Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 142-143
Wenn die Kunst zum Lesen verführt
Von Petra Bosetti
Goethes Aufforderung "Bilde, Künstler, rede nicht" mag ja für Maler und Bildhauer manchmal zutreffen - dass über Kunst an sich gar nicht genug Worte fallen können, zeigt eine Reihe von Büchern, die sich nicht mit betörenden Bildern, sondern mit klugen Worten dem Thema nähern. Einer, der dies kann wie kaum ein Zweiter, ist Werner Spies, Kunsthistoriker, brillanter Autor, Theoretiker, Ausstellungmacher, Kritiker, eine der größten Persönlichkeiten der Kunstwelt des 20. Jahrhunderts. Er hat jetzt seine Gesammelten Schriften zu Kunst und Literatur in zehn Bänden veröffentlicht. Bildende Kunst ist auch ein zentraler Aspekt in Peter Gays Buch Die Moderne. Der amerikanische Historiker fasst in seiner Geschichte des Aufbruchs ein Kapitel Kulturgeschichte zusammen, das mit den Impressionisten beginnt, in dem auch Literatur, Architektur, Musik und Tanz ihren Platz haben. Ähnlich weit gefasst ist das Spektrum von Moskau & St.
Petersburg, in dem das kulturelle und gesellschaftliche Leben zwischen Zarenhof und Oktoberrevolution vor geführt wird mit Protagonisten wie dem Maler Kasimir Malewitsch oder dem Tänzer Sergej Diaghilew. Ein Revolutionär ganz anderer Art war Leonardo da Vinci, der schon vor rund 500 Jahren hochmoderne technische Geräte entwarf und dessen Kenntnis physikalischer Gesetze und menschlicher Anatomie, so Stefan Klein in Da Vincis Vermächtnis, ein Bild wie die "Mona Lisa" erst möglich machte. Zu Leonardos Bewunderern zählte Raffael, dem Antonio Forcellino eine spannende Biografie gewidmet hat. Der Renaissance-Maler spielt auch in einem anderen Zusammenhang eine Rolle:
Peter Springer führt mit einer Adaption des Raffael-Bildes "La Fornarina" von Pablo Picasso vor, wie der Maler zum Voyeur wird - eines von zahlreichen Beispielen, mit denen er den Voyeurismus in der Kunst vom Mittelalter bis in die Gegenwart untersucht.
Aus der Beziehung zwischen dem Kunsthändler Alfred Flechtheim und dem Maler George Grosz wäre wohl eine lange, überaus erfolgreiche Verbindung geworden. Hätte nicht der Nationalsozialismus die Berliner und Düsseldorfer Galerien von Flechtheim in den Ruin getrieben und wäre Grosz nicht als "entartet" diffamiert worden. Nachlassverwalter Ralph Jentsch schildert das Schicksal beider in dem Band Alfred Flechtheim und George Grosz - ein Buch, das erschüttert und wütend macht.
Derart existenzielle Erfahrungen werden den Galeristinnen im 20. und 21. Jahrhundert, die Claudia Herstatt in ihrem Buch Frauen, die handeln porträtiert, zum Glück erspart bleiben. Hinter dem albernen Cover (tragen alle Galeristinnen High Heels?) erwartet den Leser ein Defilee von "Pionierinnen" wie Ileana Sonnabend oder Antonina Gmurzynska, "Powerfrauen" wie Ursula Krinzinger, Juana de Aizpuru, Monika Sprüth und Rosemarie Schwarzwälder und "Aufsteigerinnen" wie Suzy Shammah und Sorcha Dallas.
Einem kaum bekannten Thema widmet sich Burcu Dogramaci in Kulturtransfer und nationale Identität. Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich ein Report über deutsche Architekten, die in den zwanziger bis vierziger Jahren mithalfen, die Türkei im Übergang vom islamischen Sultanat zur modernen Demokratie baulich zu gestalten.
Bildunterschrift:
Peter Gay: Die Moderne. S. Fischer Verlag. 608 S., mit Abb., 24,90 Euro
Claudia Herstatt:
Galeristinnen. Hatje Cantz Verlag. 208 S., 108 Abb., 29,80 Euro
Ralph Jentsch: Alfred Flechtheim und George Grosz. Weidle Verlag.
172 S., mit Abb., 23 Euro
Stefan Klein: Da Vincis Vermächtnis.
S. Fischer Verlag. 336 S., mit Abb.,18,90 Euro
Antonio Forcellino:
Raffael. Biographie.
Siedler Verlag. 352 S., mit Abb., 24,95 Euro
Peter Springer:
Voyeurismus in der Kunst. Reimer Verlag.
480 S., mit Abb., 49 Euro
Burcu Dogramaci:
Kulturtransfer. Gebr.
Mann Verlag. 431 S., mit Abb., 79 Euro
Moskau & St. Petersburg.
Russland 1900-1920.
Brandstätter Verlag. 396 S., um 650 Abb., 49,90 Euro
Werner Spies: Auge und Wort. Gesammelte Schriften zu Kunst und Literatur. Berlin University Press. 4356 S., 1400 Abb., bis 30.6.2009 198 Euro
Auge und Wort.
Gesammelte Schriften:
Autor, Kunsthistoriker, Ausstellungsmacher Werner Spies
Voyeurismus in der Kunst: Jean Léon Gérômes "Phryne vor dem Areopag" (1861)
