Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 32-40

Herr über Raum und Linie

Von Gerhard Mack

Sein Werk umspannt das 20. Jahrhundert. Bauhausgeschult blieb der Architekt, Bildhauer, Grafiker und Designer Max Bill der klaren Linie treu - und war doch immer zeitgemäß. Am 22. Dezember wäre er 100 Jahre alt geworden

Das Baby schaut auf dem Arm seiner Mutter mit großen Augen zur Seite und hört auf zu schreien: Ein Rollschuhfahrer an ihm vorbei, dreht sich über einem auf dem Boden liegenden Steinblock und wedelt durch eine Reihe von Toren davon. Die Frau sitzt mit ihrem Kind auf einem der Steine der "Pavillon-Skulptur", die Max Bill am Paradeplatz zwischen den Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse an der Bahnhofstraße in Zürich platziert hat. Blank polierte Quader aus Granit liegen, stehen, bilden Bänke, Schwellen und Tore. Wo Geldhäuser, Juweliere und Designershops aufeinander folgen, schaffen sie einen öffentlichen Raum, den die Menschen selbstverständlich nutzen - niemand kann sich mehr vorstellen, dass in der Stadt eine heftige ästhetische Auseinandersetzung geführt wurde, bis das Werk 1983 eingeweiht werden konnte.

Die Zürcher Plastik ist vielleicht das schönste Beispiel für Bills Gestaltung von Raum. Auf "Raumbeherrschung", wie er das nannte, zielte alles, was der Tausendsassa der Schweizer Kunst aus dem letzten Jahrhundert machte: Sie prägt seine Bauten ebenso wie die Ausstellungen, die er einrichtete.

Und sie ist die Grundlage, wenn er auf Gemälden Farbflächen zueinander legt oder wenn er als Grafiker Texte und Bilder auf dem Papier verschiebt.

Gelernt hat er den Umgang mit Raum am Bauhaus in Dessau ausgerechnet in den Malklassen von Paul Klee und Wassily Kandinsky.

Bill stammte aus einem kunstsinnigen Elternhaus. Der Vater war stellvertretender Bahnhofsvorsteher in Winterthur und im Vorstand des historischen Vereins, die Mutter stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie und verehrte Ferdinand Hodler, gemeinsam besuchte man sonntags das Kunstmuseum. Zwei Onkel waren überdies Maler. Max Bill war ihnen und der Malerei zugetan; als er 1926 einen Vortrag von Le Corbusier hörte, gab es jedoch nur noch ein Lebensziel: Architekt zu werden.

Er absolvierte gerade an der Zürcher Kunstgewerbeschule eine Ausbildung als Silberschmied. Als er Anfang 1927 von der Schule flog, weil er eines Morgens von einer Faschingsparty noch "halb geschminkt und zu spät", so erinnerte er sich später, zum Unterricht erschien, kam Bill der Rauswurf gerade recht. Er wollte nach Dessau ans Bauhaus. Die Schule strahlte als Avantgardezentrum nach ganz Europa aus.

Er bewarb sich erfolgreich, brachte den Vater dazu, für die Hälfte der Kosten aufzukommen, und bestritt die an dere Hälfte von dem Geld, das er 1925 für den ersten Preis beim Plakatwettbewerb der Schokoladenfabrik Suchard bekommen hatte.

In Dessau lernte Bill ab April 1927 bei Josef Albers den ökonomischen Umgang mit Material. An einen Tipp von Laszlo Moholy-Nagy erinnerte er sich noch im hohen Alter: "Er hat mir ein Bild von Picasso gezeigt und hat gesagt, da hat der Picasso für diesen Maßstab genau den richtigen Pinselstrich gemacht." Dass alles die passende Proportion haben müsse, prägte fortan Bills Überlegungen, egal, ob er den berühmten "Ulmer Hocker" entwarf oder ob er malte.

Vor allem aber überraschte ihn in Dessau, wie verführerisch die Malerei wirkte. Obwohl eigentlich "praktische Sozialprodukte" gefordert waren, sei er der "maladie de la peinture" erlegen.

Er sprach mit Paul Klee schweizerdeutsch, traf sich gerne mit Wassily Kandinsky und "produzierte ein ganz beachtliches Quantum von Aquarellen", wie er sagte, von denen viele an Klee erinnern. Als er bei einem Unfall auf der Bauhausbühne die Hälfte seiner Zähne verlor, musste er die Schule im Sommer 1928 nach drei Semestern verlassen; die Zahnbehandlung verschlang das vorhandene Geld.

