Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 22-29

Malerei mit Denkblase

Von Kito Nedo

Mit dem Hype der Leipziger Malerstars will Henriette Grahnert nichts zu tun haben. In ihren ironisch aufgeladenen Bildern nimmt sie deren Pathos auf die Schippe - ein Atelierbesuch

Still ist es auf dem ehemaligen Fabrikhof in Leipzig-Plagwitz:

Ausgestorben liegen die Backsteingebäude in der Morgensonne, keine Klingel, kein Wegweiser verraten den Weg zu Henriette Grahnerts Atelier. Erst auf den Anruf mit dem Mobiltelefon folgt eine Geste, jemand winkt aus einem Fenster - dort muss es sein. Hinauf, durch ein dunkles Treppenhaus, in dem die Malerin einem entgegenkommt. Das Atelier selbst ist ein karger Raum, dessen Beschränkung auf das Wesentliche ein strenges Arbeitsregime verrät: ein roh gezimmerter Verschlag für die Leinwände, Malutensilien, ein Tisch, ein Wasserkocher und eine abgewetzte Couch - auf dem Fensterbrett welken ein paar vernachlässigte Grünpflanzen vor sich hin. In den umliegenden Räumen befänden sich ebenfalls Ateliers, erzählt Grahnert, doch für die Dauer des Besuchs verrät nicht ein einziges Geräusch die Anwesenheit anderer Menschen im Gebäude.

Auch wenn solche Atelierbesuche zu den rituellen Handlungen im Kunstbetrieb gehören, nicht immer folgt ihr Ablauf den Gesetzen der Routine. Hier bei Henriette Grahnert ist schon nach wenigen Minuten klar, dass die Künstlerin nicht gewillt ist, die Showfrau zu spielen, die vor dem staunenden Besucher eine ausgefeilte Präsention ihres aktuellen Schaffens abrollen lässt. Statt dessen pflegt sie lieber eine gelassene Reserviertheit, hinter der sich weniger eine Strategie, sondern mehr die Sorge verbergen mag, nur als eine weitere Figur des Leipziger Hypes mit begrenzter Haltbarkeitsdauer durch die Spalten der Feuilletons und Kunstmagazine zu geistern.

Als ehemalige Studentin des mittlerweile emeritierten Professors der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), Arno Rink, durch dessen Schule auch Malerkollegen wie Neo Rauch, Tim Eitel, Tilo Baumgärtel, David Schnell und Christoph Ruckhäberle gingen, und vertreten durch den Spinnerei- Galeristen Matthias Kleindienst, kann sie sich nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen. Schwieriger hingegen ist es schon, seine Eigenständigkeit zu behaupten und die Leute zum genauen Hinschauen zu zwingen. Dass sie also trotz Freundschaftsverhältnissen in der Malerei die Distanz zu anderen Leipzigern pflegt, dürfe man, so Grahnert, also bitte nicht als falschen Hochmut missverstehen:

"Ich vertrete einfach eine andere Position." Am sichtbarsten ist es noch die malerische Virtuosität - der jedoch sympathischerweise jede altmeisterliche Attitüde fehlt - welche die 1977 in Dresden geborene Künstlerin mit den anderen HGB-Absolventen ihrer Generation verbindet. Auch wenn sie sich nach dem Abgang von der Akademie vor vier Jahren "erst mal locker machen" musste: "Alles fühlte sich ein bisschen verkrampft an." Neben der Technik sind es zudem die gedeckten Farbtöne, die ihre Leipziger Prägung verraten.

Doch auf die typischen Sujets verzichtet sie konsequent: Weder sind ihre Gemälde von pelzigen Traumwesen bevölkert, noch turnen traurige Pionier- oder Arbeiterfiguren um kulissenhafte Bungalowbauten in dunkel raunenden Tannenwäldern.

Die coole Aseptik im Werk manches Kollegen ist ihren Bildern fremd. Eher scheinen Grahnertspathos- und surrealismusfreie Bilder, die zwischen Offenheit und Geschlossenheit sowie Minimalismus, Figuration und Abstraktion pendeln, gewisse Verwandtschaftsverhältnisse zum Werk der Engländerin Fiona Rae oder der Amerikanerin Laura Owens zu pflegen.

Denn ähnlich wie ihre Kolleginnen gehört Grahnert zur Guerilla-Abteilung der zeitgenössischen Malerei, die mit taktischer Versiertheit und ausgefeilter Camouflage immer dort angreift, wo man es als Betrachter am wenigsten erwartet. Bei der Leipzigerin ist es etwa das mehrdeutige Spiel mit verschiedenen Materialien, das den Betrachter in falscher Sicherheit wiegt. Irgendwann kommen aber Zweifel:

Ist jedes vermeintliche Klebeband tatsächlich geklebt oder gemalt? Gibt es diese Klebepunkte tatsächlich in dieser Farbe zu kaufen? Mal verweist der Einsatz von Sprühdosen auf die Graffititechniken anarchischer Street- Art-Künstler, mal meint man das geleckte Portfolio einer Grafikdesignerin vor Augen zu haben. Und doch handelt es sich hier um klassische Malerei - die sich allerdings weder um akademische Regeln oder Erwartungen des Publikums schert.

