Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 146-147

Revolutionäre, Exoten und Sehnsucht nach Venedig

Von Ulrike Von Sobbe

Bei Sammlern und Kunstliebhabern bleiben ja immer Wünsche offen, aber eindrucksvoll ist das Angebot von Katalogen allemal, das Museen und Verlage in den vergangenen Monaten auf den Markt gebracht haben. An attraktiven Titeln, die sich auch gut auf jedem Gabentisch machen, herrscht kein Mangel.

Einer spannenden These widmet sich der Band Van Gogh. Gezeichnete Bilder. Der Niederländer, bislang vor allem als Maler gerühmt, sei in erster Linie ein großer Zeichner.

Der Beweis wird anhand von rund 50 Gemälden und 120 Zeichnungen angetreten und fällt ziemlich überzeugend aus. Ehrenwert ist auch der Versuch, der in dem Band Impressionistinnen unternommen wird: Dass nämlich die Malerinnen Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès oder Marie Bracquemond zu Unrecht im Schatten ihrer berühmten Kollegen Degas, Renoir oder Monet stehen, sondern ein ganz eigenständiges Werk hinterlassen haben.

Als ein Abenteuer begriff er sein Metier, und so präsentiert Lovis Corinth und die Geburt der Moderne denn auch einen genialischen Kraftprotz, der nach impressionistischen Anfängen mit expressiven Farbattacken zum Begründer einer neuen, wilden Malerei wurde.

Für Christian Schad dagegen, das zeigt der Katalog zur Retrospektive, war der Pinsel ein Sezierinstrument, mit dem er - Stichwort: Neue Sachlichkeit - seine Porträts in kühl beobachtete Charakterstudien verwandelte. Beuys.

Die Revolution sind wir wiederum dokumentiert mit enzyklopädischer Fülle, wie der Düsseldorfer Professor nicht nur mit seinen Arbeiten, sondern mit seiner ganzen Person unsere Vorstellungen von Kunst verändert hat.

Mit Fülle beeindruckt auch Babylon. Mythos und Wahrheit. In zwei Wälzern wird ausgebreitet, was Morgen- und Abendland im Laufe der Geschichte zu dieser sagenhaften Stadt und ihrem Erbe eingefallen ist. Was selbstverständlich, wenngleich in anderen Dimensionen, ebenfalls für Der heilige Schatz im Dom zu Halberstadt gilt - Mittelalter in seiner ganzen Pracht und Frömmigkeit. Ein profaneres Thema behandelt Die Magie der Dinge. Stilllebenmalerei 1500-1800. Fast 250 Bilder zeigen die ganze Vielfalt, die dieses Kapitel der europäischen Kunst auszeichnet. Weit darüber hinaus reicht der Katalog Die Tropen.

Ansichten von der Mitte der Weltkugel, in dem ein globaler, über viele Jahrhunderte reichender Dialog zwischen alten und zeitgenössischen Kulturen organisiert wird. Und noch einmal Zwiesprache: Venedig. Von Canaletto und Turner bis Monet. Der Katalog zur Ausstellung in der Fondation Beyeler belegt mit spektakulären Werken aus dem 18. bis frühen 20. Jahrhundert, wie ein Dutzend Künstler die Lagunenstadt zum "Laboratorium der Wahrnehmung" machten.

Bildunterschrift:

Die Tropen: "Dürre", Videostill von Sherman Ong (2005)

Die Magie der Dinge: "Der Aprikosenzweig" des Stilllebenmalers Georg Flegel (1566 bis 1638) Babylon. Mythos: ohne Titel "#228", Cindy Sherman als Judith mit dem Haupt des Holofernes (1990)

Der heilige Schatz im Dom zu Halberstadt: "Karlspokal" (um 1343)

Die Magie der Dinge.

Hatje Cantz Verlag. 368 S., 246 Abb., 49,80 Euro

Venedig. Hatje Cantz Verlag.

224 S., 165 Abb., 49,80 Euro

Lovis Corinth und die Geburt der Moderne.

Kerber Verlag. 384 S., 268 Abb., 65 Euro

Van Gogh. Gezeichnete Bilder. DuMont Buchverlag.

456 S., 350 Abb., 49,90 Euro

Beuys. Die Revolution sind wir. Steidl Verlag. 408 S., zahlr. Abb., 49 Euro

Babylon. Mythos und Wahrheit.

Hirmer Verlag. 280 und 648 S., 634 Abb., 55 Euro

Die Tropen. Kerber Verlag.

344 S., 244 Abb., 48 Euro

Der heilige Schatz im Dom zu Halberstadt. Schnell & Steiner Verlag. 436 S., 291 Abb., 59 Euro bis 31.1.2009

Christian Schad. Retrospektive.

Wienand Verlag.

304 S., 258 Abb., 48 Euro

Impressionistinnen. Hatje Cantz Verlag. 320 S., 305 Abb., 39,80 Euro