Max Bill kehrte in die Schweiz zurück und suchte sich in Zürich mit Grafik über Wasser zu halten. Er entwarf Plakate für das Apollo-Kino in Zürich, Briefpapier für Burckhardt- Architekten und einen Prospekt für eine Zementfabrik in Straßburg. Er benutzte Balken, Kreise und Punkte, setzte Zickzacklinien und Pfeile, die in den ersten Jahren noch an Klee und Kandinsky erinnern. Der Erfolg der "bill-reklame" stellte sich jedoch erst richtig im Winter 1931 mit der ersten Inserateserie der Schweiz für das Zürcher "zett-haus" ein. Zuvor fuhr der 21-Jährige im Frühjahr 1930 mit seinen Aquarellen nach Paris. Die Galeristin Jeanne Bucher lehnte sie zwar ab; immerhin stellten Pablo Picasso, Georges Braque, Fernand Léger und Max Ernst bei ihr aus. Aber sie gab dem forschen jungen Schweizer einen Rat: "Wir alle lieben Paul Klee. Fangen Sie an, unabhängig zu arbeiten, dann werde ich Sie in einem Jahr ausstellen." Das Neue fand Bill in einer Ausstellung der Gruppe "cercle et carré", an der neben Piet Mondrian, Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp auch Antoine Pevsner und Georges Vantongerloo teilnahmen, mit denen er später befreundet war. Und er las in Paris die Zeitschrift "art concret", in der Theo van Doesburg den Begriff "konkret" zum ersten Mal benutzte.

Was er in Paris entdeckte, brachte er nach der Rückkehr nach Zürich mit den Erfahrungen am Bauhaus zusammen.

"Ich sah, dass ich einen neuen Weg finden müsste", erinnerte er sich später und suchte ihn in einer Analogie zur "mathematischen Denkweise" der Musik. 1936 veröffentlichte er sein Manifest zur "konkreten Kunst". In der als demokratisch erachteten Kleinschrift formuliert er: "konkrete kunst nennen wir jene kunstwerke, die aufgrund ihrer ureigenen mittel und gesetzmäßigkeiten - ohne äußerliche anlehnung an naturerscheinungen oder deren transformierung, also nicht durch abstraktion - entstanden sind." Kunst ist ein Experimentierfeld des Geistes, Bill auch im Alltag ein fast wissenschaftlicher Beobachter. Stolz, aber mit neugieriger Distanz hält er 1942 den kleinen Sohn Jakob auf einem Foto in die Höhe.

Mit seinen Texten gewann Max Bill im Kreis der abstrakten und surrealistischen Künstler, die sich in Zürich 1937 zur Gruppierung "Allianz, Vereinigung moderner Schweizer Künstler" zusammenschlossen, schnell Profil. Er wurde zum Wortführer der "Zürcher Konkreten" und prägte das Bild der Gruppierung im Ausland. Richard Paul Lohse, Camille Graeser und Verena Loewensberg galten bald als die weiteren Hauptvertreter einer Position, in der Geometrie und Kalkül dominierten. Nach der Schließung des Bauhau ses und der Ächtung gegenstandsloser Kunst durch die Nationalsozialisten wurden Zürich und die Schweiz von der Grafik übers Produktdesign bis zur Architektur und Kunst zu einem Hort der neuen Gestaltung.

Für den Künstler Gottfried Honegger wurde Bill "die Inkarnation des Bauhauses" schlechthin.

In Max Bills Skulpturen und Bildern entfaltet die Liebe zur Geometrie ihren ganzen Reichtum. Er teilt Flächen, spiegelt Symmetrien und legt diagonale, horizontale und vertikale Achsen bis hin zu dem komplexen "horizontal-vertikal-diagonal-rhythmus" von 1942. Auf dem Grafikzyklus "Fünfzehn Variationen über ein Thema" von 1936 bis 1938 entwickelt er aus einem offenen Dreieck ein offenes Achteck und formuliert die Struktur immer wieder anders. Das Gemälde "ein schwarz bis acht weiss" von 1955 zeigt im typischen Raster aus Quadraten die Abstufung von Farbwerten.

Anderen Werken liegt die Gleichheit von Farbmengen zugrunde. All das lässt sich zwar aufzählen wie ein Kochrezept.

Was den Geschmack des Gerichts dann aber ausmacht, kann niemand wirklich sagen. Bill hat nicht umsonst darauf hingewiesen, dass der so geometrische Mondrian seine Bilder intuitiv konzipierte, intuitiv hat auch er seine Farben gewählt. Ähnliches gilt auch für Bills skulpturales Werk. Wer könnte schon von sich behaupten, die Verschlaufungen der Skulptur "Kontinuität" vor den Türmen der Deutschen Bank in Frankfurt am Main wirklich zu verstehen?

