Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 44-49
Der große Unbekannte
Von Petra Bosetti
Manche nennen ihn Robert Campin, andere sprechen vom Meister von Flémalle - fest steht, dass der geheimnisvolle Maler im 15. Jahrhundert die niederländische Malerei revolutionierte. Jetzt widmet ihm das Frankfurter Städel eine große Schau
Davon kann ein Ausstellungsmacher eigentlich nur träumen:
Nur wenige Monate vor der Eröffnung ist sein Künstler plötzlich in aller Munde, Blätter, die im Normalfall wohl nie über den Alten Meister berichtet hätten, widmen ihm Aufmacher, und er schafft es sogar auf die Titelseiten angesehener Tageszeitungen.
Und das, obwohl es sich um einen Künstler handelt, der seit rund 600 Jahren tot ist, den außer einer kleinen Schar von Fachleuten niemand kennt, der keinen Namen hat, von dem, schlimmer noch, niemand so recht weiß, wer er war, ob es sich überhaupt um eine einzige Künstlerpersönlichkeit handelt. Unbestritten ist, dass dieser geheimnisvolle Meister gemeinsam mit Rogier van der Weyden und Jan van Eyck der altniederländischen Kunst völlig neue Impulse verliehen hat und den Beginn der neuzeitlichen Malerei einläutete - aber anders als seine Mitstreiter in Vergessenheit geriet.
Der Maler trägt den Notnamen Meister von Flémalle, wird aber auch mit Robert Campin gleichgesetzt. Jochen Sander ist der Kustos, der ihm im Frankfurter Städel-Museum die erste monografische Ausstellung ausrichtet, und für die unfreiwillige Popularität sorgte Mirko Gutjahr, Mitarbeiter am Halleschen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie.
Er meinte, in dem "Porträt einer Frau" (um 1430), das Robert Campin zugeschrieben ist und das in der National Gallery in London hängt, ein Selbstporträt des Malers entdeckt zu haben, stecknadelkopfgroß, auf der schimmernden Fläche eines Rubinrings (siehe nächste Seite). Was Experten wie San der und den Campin-Biografen Felix Thürlemann von vornherein mit Skepsis erfüllte - Gutjahr hatte seine These auf eine Fotografie gestützt - erwies sich bei der mikroskopischen Untersuchung des Originals durch Fachleute der National Gallery als unhaltbar.
"Das Muster, das offenbar ein Gesicht auf dem Ring ergibt, ist unbewusst entstanden", hieß es. Der Eindruck ergebe sich daraus, dass ein "dunkler Fleck gerade dort auftaucht, wo das rechte Auge sein sollte". Tatsächlich aber befindet sich an dieser Stelle nur ein Riss und keine Farbe.
Wer dieser unbekannte Maler war, hat über Jahrhunderte die Experten beschäftigt und entzweit: Städel-Direktor Johann David Passavant (1787 bis 1861) etwa wähnte einen "jüngeren" Rogier van der Weyden (den es nicht gab) als Urheber.
Auch der "echte" Rogier wur de als Maler genannt sowie ein "Meister des Mérode-Altars", laut Wilhelm Bode (1845 bis 1929). Die am meisten verbreitete Theorie aber benennt den Maler Robert Campin aus dem belgischen Tournai.
Zuschreibungen waren in der altniederländischen Malerei stets ein Problem, da die Gemälde meist unsigniert und undatiert sind. Stilkritik, ikonografische Studien, auch neue technische Methoden wie Röntgen, In frarot oder Dendrochronologie (Altersbestimmung des Holzes) können den Wissenschaftlern bei der Spurensuche helfen. Aber, so Jochen Sander: "Kaum ein anderes Problemfeld der altniederländischen Kunstgeschichte kann die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen kunsthistorischer Untersuchungsmethoden eindrücklicher vor Augen führen als die bis heute die Forschung in Atem haltende Kontroverse um den Meister von Flémalle, Robert Campin und Rogier van der Weyden." Robert Campin, den der Kunsthistoriker Felix Thürlemann in seiner 2002 erschienenen Biografie mit dem Meister von Flémalle gleichsetzt, hat ein gut dokumentiertes Leben. Schriftstücke belegen, dass er um 1375 in Tournai oder Valenciennes geboren wurde, 1410 die Bürgerrechte in Tournai erwarb, zweimal vor Gericht stand - einmal, weil er sich geweigert hatte, gegen einen des Aufruhrs bezichtigten Kollegen auszusagen, einmal weil er als verheirateter Mann ein Verhältnis mit einer gewissen Leurence Polette gehabt haben sollte. Zahlreiche städtische Aufträge, vor allem zur Gestaltung von Fahnen, Wappen, Schildern, Wandmalereien und für die farbige Fassung von Skulpturen sind dokumentiert, nicht aber irgendwelche privaten Aufträge für Tafelbilder.
