Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 91

Rumpeln gegen die Schwermut

Von Kito Nedo

Eine Einzelausstellung des Mexikaners im "Espace 315" des Centre Pompidou

PARIS: DAMIÁN ORTEGA

Lachen oder Fürchten? Das wusste man nicht so genau beim Anblick der Installation, die Damián Ortega im Sommer vor zwei Jahren für die vierte Berlin-Biennale in einer Erdgeschosswohnung in der Auguststraße aufgebaut hatte. Sobald man sich den Möbeln in der kargen Wohnung näherte, fingen diese bedrohlich an zu zucken und verweigerten sich so der ihr zugedachten Funktion.

Die störrischen Stühle und das rumpelnde Bett gehörten zu den beliebtesten Arbeiten und boten einen Moment der befreienden Irritation in der ansonsten ziemlich schwermütigen Biennale. Es ist der einfache, unpathetische Ansatz, der das Werk Ortegas so besonders macht. Um seine künstlerischen Ziele zu erreichen, schickt der 1967 in Mexiko-Stadt geborene und seit zwei Jahren in Berlin lebende Künstler ein Denkmal auf Rollen durch den New Yorker Central Park ("Obelisco Transportable", 2007) oder zerlegt einen der in Mexiko noch immer sehr populären VW-Käfer in seine Einzelteile, nur um das Auto anschließend zu einer frei schwebenden Komposition wieder zusammenzufügen ("Cosmic Thing", 2002).

Diese Arbeit sorgte auf der Venedig- Biennale 2003 für viel Aufsehen. Das lag sicherlich nicht nur an der Übertragung des Wo-ist-was-Prinzips technischer Handbücher in den dreidimensionalen Raum, sondern vor allem an der Erkenntnis, dass es tatsächlich mal eine Zeit gegeben haben musste, zu der die technischen Dinge des Alltags grundsätzlich noch durchschaubar waren. Beim Preis der Nationalgalerie 2007 zeigte Ortega schließlich mit neun altmodischen Filmprojektoren umfallende Ziegelsteinreihen auf einer Berliner Stadtbrache. Es gibt also eine kleine sentimentale Vorliebe für antiquierte Techniken und einfache Verfahren im Werk des Mexikaners, der vor sei ner Künstlerkarriere sein Geld als Karikaturenzeichner für Zeitungen verdiente.

Auch für seine Installation im "Espace 315", dem Ausstellungsraum für junge Kunst im Centre Pompidou, bedient er sich beim klassischen Prinzip der Camera obscura, um die Idee eines begehbaren Rasterbilds in die Realität eines Raums umzusetzen. Wie in einer überdimensionalen Experimentieranordnung sollen sich 6000 schwebende Farbmodule vor dem Auge des Betrachters an einem bestimmten Punkt im Raum zu einem Bild zusammenfügen.

Wie das Publikum in der alten Hauptstadt des Impressionismus darauf reagieren wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht werden die Leute lachen, vielleicht werden sie sich fürchten. Gut möglich, dass sie einfach nur staunen.

Termin: 12. November bis 9. Februar 2009.

Katalog:18 Euro. Internet: www.centrepompidou.fr

Bildunterschrift:

Simulation des Urknalls: Die Installation "Kontrolleur des Universums" aus gefundenen Werkzeugen und Drähten zeigte Ortega 2007 in London