Dass in dem Granit Aussen- und Innenseite des steinernen Bandes wechseln, wissen wir, weil wir das Prinzip des Möbius-Bandes kennen - aber sehen können wir es nicht. Anschauung und Intellekt liegen in einem ständigen Kampf. Für Karl Gerstner, einen Konkreten der zweiten Generation, hat Bill in seinen Skulpturen denn auch gezeigt, wie sich die Vorstellung vom Raum mit Albert Einsteins Relativitätstheorie ver ändert hat. "Dass man in der Kunst zum Ausdruck bringt, dass etwas nicht ein dreidimensionaler Raum ist, sondern ein unerklärlicher Raum, wo der Anfang immer wieder ins Ende übergeht, dass man das in Kunst integriert und daraus ein ästhetisches Objekt macht, das finde ich großartig. Diese Art von Bewusstsein eines ganz neuen Geisteszustands zu schaffen, ist kaum einem so gut gelungen wie Bill." So gegenstands- und keimfrei diese Kunst auf der bisweilen hochpolierten Oberfläche daherkommt - Bill war viel zu lebenslustig und wach für den Elfenbeinturm. Gottfried Honegger erinnert sich an den älteren Mitschüler der Zürcher Kunstgewerbeschule als "einen Schönen": "Er war beliebt und nahm das Leben von der vergnügten Seite." Bill liebte schnelle Autos, war mit Kurzhaarschnitt und Anzug in der Öffentlichkeit stets präsentabel, und Binia, seine erste, 1988 gestorbene Frau, hielt fest, wie er mit Louis Armstrong samt Band vorm Wohnhaus in Zürich-Höngg vorfuhr. Vor allem aber hatte Bill politisches Bewusstsein:

Als die Nazis die Bauhauskünstler verfolgten, engagierte er sich nicht nur mit der grafischen Gestaltung von nazikritischen Publikationen, sondern gewährte Verfolgten Zuflucht.

Er wurde über 50 Jahre, bis hin zu seinem Eintreten gegen den Vietnamkrieg und Atomenergie in den sechziger und siebziger Jahren, vom Schweizer Staatsschutz observiert.

Ungeachtet seines Engagements ist Bill oft kritisiert worden.

So galt sein architektonisches Hauptwerk, die epochalen Bauten der "Hochschule für Gestaltung" in Ulm, manchen als billiger Aufguss des Bauhauses in Dessau. Bill hatte die Schule zusammen mit Inge Scholl und Otl Aicher Anfang der fünfziger Jahre mit Unterstützung der Alliierten gegründet und bis zu seinem frühen Rücktritt 1956 als erster Rektor geleitet.

"Billig" war für ihn kein Schimpfwort im Sinn von wertlos, billig war etwas, das angemessen sein und den Menschen nützen sollte. Seine Bilder bezeichnete er als "Dinge für den geistigen Gebrauch". Seine Architektur wollte mit einem ökonomischen Einsatz von Mitteln einen anregenden Lebensraum schaffen. Die Ulmer Hochschule beeindruckt auch heute noch durch den freien Rhythmus, in dem die Volumen um den Hang gelegt sind, und durch die atmenden Raumfolgen im Innern. Seine Wohn- und Atelierhäuser in Zürich-Höngg und in Zumikon hat Bill aus Fertigbauteilen konzipiert. Sie waren Experimente für günstigen großzügigen Wohnraum und hatten "nicht zur Folge, dass ich Aufträge bekommen hätte, andere bauen zu können", wie er vermerkte.

Als er im Dezember 1994 nach einer Sitzung des Bauhaus-Archivs in Berlin im Flughafen Tegel tot zusammenbrach, hinterließ Max Bill ein Erbe, das von der Minimal Art und der Architektur der "Schweizer Kiste" bis zur lebensweltlichen Verbindung von Gestaltung und Kunst fruchtbar geblieben ist. Kaum ein anderer Künstler prägte und verkörperte das 20. Jahrhundert mit seinen Ideen so wie Bill.

Seine Asche verstreute Angela Thomas, mit der er die letzten zwanzig Jahre zusammen und seit 1991 verheiratet war, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf der Pavillon-Skulptur in Zürich.

Ausstellungen: "Max Bill 100", bis 22. März 2009, Haus Konstruktiv, Zürich, www.hauskonstruktiv.ch; "Max Bill - Aspekte seines Werkes", bis 15. März 2009, Wilhelm-Wagenfeld-Haus, Bremen. Katalog:

Verlag Niggli, 29,90 Euro, 30 Euro im Buchhandel, www.wilhelm-wagenfeld-stiftung.de; "Max Bill. Die gute Form", bis 18. Januar 2009, Ulmer Museum. www.museum.ulm.de Literatur: Hrsg. Jakob Bill:

"Max Bill - Funktion und Funktionalismus. Schriften 1945-1988", Benteli Verlag 2007, 25 Euro; Hrsg.

