Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 92-93

Schweinchen und Schlächter

Von Mirja Rosenau

In der Kestnergesellschaft präsentieren sich die Brüder mit listiger Niedlichkeit

HANNOVER: JAKE & DINOS CHAPMAN

Wenn Jake, 42, und Dinos Chapman, 46, eine neue Werkgruppe ankündigen, darf man das Schlimmste befürchten. Lustvoll haben sich die britischen Brüder in der Vergangenheit als böse Buben der Kunst inszeniert.

Keine Provokation, die sie nicht gewagt hätten, kaum ein Tabu, das ungebrochen blieb: Nicht genug, dass sie Kinderkörper monströs miteinander verschweißten - sie pflanzten ihnen an Stelle von Mund und Nase auch noch ausgewachsene Genitalien ein. Auch in ihren lebensgroßen Arrangements gefolterter, zerstückelter, verwesender, von Würmern, Schnecken und Fliegen zerfressener Körper, bewiesen die Künstlerbrüder einige Liebe zum schonungslos realistisch ausgeformten Detail. In "moralische Panik" wollten sie ihre Betrachter versetzen, haben die beiden notorischen Schocker ihre Quälstrategie einmal treffend erklärt.

Ihr großes Hauptwerk schließlich beanspruchte, nichts Geringeres als die Hölle selbst zu sein: Über mehrere Vitrinen hin weg entfaltete die Miniaturlandschaft "Hell" (1998/2000) ein filigranes Szenario der totalen Gewalt. Für alle, die bis da hin nicht wussten, dass noch der zivilisierteste Mensch im Herzen ein Schlächter ist, wurden die Schaukästen zu Hakenkreuzen angeordnet, die handbemalten Zinnfigürchen in Nazi-Uniformen gesteckt.

Dem Lagerhausbrand, der diese Apokalypse en miniature 2004 vernichtete, haben wir eine formale Läuterung zu verdanken:

Plötzlich präsentierten sich die Chapmans ganz harmlos - zumindest auf den ersten Blick. Ihre eilig für eine anstehende Ausstellung produzierte, nun in die Kreidezeit verlegte Ersatzhölle ("Hell - Sixty-Five Million Years BC", 2004/05) lässt zwar noch immer den Basteleifer der Brüder erkennen. Die erbarmungslos offen gezeigten Gewaltexzesse aber sind fröhlich gebastelten Pappdinosauriern gewichen. Die mögen vereinzelt noch ihre Stoßzähne blecken - jedes Kind ist heute Expliziteres gewöhnt.

In der Kestnergesellschaft werden neben den niedlichen Wellpappendinos nun außerdem Schweine, Hasen, Schafe und Ziegen gezeigt, die wacklig auf Toilettenpapierrollen stehen und den Besucher her zensbrecherisch mit ihren Styroporkugelaugen anschielen. Aus überarbeiteten Kindermalbuchseiten ("My Giant Colouring Book" und "Etchasketchathon", 2004/05) bricht sich das Grauen allerdings dann doch schon wieder Bahn: Hut zelige Hütten bringen die Chapmans zum Explodieren, Teddys bluten aus hässlichen Narben, Riesenspinnen aus der Feder der beiden sadistischen Zeichner fallen übers fröhliche Rotkäppchen her. Denn ihr finsteres Menschenbild haben sich die Brüder natürlich erhalten. Und "Meine kleine Farm" reimt sich bei ihnen auf "Farm der Tiere", George Orwells düstere Gesellschaftsallegorie:

Für alle, die der idyllischen Tierschau vorschnell trauten, wird der Text in Hannover über Lautsprecher eingespielt.

Termin: 28. November bis 15. Februar 2009.

Katalog: erscheint Mitte Januar.

Internet: www.kestner.org

Bildunterschrift:

Von den Chapmans eilig als Ersatz für ihre verbrannte "Hölle" produziert: "Hell Sixty-Five Million Years BC" (2004/05), hier im Kunsthaus Bregenz