Zum Verwirrspiel auf technischer und materialästhetischer Ebene tritt der souveräne Einsatz irritierender Bildtitel. Was ist zum Beispiel von der wackeligen Konstruktion geometrisch ineinander verkeilter Bilderrahmenleisten vor monochromem Hintergrund zu halten, die ihren Abschluss in einer farbverschmierten Socke findet und der die Malerin den Titel "Tanzendes Genie" (2005) verpasst? Oder von der Formation rautenförmiger Farbobjekte, die vor einem schmutziggrauen Himmel schwebt, der auch eine Wand mit schlecht übermalten Graffiti sein könnte? Die Bildunterschrift dazu: "Da fliegen sie dahin die schönen Emotionen" (2007). Rätselhaft ist auch, in welchem Zusammenhang die Wortgruppe "Ja gesagt, oh nein gedacht" (2007) mit dem Abgebildeten steht, das einem kunstvoll kolorierten Maschendrahtzaun oder einer wolkigen Denkblase ähnelt - oder auch eine graue Pfütze sein könnte, die mit einem bizarren Karomuster verschönert wurde. Vermutungen bestimmen die Betrachtung, Gewissheiten stellen sich nicht ein.

Sollen solche Bilder vielleicht ironisch sein? "Ja", sagt Grahnert, zum Teil seien diese Werke tatsächlich "mit einem Augenzwinkern" gedacht, um jedoch gleich hinterherzuschicken, dass sie keineswegs eine "lustige Malerin" sei. "Es wäre schön, wenn man beides haben könnte, Humor und Ernsthaftigkeit. Deshalb liebe ich Tragikomisches - wenn man ein ernstes Thema mit Humor verarbeiten kann." Am nächsten steht Ihr hier vielleicht der Berliner Bildhauer Thomas Rentmeister, dessen Nutellaund Penatencreme-Skulpturen ja auch öfters als naiv-formale Spielerei missverstanden werden. Wer sich die Mühe macht, kann aber auch eine Menge Boshaftigkeit in Rentmeisters wie auch Grahnerts Arbeiten entdecken. Für die Malerin jedenfalls ist das Werk des Bildhauers eine große Quelle der Inspiration.

Als sie im vergangenen Sommer einen Wunschpartner für eine Gruppenausstellung im kleinen Ort Hohenlockstedt in Schleswig-Holstein vorschlagen sollte, war Rentmeister ihre erste Wahl.

Die beiden neuen Arbeiten, die dort nun zu sehen sind, treiben das Verwirrspiel mit den Zeichen, den Widerstreit zwischen offener, unfertig wirkender malerischer Form, Objekthaftigkeit und der Hermetik des Abstrakten auf die Spitze. Für "Sportsfreundin"( 2008) fixierte Grahnert zwei Gummibälle mit Hilfe zweier spitz zulaufender Riemen an der Leinwand.

Im Ergebnis ähnelt das Werk in seiner formal reduzierten Form an den berühmten Badeanzug, den der Komiker Sacha Baron Cohen in seiner Kinosatire "Borat" trug. Solcherlei Assoziationen begrüßt Grahnert als Freiheit des Betrachters, denn ihre Arbeit begreift sie als eine Art von Spurenlegen. All ihre Bilder seien auf ihre Art ganz und gar verständlich, erklärt Grahnert, die die anfängliche Reserviertheit im Laufe des Gesprächs abgelegt hat. Ein bisschen ähnelt sie dabei ihrem Werk, dass sich zunächst spröde gibt und doch einen großen Reichtum an Verweisen birgt.

Ausstellungen: bis 14. Dezember 2008, "Untitled, 6 x 2, 2008", Arthur-Boskamp-Stiftung M.1, Hohenlockstedt, www.arthurboskamp-stiftung.de; 7. Dezember bis 1. März 2009, Museum der bildenden Künste, Leipzig, www.mdbk.de Literatur: Jeannette Stoschek, Henriette Grahnert, Sandstein Verlag, 10 Euro. Galerien: Galerie Kleindienst, Leipzig, www.galeriekleindienst.de, Sutton Lane, London/Paris, www.suttonlane.com

Mehr Bilder von Henriette Grahnert: www.art-magazin.de/kunst/Grahnert

Bildunterschrift:

"O. T." (Leinwandstapel) von 2005 (200 x 80 cm)

Keine Showfrau:

Henriette Grahnert in ihrem Atelier in einem ehemaligen Fabrikgebäude in Leipzig-Plagwitz, fotografiert von Jörg Gläscher

Auch wenn sie an derselben Schule wie Neo Rauch studiert hat, will Henriette Grahnert keine Figur des Leipzig-Trends werden

"Schön getrunken" (2007, 180 x 150 cm)

Grahnerts pathosfreie Bilder pendeln zwischen Offenheit und Geschlossenheit, zwischen Minimalismus, Figuration und Abstraktion

Spielraum für Assoziationen:

Grahnerts Bilder (im Uhrzeigersinn von links oben)

"Sportsfreundin" (2008, 110 x 79 cm), "Drei Kollegen" (2005, 41 x 49 cm), "Made out of bad glue" (2008, 190 x 155 cm) und "Backstage Styling" (2008, 180 x 200 cm)

Was ist von einem Haufen Bilderrahmen vor monochromen Hintergrund zu halten, dem die Malerin den Titel "Tanzendes Genie" gibt?