Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 69
Dämonen der Amerikanisierung
Von Thomas Wagner
Die Kritiker der Frankfurter Murakami-Ausstellung übersehen einen wichtigen Punkt, meint : Seine superflache Kunst ist gegen weinerlichen Exorzismus resistent
Hier geht es ums große Geschäft, und das würde schlicht nicht laufen, wären Murakamis quallenäugige Monster und Hybriden einfach nur dummes Zeug
So viel ist klar: Wenn sich, wie im Fall von Takashi Murakami, der derzeit mit blumenbunten Flächenbombardements, infantilen Monstern und den Plüschtieren und Buttons seiner Firma Kaikai Kiki Co., Ltd. das Frankfurter Museum für Moderne Kunst besetzt hält, die Kritik nahezu komplett einig darüber ist, Künstler und Werk seien indiskutabel, dann muss an der Sache etwas dran sein. Die Schau ist perfekt organisiert und präsentiert, die Regeln des Markts werden befolgt, Deutungen des hierzulande kaum bekannten japanischen Kontextes bereitgestellt - und doch sind viele beleidigt und rufen: Schnell weg hier!
Nein, ich bin nicht alarmiert, weil mir diese Kunst fremd ist. Und ich muss sie auch nicht ablehnen, weil, womit ich groß geworden bin, jetzt in der Kunst wiederkehrt: die Standardisierung der Gefühle mittels Merchandising- Nippes von Darth Vader bis zu den Schlümpfen.
Da für ist Murakamis gelecktes, mit den kämpfendes Puppentheater und nationalhistorisches Erlösungsprojekt einfach zu perfekt und zu vergiftet. Vor allem: Murakami hält sich nicht mit Kleinigkeiten auf. Hier geht es ums Ganze, nämlich ums große Geschäft, und das würde schlicht nicht laufen, wäre diese Wunderwelt voll quallenäugiger Monster und Hybriden einfach dummes Zeug. Murakami trifft einen Nerv der Zeit, und es gilt herauszuarbeiten, warum das so ist.
Dabei hilft es wenig, wenn man sich über die langen Copyrighthinweise unter den Bildern beschwert, gar keines druckt oder, wie dpa, ganz auf einen Bericht verzichtet.
Noch immer steht es jedem frei, ein einzelnes Bild oder eine Skulptur zu kommentieren und den Firnis des Kommerzes mit Hilfe der ätzenden Kraft des Wortes aufzulösen.
Aneignung wird eben nicht nur materiell vollzogen. Doch statt die Macht der Kommentars zu nutzen, wird über das Diktat angesagter Labels gemeckert, die wahrlich nicht erst mit Murakami Einzug gehalten haben, und statt sich den Fragen zu stellen, die Murakami aufwirft, schiebt man Künstler-Unternehmern der Vergangenheit wie Rembrandt oder Warhol lieber einen Begriff von Original unter, der schon zu ihrer Zeit keinerlei Relevanz besaß, und weil so eine Werkstatt oder Factory noch nach Handwerk oder Boheme riecht, ignoriert man ihre unternehmerische Struktur.
Kommt aber einer wie Murakami und macht ernst mit Businesskunst, Unternehmertum und Kommerzialisierung, dann spitzt man säuerlich den Mund, fühlt sich düpiert und reagiert mit Ausgrenzung. Doch die diabolische Niedlichkeit seiner monströsen Kinder erweist sich als resistent gegen solch weinerlichen Exorzismus.
Für wie neu und für wie bedrohlich hält man Murakamis Strategien eigentlich? Corporate Design, Corporate Identity, Corporate Culture, Urheberrecht, Copyright und Marketing sind nun mal die entscheidenden Ingredienzen eines globalisierten Kunstmarkts. Wer sie einzusetzen weiß, kontrolliert die Vermarktungskette. Sind Werke von Hirst, Koons und Richter, Gursky oder Baselitz etwa keine Markenartikel, nur weil sie in kleinen Auflagen oder als Unikate vertrieben werden und daraus ihren Wert generieren?
Nicht nur Luxusgüterproduzenten, auch andere Hersteller, bis hin zur Autoindustrie, haben erkannt, wie wichtig eine wieder erkennbare Identität ist, und gehen rigoros gegen den Missbrauch ihres geistigen Kapitals vor. Kritisierbar bleiben sie trotzdem. Daran aber, wie man Murakamis Geschäftsmodell einordnet, entscheidet sich, welchen Begriff des Künstlers man in der Kunst der Gegenwart als dominant erkennt. Hier versagt eine Kritik, die sich lieber im eigenen Biedermeier einrichtet als genau hinzuschauen. Überdies ist Murakamis Kunstindustrie, die auf westliche Tiefe mit östlicher Verflachung antwortet, als Phänomen einfach zu erfolgreich, als dass ihr überhebliche Ignoranz etwas anhaben könnte.
Hallo, wir leben in einem globalisierten Kapitalismus, und davon ist auch der Raum der Kunst nicht ausgenommen.
Sollte das den Kommentatoren trotz Finanzmarktkrise entgangen sein? Dass diese im Kunstbetrieb erhebliche Bremsspuren hinterlassen wird, ist unausweichlich. Zu rück zu den idyllischen Verhältnissen führt das trotzdem nicht.
Beunruhigender ist, dass der Schrecken in Murakamis Welt nicht mehr mit der Wucht einer Bombe, sondern in einer niedlichen, banalen und universalen Gestalt auftritt. Die Monster sind unter uns. Sie lächeln freundlich und blecken die Haifischzähne.
