Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 20-29
Das Prinzip Gerhard Richter - Deutsche Bildstörung
Von Thomas Wagner
Mit verwackeltem Fotorealismus und schlierigen Abstraktionen ist Gerhard Richter dem Wesen der Dinge auf der Spur. Seit über 40 Jahren prägt Deutschlands wichtigster Maler die Kunst Gegenwart. Anlässlich der großen Ausstellung im Kölner Museum Ludwig deutet die Message des Meisters - für Anfänger und Fortgeschrittene
Es ist, als ginge man voller Neugierde durch ein imaginäres Museum, in dem - eingefroren in die langsamen Bilder der Malerei - Szenen aus einem Deutschland der letzten 60 Jahre zu sehen sind.
Solche, die man sofort wiederzuerkennen glaubt, und solche, die sich einhüllen in den schweren Mantel einer Kunst, der keine Methode und keine Strategie fremd ist, sich selbst zu ergründen. In den ersten Sälen ist man noch ein Anfänger auf ungewohntem Terrain. Doch schnell schreitet man fort auf dem Weg ins Zentrum, dorthin, wo die Bilder zerfallen und die Kunst über die Wirklichkeit triumphiert.
1. Richter für Anfänger "Die Kunst ist die höchste Form von Hoffnung." Gerhard Richter Da hat einer im Familienalbum geblättert und in Zeitschriften gestöbert.
Schau, da ist "Tante Marianne", und dort "Schloss Neuschwanstein". Fotografieren konnte der aber nicht, ist alles unscharf oder verwackelt. Ach so, das sind gar keine Fotos? Aber warum malt er die Fotos denn ab? Na ja, er wird schon wissen, was er tut. Sieht gar nicht schlecht aus. Wie moderne Kunst eben so ist. Ach, die ab strakten Bilder sind auch von ihm?
Auf den ersten Blick scheint uns Gerhard Richters Kunst ganz nah. Denn er malt, was wir kennen. Oder zumindest, was wir zu kennen glauben. Und er malt es so, wie Malerei sein muss, damit wir denken, wir kennten uns aus in der Welt der Kunst. Da sind zuerst die abgemalten Fotografien der sechziger Jahre, da ist der "Hirsch" im Wald - auch wenn das Dickicht, in dem er sich versteckt, nur aus einem Liniengewirr besteht. Da ist sogar eine "Klorolle", eine Banalität, die jeder kennt, und da ist, wie beruhigend, auch das große "Verwaltungsgebäude" in der Stadt.
Ein ähnliches gab es auch bei uns. Wenn die Bilder nur nicht so unscharf wären. Ach ja, der Krieg, der darf natürlich nicht fehlen: die feindlichen Bomber über dem Land, und "Onkel Rudi", in seinem Uniformmantel. Da ist aber auch die "Frau, die Treppe herabgehend", im langen eleganten Abendkleid. Da ging es uns schon besser. Und die "Familie am Meer" - der Vater mit Glatze, die Mutter mit Badekappe, die Arme beschützend um Tochter und Sohn gelegt. Zur glücklichen Urlaubsfamilie vereint blicken sie in die Kamera. Auch eine "Familie im Schnee" gibt es und eine "Sekretärin", geschäftig dahineilend mit strenger Hornbrille.
Nicht zu vergessen die "Seestücke", aus nichts als Wolken und Meer, romantisch und aufgewühlt. Aber auch kalt und leer.
Mit einem Mal erscheint, was Richter malt, fremd, distanziert, kalkuliert. Irgend etwas im Bild stört und verhindert, dass wir uns in ihm einrichten können. Ist es die Unschärfe, mit der all die abgemalten Fotos überzogen sind, die bewirkt, dass man den Eindruck nicht los wird, das Wirkliche weiche zurück, hülle sich in Schweigen? Ist es die raffinierte Unscheinbarkeit schmutziger Grauschattierungen, in denen der Maler die Autarkie von Farbe, Form und Inhalt vor Augen führt und dem Einfühlen keine Chance mehr lässt? Oder sind wir verwirrt, weil Richter als Person abwesend scheint, weil er nicht länger den Ausdruckskünstler spielt und seine Abstraktion nicht mehr aus der Seele aufsteigen lässt, sondern aus durchdachten Arbeitsprozessen?
Auf hintergründige Weise kennen wir sie alle, die Bilder Gerhard Richters. Denn auch wir sind Teil der großen Familie, die sich mittels Fotografien erinnert. Es sind auch unsere Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, die Richter malt. Und was Farbtafeln, graue und abstrakte Bilder angeht, so scheinen sie uns zuzurufen: Schau nur, das alles ist Malerei, postmoderne Malerei, eine, die sich behauptet gegen Foto und Video und Installation.
