Ausgabe: 12 / 2008
Seite: 132-135

Komplimente und Kritik mit der Kamera

Von Peter Meyer

Vielleicht liegt es ja daran, dass sie längst total erkundet ist, unsere große, weite, kleine Welt, längst total vermessen mit all ihren Höhen und Tiefen. Vielleicht besinnen sich die Fotografen deshalb immer wieder auf eines ihrer ersten und zugleich faszinierendsten Motive: das Gesicht des Menschen. In diesem Herbst jedenfalls sind gleich eine ganze Reihe von bemerkenswerten Porträtbänden erschienen, und dass sie sich durchweg bekannten Gesichtern widmen, macht die Entdeckungen, die sie zu bieten haben, meist um so reizvoller.

Wie in den Real Moments mit Aufnahmen des Amerikaners Barry Feinstein aus den Jahren 1966 bis 1974, auf denen dem jungen Protestpoeten und Musiker Bob Dylan durchaus anzusehen ist, dass er sich schon damals ganz eigene Gedanken über Zeit und Erfolg machte, oder in den Fotografischen Porträts von Romy Schneider, bei denen gleich neun Fotografen die Schauspielerin vor ihre Kamera baten - und von ihrem frühen Ruhm bis zu ihrem frühen Tod - die Entwicklung eines Gesichts dokumentierten, aus dem die Verletzlichkeit nie ganz verschwunden ist.

Weitaus glatter geht es in Traumfrauen zu.

Wer den Glanz des Glamours liebt, dem tun Gisele, Angelina, Claudia und Co. mit Hilfe von Peter Lindbergh, Bettina Rheims oder Albert Watson gern den Gefallen. Doch schon dieser Band beweist, dass sich Kompliment und Kritik nicht ausschließen, und das gilt noch mehr für Vanity Fair Portraits: Vor allem Annie Leibovitz hat bei dem US-Blatt dafür gesorgt, dass Staraufnahmen auch Menschenbilder sind. Ein Ansatz, den auch Olaf Heine verfolgt: So sind Pop-Größen wie Heike Makatsch, Sven Regener oder Sting selten demaskiert worden. Vollends zum subtilen Beobachter seiner Zeit und ihrer Bühnenprominenz wurde Richard Avedon:

Performance versammelt über 250 Fotos, in denen er versuchte, Künstlern wie Charlie Chaplin, Frank Sinatra oder Liz Taylor auf die Spur zu kommen.

Was ihn wiederum mit einer deutschen Kollegin verbindet: In Liselotte Strelow: Retrospektive 1908-1981 kann eine Fotografin wieder entdeckt werden, die in den Fünfzigern ihr Motto "Porträt ist für mich Psychologie" in eindrucksvolle Charakterstudien umsetzte.

Auch sie hat Nachfolger. Die Bilder des literarischen Lebens von Isolde Ohlbaum zeigen, mit welcher Intensität die Münchnerin die schreibende Zunft begleitet. Was die letzten vier Fotografen obendrein verbindet? Alle arbeiten in Schwarzweiß - und beweisen dabei, wie vortrefflich sich die Farbe Grau für Zwischentöne eignet.

Bildunterschrift:

Real Moments. Bob Dylan 1966-1974: Fotografie von Barry Feinstein, entstanden in England (1966), links:

Traumfrauen: "Breaunna Close-up", Las Vegas (2001), Fotografie von Albert Watson

Liselotte Strelow: "Hildegard Knef" (1963)

Romy Schneider mit Artur Brauner beim Burda-Ball, München (1968), Foto von Peter Brüchmann

Vanity Fair Portraits. Ein Jahrhundert der Ikonen: David LaChapelle fotografierte die britischen Modestars Alexander McQueen und Isabella Blow vor Hedingham Castle, Essex (1996)

Richard Avedon.

Performance:

"Tina Turner, Sängerin, New York" (1971)

Liselotte Strelow. Retrospektive.

Hatje Cantz Verlag.

320 S., 282 Abb., 39,80 Euro

Fotografische Porträts von Romy Schneider. Hatje Cantz Verlag. 176 S., 138 Abb., 29,80 Euro

Isolde Ohlbaum. Bilder des literarischen Lebens.

Schirmer/Mosel Verlag. 360 S., 352 Abb., 68 Euro

Nadine Barth (Hrsg.):

Traumfrauen. Starfotografen zeigen ihre Version von Schönheit. DuMont Buchverlag. 224 S., über 150 Abb., 49,90 Euro

Vanity Fair Portraits. Schirmer/ Mosel Verlag. 384 S., über 300 Abb., 58 Euro

Richard Avedon.

Performance. Schirmer/ Mosel Verlag. 304 S., 259 Abb., 78 Euro

Olaf Heine. Leaving the Comfort Zone. Hatje Cantz Verlag. 208 S., 113 Abb., 39,80 Euro

Real Moments. Bob Dylan 1966-1974. Fotografien von Barry Feinstein.

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag. 160 S., 100 Abb., 49,90 Euro