1426 trat unter anderem ein Rogelet de la Pasture als Lehrling in seine Werkstatt ein - die französische Version des niederländischen Namens Rogier van der Weyden. Rogier erhielt aber schon bald seine so genannte "Frei meisterschaft", die nur wenigen etablierten, selbständigen Malern verliehen wurde.
Er kann deshalb kein Lehrling im klassischen Sinn gewesen sein.
Den Namen "Meister von Flémalle" erhielt der Künstler von Ignaz van Houtem, dem Aachener Besitzer dreier Tafeln - eine "Heilige Veronika", eine "Stillende Gottesmutter" und eine Darstellung der "Dreifaltigkeit" - die das Städel 1849 erworben hatte.
Houtem hatte erklärt, sie stammten aus einer "Abtei Flémalle" in Belgien.
Dabei gab es in dem bei Lüttich gelegenen Flémalle weder eine Abtei noch eine andere bedeutende religiö se Einrichtung.
Den Notnamen hat Ausstellungsmacher Jochen Sander für diese eigentümliche, ungreifbare Künstlerpersönlichkeit beibehalten.
Revolutionen in der Kunst beginnen häufig mit einer technischen Innovation.
Hatte im 19. Jahrhundert die Fotografie die Kunstwelt verändert, so war es im 15. Jahrhundert das Malmaterial.
Die "Arsnova" genannte "neue Epoche in der europäischen Kunstgeschichte" (Sander), deren Protagonisten die Niederländer Jan van Eyck (um 1390 bis 1441), Rogier van der Weyden (um 1400 bis 1464) und Robert Campin/ Meister von Flémalle waren, wurde möglich, weil die Ölfarbe die bis dahin fast ausschließlich gebräuchliche Temperafarbe abgelöst hatte. Tempera trocknet schnell, ist eher stumpf, das Öl erschloss den Künstlern neue und andere Möglichkeiten. Die Farbe ließ sich transparenter aufmischen und daher in vielen Schichten auftragen.
Die sich überlagernden Farbschichten verliehen den Bildern mehr Tiefe, mehr Leuchtkraft, Übergänge konnten fließend gehalten werden. Den Künstlern ermöglichte es die Ölfarbe, sorgsamer und feiner die Details herauszuarbeiten.
Die "Arsnova" löste den "internationalen" oder "schönen Stil" ab. In dieser Form der Malerei waren die Figuren mehr in die Höhe als in die Tiefe gestaffelt, räumliche Illusion wurde nicht erzeugt. Die Künstler setzten Blattgold ein, um etwa Heiligenscheine leuchten oder metallene Gefäße funkeln zu lassen. In der "Arsnova" hielten Atmosphäre und Räumlichkeit Einzug in die Bildwelt. Auch waren die Künstler nun in der Lage, das Schimmern von Metall und die stoffliche Qualität unterschiedlichster Materialien von Textilien bis Holz greifbar darzustellen.
Alle diese Eigenschaften sind in dem Gemälde der "Heiligen Veronika" vereint, eine der drei Flémaller Tafeln aus dem Städel. Veronika hat Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung das Schweißtuch gereicht, in dem sich auf wundersame Weise das Porträt des blutig geschlagenen Heiland eingeprägt hat. Sie ist beim Meister von Flémalle eine alte Frau, deutlich vom Leben gezeichnet.
Tiefe Furchen haben sich neben den Mundwinkeln eingegraben, die Falten auf der Oberlippe, die Runzeln zwischen den Augenbrauen und am Hals hat der Meister von Flémalle schonungslos realistisch herausgearbeitet.
Es mag für ihn eine künstlerische Herausforderung gewesen sein, nicht mehr nur die Glätte und Frische der Jugend darzustellen. Veronikas Blick, der unendliche Trauer und Resignation ausdrückt, ist leicht gesenkt. Großartig, wie der Meister von Flémalle mit der Darstellung der Stoffe umgeht: Das bestickte silbrige Gewebe mit goldfarbenen Blüten und Vögeln sowie grünen Ranken im Hintergrund zeigt in Trompe-l'oeil-Manier die Stich für Stich kunstvoll gefertigte Textilie. Ein zartes Tuch, das Veronikas Kopfbedeckung umschließt und vor dem Hals geknotet ist, lässt die Haut und den Stoff des Turbans durchschimmern.