Einen "Maler aus Deutschland" hat Jürgen Schreiber, der den privaten Geschichten hinter den Fotos nachgegangen ist, die Richter verwendet hat, den Künstler in sei nem gleichnamigen Buch genannt. Richter ist aber auch ein Maler Deutschlands, einer, der Ost und West kennt, den sozialistischen und den kapitalistischen Realismus, die Familienalben, die Städte und das Typische der "Landschaft bei Hubbelrath". Und er ist ein internationaler Künstler, der seine Kunst mit Bildern aus Deutschland in seiner Zeit verankert, mit Gudrun Ensslin und der RAF, Vico Torriani und dem Bild unserer geschundenen Städte.
Kaum haben wir uns mit der Unschärfe seiner fotografischen Gemälde angefreundet, schon stürzt uns der Maler in einen noch tieferen Abgrund. Die Erfahrung kann man in jeder Ausstellung von Gerhard Richter machen, die mehr als nur eine Werkgruppe zeigt. Dann steht man plötzlich vor Farbtafeln, deren Haut so glatt ist, als käme der Lack direkt aus dem Trockenofen des Autolackierers - und schon ist der letzte Rest an Illusion, wie sie die Fotobilder noch konservierten, dahin. Oder man trifft auf Rot-Blau-Gelb-Vermalungen, bei denen Pinselzüge voller Farbe so lange über die Leinwand verteilt wurden, bis sie sich zu einem annähernd neutralen Ton verbunden haben und nichts übrigbleibt von einem Motiv als ein Dschungel fetter, ineinander verschlungener Malspuren. Oder das Bild ertrinkt in neutralem, wolkigem "Grau", verbarrikadiert sich hinter seiner Neutralität. Nur dann und wann hängt dazwischen, wie zur Beruhigung, das Bild einer "Kerze" - zartfarbig, in Schönheit entrückt.
Förster hatte Gerhard Richter werden wollen. Doch es kam anders: Der 1932 in Dresden Geborene, der im kleinstädtischen Reichenau, dann ab 1943 im noch kleineren Waltersdorf aufwuchs, beginnt nach der Handelsschule als Schriftenmaler in Zittau, arbeitet dann als Bühnenmaler, fängt 1951/52 in Dresden an, Kunst zu studieren. Nach dem Abschluss betätigt er sich als Wandmaler, flüchtet 1961 in den Westen, studiert ein zweites Mal an der Düsseldorfer Akademie, infiziert sich mit Pop Art und bewundert das Antibürgerliche an Fluxus. Gemeinsam mit einigen Malerkollegen inszeniert er einen "Kapitalistischen Realismus" im Möbelhaus, malt verwischte Bilder nach fotografischen Vorlagen, dann Farbmustertafeln, Landschaften, monochrome graue Gemälde sowie großformatige abstrakte Bilder, und avanciert schließlich zu einem bedeutenden Maler der Gegenwart, dem das Museum of Modern Art in New York 2002 den Ritterschlag einer groß angelegten Retrospektive zuteil werden lässt. Da ist sein Werk längst zum Inbegriff einer Moderne geworden, die an sich selbst und ihren verbliebenen Möglichkeiten zweifelt, um daraus abermals Kunst entstehen zu lassen.
So arbeitet Richter seit mehr als 40 Jahren daran, die Furcht des Malers, in der Malerei seien alle Fragen gestellt und alle Antworten gegeben, mit den Mitteln der Malerei zu bekämpfen. Keiner weiß sie so virtuos und vielfältig ein zusetzen wie er, der gerne damit kokettiert, ein Maler ohne Eigenschaften zu sein, um ungreifbar zu erscheinen.
Und doch springt er, derart von der Bürde befreit, einen Stil kreieren und Motive voller Bedeutung präsentieren zu müssen, von gegenständlichen zu gegenstandlosen Bildern, um in alle Richtungen auszuloten, was Malerei heute noch vermag. Also variiert, abstrahiert und kombiniert er, lässt auf der Leinwand etwas entstehen und löscht es wieder aus. Alle Bildgattungen spielt er durch.
Worin seine Absicht besteht, notiert Richter 1986 scheinbar paradox: "nichts erfinden, keine Idee, keine Komposition, keinen Gegenstand, keine Form - und alles erhalten:
Komposition, Gegenstand, Form, Idee, Bild". Was man nicht erfinden kann, das findet sich. Nur wer nichts will, wer neutral und aufmerksam ist, dem fällt etwas zu.
