben finden guten Absatz - das beweist auch der Vorrat an vergoldeten Rahmen, die unter einem Tisch gestapelt sind. Der Künstler hat durchaus unternehmerischen Sinn.

"Viele Leute, die zu meinen Ausstellungen kommen, haben nicht viel Geld.

Wenn die 3000 Euro für eine Landschaft ausgeben, dann ist das viel für sie." Aber es gibt auch Großsammler, wie den westfälischen Makler Heinz- Hermann Meermann, der Womacka schon mal einen Katalog finanziert und deswegen als Mäzen firmiert. Für diese Klientel sind die größeren Formate an den Wänden des Ateliers: Ein Stadtbild, 120 mal 150 Zentimeter groß, das Berlin-Mitte von oben zeigt kostet, so Womacka, "zwischen 15 000 und 20 000 Euro". Der wirtschaftliche Erfolg macht ihn im Alter unabhängig.

Womacka: "Die Rente, ich bekomme etwa 1800 Euro, ist sicher höher als die vieler anderer. Aber ich bin zum Glück nicht darauf angewiesen. Die Rente reicht mal eben für die Miete." Bei der Nachfrage trifft es sich gut, dass der Künstler noch heute ein fleißiger Mann ist. Jeden Tag arbeitet er bis 15 Uhr im Atelier. Seine Malerwerkstatt liegt in einem Viertel aus der Endzeit der DDR. Ein für damalige Zeiten recht komfortabler Plattenbau, bei dessen Planung die Wünsche des dreimaligen Nationalpreisträgers berücksichtigt wurden: Sechs Meter ist der Ar beitsraum hoch, die Glasfenster lassen viel Licht herein und geben den Blick frei auf die Spree; über eine Holztreppe erreicht Womacka die Wohnräume im ersten Stock, in denen er mit seiner Frau Hanni lebt.

Hanni ist die große Liebe des Künstlers. Womacka, 1925 im böhmischen Obergeorgenthal (heute Tschechien) geboren, war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zwar in amerikanische Gefangenschaft geraten, jedoch 1949 vom niedersächsischen Braunschweig nach Weimar an die "Staatliche Hochschule für Baukunst und Bildende Künste" gewechselt.

In Thüringen hatten sich die 1945 aus Böhmen ausgewiesenen Eltern Womackas sowie seine Brüder niedergelassen.

In Weimar hat er 1951 auch seine Frau Hanni geheiratet.

Der Kunststudent Womacka, obwohl nur mit moderaten Noten ("im Ganzen gut") beurteilt, war ehrgeizig. Über Dresden kam er nach Berlin, 1953 wurde er bereits Assistent an der Kunsthochschule Weißensee - mit einem Gehalt von 600 Mark. Und politisch hatte er sich längst arrangiert.

Am Nachmittag des 5. März 1953 zog er, gemeinsam mit vielen anderen, die befohlen waren, über die Stalin-Allee, um den Tod des sowjetischen Diktators zu betrauern. Im Westen Berlins verteilte er Flugblätter, um "für die Friedensvorschläge der Sowjetunion zu werben". In seiner vor wenigen Jahren veröffentlichten Selbstbiografie "Farbe bekennen" erinnert sich Womacka:

"Ich handelte aus Parteidisziplin, aber auch aus innerer Überzeugung." Auch der Maler Womacka wusste, was sich in der Deutschen Demokratischen Republik gehörte: Bereits 1951 hatte er sein erstes politisches Bild "Friedensdemonstration" abgeliefert, es folgte das "Fischerfrühstück", 1956 schwenkte er dann mit den "Rübenhackerinnen" und "Rast bei der Ernte" (1958) in den Motivkanon mit Bildern aus dem Leben der Werktätigen ein, den er bis zum Ende der DDR bedienen sollte.

Womacka, ein eher bedächtiger Mensch, fuhr jetzt flott auf der Erfolgsschiene der DDR: Durch die Entwürfe für einige Filmplakate zu Geld gekommen, konnte er sich ein Auto leisten - und bekam den sowjetischen Moskwitsch sofort ausgeliefert. In einem Land, in dem der einfache Bürger nur nach jahrelangen Wartezeiten ein Auto bekam, reichte das bereits zur Legendenbildung.

Der Aufstieg des Künstlers Womacka ging zügig weiter. Im Jahr 1956 durfte er nach Bulgarien reisen, wenig später war er in Ägypten. Bis zum Niedergang der DDR sollte er die ganze Welt kennen - mit Ausnahme von Australien.