Im Gegensatz dazu steht das dicke, schwere, in breite Falten gelegte, brokatgesäumte Gewand. Einen Höhepunkt markiert das Schweißtuch: Es ist dünner und transparenter als Spinnweben, fast immateriell. Nur das Gesicht des Schmerzensmannes ist - seiner Bedeutung entsprechend - opak und damit deutlich erkennbar, es scheint vor dem körperlosen Tuch gleichsam zu schweben.
Das Bild ist zweifellos einer der Höhepunkte der Frankfurter Ausstellung, zum ersten Mal ist es mit zahlreichen Werken des Meisters von Flémalle und Rogier van der Weyden aus den größten Museen der Welt vereint - darunter eine "Madonna auf der Rasenbank" aus der mit veranstaltenden Berliner Gemäldegalerie, die "Vermählung Mariens" aus dem Madrider Prado, das Diptychon "Madonna und Gnadenstuhl" aus der St. Petersburger Eremitage und das "Bild nis eines feisten Mannes" aus dem Museo Thyssen- Bornemisza in Madrid. "Manche Tafeln sind hier zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder mit anderen Stücken aus derselben Werkstatt vereint. Damit bieten sich vielfältige Möglichkeiten zu einer vergleichenden Betrachtung der Malereien", so Jochen Sander und sein Kollege Stephan Kemperdick. Sein Wunsch: Die Schau möge "Ausgangspunkt für eine erneute, kritische Prüfung all jener von der Kunstgeschichte im Verlauf der letzten 110 Jahre entwickelten Vorstellungen über zwei der wichtigsten Maler des 15. Jahr hunderts werden - des Meisters von Flémalle und Rogier van der Weydens".
Ausstellung: "Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden. Die Geburt der neuzeitlichen Malerei", Städel-Museum, Frankfurt am Main, 21. November 2008 bis 22. Februar 2009; www.staedelmuseum.de Zweite Station: Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, 20. März bis 21. Juni 2009. Katalog: 34,90 Euro, im Buchhandel 49,80 Euro, Audioführer mit Bilderbuch 16,80 Euro, beide Hatje Cantz Verlag.
Literatur: Felix Thürlemann: Robert Campin.
Prestel Verlag, 2002
Kasten:
Ein Ring, der die Fantasie beflügelte Mirko Gutjahr, Mitarbeiter des Halleschen Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie, war an den Ausgrabungen im Wittenberger Luther-Haus beteiligt. Dabei wurde dort ein zwischen Abfall und unter Steinen verborgener goldener Ring entdeckt. Der könnte mit dem identisch sein, den Martin Luthers Frau Katharina von Bora einst verloren hatte. Luther selbst hatte diesen Vorfall in seinen Aufzeichnungen erwähnt.
Auf der Suche nach Vergleichsstücken wurde Mirko Gutjahr mehrmals fündig, unter anderem in einem Frauenporträt des Robert Campin in der National Gallery in London. Auf dem stark vergrößerten Digitalfoto fiel Gutjahr in dem Rubin eine winzige Stelle auf, die wie das Porträt eines bärtigen Mannes aussah. Da das Bild Teil eines Doppelporträts war, und der Ehemann der Dame auf der zweiten Tafel keinen Bart hat und einen Turban trägt, kam eine kühne Vermutung in Umlauf:
Handelte es sich bei der Unbekannten etwa um jene Leurence Polette, mit der Campin ein Verhältnis gehabt haben sollte?
Untersuchungen der Londoner Wissenschaftler am Original machten die Theorie zunichte: Das vermeintliche Porträt war nichts als eine optische Täuschung.
Bildunterschrift:
Meister des frühen Realismus: "Bildnis eines feisten Mannes" (29 x 18 cm)
Der Meister von Flémalle brachte Raum und Tiefe in die niederländische Malerei: "Geburt Christi" (86 x 72 cm)
Die Qualen des Gekreuzigten spürbar gemacht: "Schächer-Fragment" (134 x 92 cm)
Die "Heilige Veronika" (152 x 61 cm) des Meisters von Flémalle
Der Streit um die Identität des geheimnisvollen Malers hat über ein Jahrhundert Experten entzweit
Diptychon mit "Gnadenstuhl" und "Madonna" (jeweils 34 x 25 cm)
Veronika ist ein alte Frau, vom Leben gekennzeichnet.
Schonungslos ließ der Meister von Flémalle keine Falte, keine Runzel aus
Robert Campin zugeschrieben: "Bildnis einer Frau" (41 x 28 cm), vermeintliches Selbstporträt im Ring (unten)