"Ich habe", so Richter, "kein Motiv, nur Motivation." Also will er blind sein wie die Natur, die entstehen lässt, was entstehen kann. Darin liegt sein Raffinement. Und so befriedigt er einen Hunger nach Bildern, malt aber all das mit, was man gegen Bilder sagen kann.
2. Richter für Fortgeschrittene "Die Kunst ist elend, zynisch, dumm, hilflos, verwirrend - ein Spiegel unserer geistigen Armut, unserer Verlassenheit, Verlorenheit. Verloren haben wir die großen Ideen, die Utopien, jeden Glauben, alles Sinnstiftende." Gerhard Richter Richter ist also gar kein Stimmenimitator der Malerei. Souverän agiert er zwischen den Stilen und wechselt nach Belieben von grauer Eintönigkeit zu opulenter Farbigkeit. Er malt, wie Götz Adriani feststellt, einfach unterschiedliche Sichtweisen "auf die Bedingungen der Malerei". Voller Zweifel und um zu finden, was sich nicht erfinden lässt, nimmt er sich, was Malerei sein kann, noch einmal vor. Da bei lässt er Malerei geschehen. Ihr allein muss, was er auswählt, sich als würdig erweisen können. Fast zwangsläufig führt eine solche Ablehnung von Stil und Konzept zu einem Kontrastprogramm, das alle Möglichkeiten ins Kalkül zieht.
"Anlass oder besser Voraussetzung meiner neuen Bilder", schreibt Richter 1977 an den Kunsthistoriker Benjamin Buchloh, "ist die gleiche wie bei fast allen anderen Bildern: dass ich nichts mitteilen kann, dass es nichts mitzuteilen gibt, dass die Malerei nie die Mitteilung sein kann, dass sich weder durch Fleiß, Trotz, Irrsinn noch durch sonstige Tricks die fehlende Botschaft von selbst nur so durch das Malen einstellen wird." Sitzt Richter also wie "der jämmerliche Untertan" in Franz Kafkas Erzählung "Eine kaiserliche Botschaft" vor dem Fenster seiner Malerei und erträumt sich die Botschaft, wenn der Abend kommt? Was wäre das für eine Botschaft, die sich "nur so durch das Malen" einstellt? Was erträumt sich sein Werk?
Hat sich überhaupt eine Botschaft in die Bilder eingeschlichen, trotz der Hindernisse, die der Maler aufgebaut hat, trotz Sinnentzug und Ausdrucksverzicht - hinterrücks, unter der Hand?
Nicht nur in den romantisch grundierten Landschaften haftet Richters Malerei etwas zutiefst Melancholisches an. Auch in anderen Motiven, so skeptisch der Maler mit ihnen umgeht, kommt mehr ans Licht als die Furcht davor, die Bilder der Vergangenheit und der Gegenwart ganz scharf zu stellen. "Meine Landschaften", notiert Richter 1986, "sind ja nicht nur schön oder nostalgisch, romantisch oder klassisch anmutend wie verlorene Paradiese, sondern vor allem ,verlogen' (...) und mit ,verlogen' meine ich die Verklärung, mit der wir die Natur ansehen, die Natur, die in all ihren Formen stets gegen uns ist, weil sie nicht Sinn, noch Gnade, noch Mitgefühl kennt, weil sie nichts kennt, absolut geistlos, das totale Gegenteil von uns ist, absolut unmenschlich ist." Verbergen sich in der Verklärung etwa Abschied und Zerfall? Betrachtet man sie aus dieser Perspektive, so stellen etwa die nach Farbmusterkarten gemalten Farbtafeln zwar eine zeitgemäße Möglichkeit der Malerei dar, halten aber zugleich den Zerfall des traditionellen Bildes fest, das ein Motiv einzig noch in der Potenzialität seiner materiellen Bestandteile findet. Auch in den abstrakten Bildern, in denen Schichten, die verloren schienen, mit einem Rakelzug wieder aufgedeckt werden, materialisiert sich ein Zerfall.
Oft wirken sie wie eine Bildstörung, die in verwischte, verzerrte Farbschichten zurückversetzt, was sich gerade illusionistisch zu offenbaren schien. Von Abbild und Illusion aber ist nichts zu sehen; das Farbgeschehen hütet die Botschaft, die es verschweigt.
Besonders deutlich wird diese Unterströmung aus Auflösung und Zerfall, Auslöschung und Neubeginn, betrachtet man Richters Buchexperiment (1996) mit reproduzierten Ausschnitten aus einem seiner abstrakten Gemälde.