Und so haftete ihm auch nie dieser Mief von Enge und Spießertum an, der so viele Funktionäre der DDR kenntlich machte. Denn ein Funktionär war dieser Walter Womacka inzwischen auch geworden: Im Jahr 1959 bereits wurde er Vizepräsident des mächtigen Künstlerverbands der DDR, 1965 Professor der Kunsthochschule Weißensee, die er von 1968 bis 1988 als Rektor leitete. Schon das war eine Karriere.

Doch der eigentliche Aufstieg des Walter Womacka fand in der breiten Öffentlichkeit statt. Im Herbst 1961 fragte ihn der Architekt Hermann Henselmann, ob er beim "Haus des Lehrers", dem ersten Stahlbetonskelettbau der DDR, die Kunst übernehmen wolle.

Für die Prestige-Architektur am Alexanderplatz hatte Henselmann - von ihm stammten auch die Entwürfe für die pompöse Stalin-Allee - zwar an einen international so geschätzten Maler wie den mexikanischen Muralisten David Alfaro Siqueiros gedacht, "doch renommierte auswärtige Künstler", so sagte er Womacka, "seien für uns einfach zu teuer. Teurer als 300 000 bis 400 000 Mark dürfe das Ganze nicht kommen".

So wurde Womacka die Aufgabe übertragen, Entwürfe für das über alle vier Gebäudeseiten laufende Riesenmosaik anzufertigen. Als Womacka seine ersten Entwürfe dem "Leitkollektiv" vorstellte, darunter der Berliner SED-Bezirkschef Paul Verner und der kulturelle Chefideologe Alfred Kurella, wurde er abgekanzelt: Seine Idee "vier Wände - vier Elemente" wurde als "unmarxistische, metaphysische Darstellung" verworfen. Womacka erwies sich als gelehriger Schüler.

Seine nächsten Entwürfe mit Bildern aus der sozialistischen Gegenwart wurden angenommen. Freilich mit leichten Korrekturen. Zitat: "An der Vorderseite soll die Friedenstaube nur einmal erscheinen." An der Rückseite "sollen in der Mitte der Fläche als zentrale Figuren ein Angehöriger der Nationalen Volksarmee und ein Kämpfer der Kampfgruppe erscheinen als Symbol für den Schutz des frohen Lebens in unserer Republik".

Womacka gehorchte, wurde zwei Jahre für den Staatsauftrag von seiner Lehrtätigkeit freigestellt und begann mit den vom "VEB Stuck und Naturstein, Abt.

Mosaik" lieferbaren Keramiken zu experimentieren.

Am 9. September 1964 erfolgte die Übergabe. Die Reaktionen waren, so erinnert sich der Künstler "weitgehend positiv. Selbst in Mexiko, wo der ‚Muralismo' zu Hause war und Orozco, Rivera und Siqueiros eine Reihe berühmter Wandgemälde geschaffen hatten, kannte man bald diese Arbeit." Das muss Womacka damals mit stiller Genugtuung dem Architekten Henselmann hingerieben haben.

Von Stund an war Womacka in der DDR der Mann fürs Plakative.

Schließlich hatte er seine Lektion zum offiziellen Kunstwerk gelernt: "Ein solches Bild ist nichts fürs Museum. Es muss dekorativ, schmückend, optimistisch sein. So etwas schafft man nicht mit Depressionen." Womacka war optimistisch und Anlässe und Aufträge gab es genug. In Eisenhüttenstadt zeigte er Bürgern und Bonzen im Rathaus "Unser neues Leben" - ein Natursteinmosaik von zwölf Metern Länge und sechs Metern Höhe. Vergleichbares wurde auch in Berlin gebraucht. Für das neue Staatsratsgebäude entwarf Womacka die Glasfenster mit Szenen aus der Arbeiterbewegung. Auch hier trat Berlins SED-Chef Paul Verner, inzwischen Intimfeind des Künstlers, als Zensor auf. Angesichts zweier geschundener KZ-Häftlinge auf den Vorzeichnungen blaffte Verner: "Das geht nicht!" Womacka: "Was soll da nicht gehen? Das ist auch Teil der Geschichte." Verner: "Unmöglich. Wir lau fen dann an einem Toten und einem Halbtoten vorbei." Noch gab Womacka sich nicht geschlagen:

"Walter Ulbricht hat den Entwürfen zugestimmt. Ich werde nichts ändern!" Verner: "Du wirst das Motiv rausschmeißen." Später erreicht den Maler eine Notiz. "Ich bitte die KZSzene zu entfernen. Walter Ulbricht." Resigniert schreibt Womacka in seinen Erinnerungen: "An die Stelle der Nazi-Opfer setzte ich das klassische Dreigestirn: Bäuerin - Arbeiter - Wissenschaftler." Obwohl der erste Mann des Staats Womacka diesmal die Unterstützung versagt hatte, hielt die fast freundschaftliche Verbindung. Ende der sechziger Jahre ließ Ulbrichts Frau Lotte Womacka bei einem Besuch der Kunsthochschule beiläufig wissen:

"Walter möchte von dir gemalt werden." Bei der ersten Sitzung, die über vier Stunden dauerte, sagte Ulbricht seinem Maler, ihm schwebe ein repräsentatives Bild vor. Schließlich nahm Womacka das Bild mit in sein Landhaus auf der Insel Usedom, um es in den Sommerferien fertigzustellen. Ulbrichts, die bei Rostock Urlaub machten, kamen zu Besuch, dem Staatsratsvorsitzenden gefiel das Porträt. Nicht so Ehefrau Lotte. "Die Hände", sagte sie, "die Hände sind zu groß." Womacka in seinen Erinnerungen: "Walter schüttelte den Kopf. Er habe nun einmal solche Hände. Er sei Tischler. Von der Malerei verstünden sie doch nichts.

Lotte blieb bei ihrer Auffassung." Womacka hält Ulbricht bis heute die Stange: "Ulbricht hat sich nicht gescheut, mit Intellektuellen und mit Künstlern zu sprechen. Honecker war da vollkommen anders. Der steckte voller Minderwertigkeitskomplexe." Auf Womackas Leben wirkte sich der Machtwechsel nicht negativ aus. Bei der künstlerischen Ausstattung des späten Prestigeprojekts "Palast der Republik" bekam er einen Ehrenplatz.

Der Maler revanchierte sich mit dem ideologischen Leitbild "Wenn Kommunisten träumen". Doch auch so mancher Kapitalist schätzte seine inzwischen von der amerikanischen Pop Art beeinflusste Malerei: Sein in Synchronmanier aufgebautes Bild der Arbeiterin "Erika Steinführer" von 1981 erwarb wenig später der Aachener Unternehmer und Großsammler Peter Ludwig.

Rückblickend sagt Womacka, die Zeit in der DDR sei die bessere Hälfte seines Lebens gewesen. Der Künstler hat dafür seinen Preis gezahlt. "Womacka ist das Beispiel dafür", so urteilte vor kurzem die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "wie die Treue zur Partei den Stil zerstört." Inzwischen ist der Künstler nur noch seiner Malerei verpflichtet. Was deren öffentliche Wirkung betrifft, so wird er seit kurzem von einem Freundeskreis unterstützt, der auch die alljährlichen Ausstellungen seiner Werke in der Galerie im Palais am Festungsgraben 1 hinter der Neuen Wache organisiert.

Prominentestes Mitglied im Freundeskreis ist Egon Krenz, 1989 für wenige Wochen als Nachfolger Honeckers Staatsratsvorsitzender und Generalsekretär der SED. Krenz hat seit der Wende keine Ausstellung Womackas ausgelassen. Während seiner fast vierjährigen Haftzeit (bis 2003) hatte Krenz zum Ausstellungsbesuch im Palais stets Freigang beantragt. Der auch gewährt wurde.

Termin: bis 22. Dezember. Walter Womacka.

Menschen und Meer. Galerie im Palais, Berlin.

Literatur: Walter Womacka. Farbe bekennen.

Verlag Das neue Berlin, 2004.

Internet: www.walter-womacka.de

Bildunterschrift:

Stadtansichten, Tierbilder und Strandidyllen auf Vorrat: Walter Womacka in seinem Berliner Atelier

Natursteinmosaik von 1958 im Rathaus Eisenhüttenstadt: "Unser neues Leben"

"Aus dem Leben der Kinder", Fenster für eine Krippe in Eisenhüttenstadt (1956)

Bei der Nachfrage trifft es sich gut, dass Womacka ein fleißiger Mann ist

KZ-Opfer unerwünscht:

"Aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung", Glasfenster im Gebäude des DDRStaatrats von 1964

Freigang vom Depot: DDR-Ikone "Am Strand" lagert im Museum Eisenhüttenstadt

Womackas aus FDJ- und Gewerkschaftsbesitz, heute im Kunstarchiv Beeskow

Optimistische Bauchbinde: Mosaik "Unser Leben" am Berliner Haus des Lehrers, fertiggestellt 1964

Ulbricht, Honecker, Krenz - die Vorliebe für Womacka scheint erblich