Jakob Bill: "Max Bill am Bauhaus", Benteli Verlag 2008, 24 Euro; "Max Bill; ohne Anfang ohne Ende", Verlag Scheidegger & Spiess 2008, 34 Euro; Angela Thomas: "Mit subversivem Glanz. Max Bill und seine Zeit", Band 1: "1908-1939", Verlag Scheidegger & Spiess 2008, 49 Euro, Band 2 erscheint voraussichtlich im Herbst 2010; "Max Bill. Maler, Bildhauer, Architekt, Designer", Hatje Cantz Verlag 2005, 39,80 Euro. Film: "Max Bill - Das absolute Augenmaß", Regie und Buch: Erich Schmid, Start 4. Dezember, www.maxbillfilm.ch

Bildunterschrift:

Studie in Proportionen: "acht-teiliger rhythmus" (1942, 90 x 60 cm)

Es werde Geometrie: Max Bill bei der Arbeit an einer Kleinskulptur aus Metall, Ende der vierziger Jahre

Nach drei Semestern verließ Bill das Bauhaus - eine Zahnbehandlung hatte alles Geld verschlungen

Oft von Bill variiert: die Verschlaufung "kontinuität" (1946/1982, 41 x 36 x 48 cm), hier aus poliertem und anschließend vergoldetem Kupfer

Max Bill - die Karriere von 1927 bis 1983

1. Selbstporträt, Radierung, aquarelliert, auf Papier (1927, 13 x 10 cm). 2. Das Tafelbild "komposition 2" (1931, 58 x 48 cm). 3. Plakat für die "wohnausstellung neubühl" (1931, 128 x 91 cm). 4. Plakat für eine Ausstellung mit "negerkunst. prähistorische felsbilder südafrikas" im Kunstgewerbemuseum Zürich (1931, 128 x 91 cm). 5. Plakat für das Möbelgeschäft "wohnbedarf" in Zürich (1932, 128 x 91 cm).

6. Das selbst entworfene Wohn- und Atelierhaus von Max Bill im Zürcher Stadtteil Höngg, fotografiert um 1937 von seiner Ehefrau Binia Bill

"Kontinuität" aus sardischem Granit steht seit 1986 vor der Deutschen Bank in Frankfurt am Main

Lange ahmte Bill sein Idol Paul Klee nach - bis ihn die Idee einer mathematischen Malerei ergriff

Das Gemälde "gelber neuntel" (1959/69, 62 x 62 cm)

7. Max Bill bei der Aufstellung einer Gipsversion seiner Skulptur "Kontinuität" von 1947. 8. Plakat für die Ausstellung "die farbe" im Kunstgewerbemuseum Zürich (1944, 128 x 91 cm). 9. Max Bills architektonisches Hauptwerk: die Ulmer Hochschule für Gestaltung, Anfang der fünfziger Jahre entstanden. Links der Blick von der Terrasse auf den Schultrakt.

Rechtes Bild: Schultag in der Hochschule für Gestaltung, deren Mitbegründer und erster Rektor Bill war; hier ein Blick in den "Grundlehre"-Unterricht von 1955. 10. Küchenuhr mit Kurzzeitmesser, Entwurf von 1951 für die Firma Junghans

Spätes Gemälde: "drei schwarz und drei bunt zu weiss" (1983, 200 x 200 cm)

11. Bestrahlungslampe für Novelectric (1951). 12. Armbanduhr für Junghans (1956/62) in Varianten bis heute immer wieder aufgelegt.

13. Der berühmte "Ulmer Hocker" (Hocker für zwei Sitzhöhen) - entworfen 1954 zusammen mit Hans Gugelot 14. Plakat für eine Ausstellung über den Künstler Marcel Duchamp im Kunstgewerbemuseum Zürich (1960, 128 x 91 cm)

15. "Pavillonskulptur II" aus Holz und Metall (1969, 315 x 315 x 315 cm)

Geometrie und Intuition schließen sich nicht aus - im Gegenteil: Sie ergänzen einander

Bill war kein Künstler für den Elfenbeinturm: Er liebte schnelle Autos, schöne Frauen - und den Jazz

16. Max Bill mit seiner späteren zweiten Ehefrau Angela Thomas, 1980 während eines Besuchs bei Ray Eames in Kalifornien.

17. Bills "Pavillon- Skulptur" in der Zürcher Bahnhofstraße - sie wurde 1983 eingeweiht