Deutlich treten in den "69 Details" aus dem "Abstrakten Bild (825-II)" die pastosen Farbschichten auseinander. So sehr man sich auch müht, feste Koordinaten lassen sich nicht ausmachen. Der Blick scheint in die Farbmaterie einzutauchen wie in flüssiges Gestein. In den Fotoübermalungen der Serie "Firenze" bemächtigt sich die Farbmaterie dann des wiedererkennbaren fotografischen Bildes und überschwemmt es mit delikaten Schlieren und Protuberanzen. Zwar bilden sich noch Inseln und Löcher, in denen das Abbildhafte intakt bleibt oder sogar gesteigert unter den Farbschlieren hervorlugt. Doch auch wenn Bildstörung und Bildsteigerung hier nah beieinander liegen und Richter seine skeptische Befragung unserer bildhaften Erfahrungen von Wirklichkeit nur variiert, indem er gegenständliche und abstrakte Darstellung nun direkt miteinander interagieren lässt, so bleibt doch der Eindruck bestehen, das fotografische Bild versinke samt seiner Deutungskraft im Magma unbestimmter Möglichkeiten.
Bis in atomare Tiefenschichten hinein hat Gerhard Richter in Bildfolgen wie "Silikat" die Spur des Wirklichen in den letzten Jahren verfolgt.
Doch Richter wäre nicht Richter, finge er den Sturz ins Bodenlose nicht auf. So hat er noch im Innern der Materie Muster und Formen der Kunst wiedergefunden, samt den Resten eines Illusionismus, der untilgbar scheint, wo es um Bilder geht. Mithin hat Richter - aus der Perspektive des Produzenten wie des Wahrnehmenden - alle Formen der Auflösung und des Zerfalls möglicher Bildbedeutungen und Modi der Sichtbarkeit durchgespielt. Dabei ist er der Malerei gefolgt bis zu ihrem materiellen Grund, dorthin, wo alle Bilder entspringen: in die Eruptionen der Farbe. Er rettet das Bild in eine Kunst, die trotz aller Melancholie immer wieder über den Zerfall triumphiert. Sein OEuvre entwirft die Parabel von einer avantgardistischen Moderne, die glaubt, sich nur behaupten zu können, wenn sie, was sie erreicht hat, sogleich wieder auflöst.
Ausstellungen: "Abstrakte Bilder", bis 1. Februar 2009, Museum Ludwig, Köln. Katalog: 49,80 Euro, www.museum-ludwig.de Gleichzeitig: Mu seum Morsbroich in Leverkusen, "Gerhard Richter. Übermalte Fotografien", bis 18. Januar 2009. Katalog: 39,80 Euro, www.museum-morsbroich.de; sowie in der Londoner Serpentine Gallery die Schau "4900 Colours, Version II", bis 16. November 2008. Katalog: 39,80 Euro, www.serpentinegallery.org Galerie: Marian Goodman Gallery, New York, www.mariangoodman.com Literatur: "Gerhard Richter. Malerei", Hatje Cantz Verlag, 2002; Jürgen Schreiber: "Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie", Pendo Verlag, 2005; "Gerhard Richter. Text 1961-2007", Verlag der Buchhandlung Walther König, 2008; Dietmar Elger: "Gerhard Richter, Maler", DuMont Buchverlag, 2008. Internet: www.gerhard-richter.com
Bildunterschrift:
In Gerhard Richters Kölner Atelier: "A.B. St John" (1988, 200 x 260 cm) ist eines von rund 40 abstrakten Bildern aus den Jahren 1986 bis 2006, die jetzt im Museum Ludwig zu sehen sind
Geplante Spontaneität: "Abstraktes Bild (625)" (1987, 260 x 400 cm)
Farbmaterie bemächtigt sich des wiedererkennbaren Bilds: "September" (2005, 52 x 72 cm)
Richters Gemälde "Wald" (2005, 197 x 132 cm) befindet sich in der Sammlung des New Yorker MoMA
"Sekretärin" (1964, 150 x 100 cm)
"Onkel Rudi" (1965, 87 x 50 cm)
"192 Farben" (1966, 200 x 150 cm)
"Tante Marianne" (1965, 120 x 130 cm)
"Frau, die Treppe herabgehend" (1965, 198 x 128 cm)
"Seestück (bewölkt)" (1969, 200 x 200 cm)
"Rot-Blau-Gelb" (1972, 300 x 250 cm)
"Zwei Kerzen" (1982, 150 x 100 cm)
"Firenze - 23.11.1999" (1999, 12 x 12 cm)
Richter ist der Malerei gefolgt bis zu ihrem materiellen Grund. Er rettet das Bild in eine Kunst, die trotz aller Melancholie über den Zerfall triumphiert
