Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 70-73
Mit Haut und Haaren
Von Sandra Danicke
Der Mailänder Designer Carol Christian Poell macht Mode für moderne Jäger und Sammler
ART-SERIE Prototypen - Junges Design Folge 5: Carol Christian Poell
Früher, als Carol Christian Poell noch zu Modemessen oder den entsprechenden Partys ging, konnte es vorkommen, dass er entgeistert stehen blieb. "Eine Frechheit", dachte er dann, "der Typ trägt meine Jacke." Nicht, dass der Typ nicht jedes Recht dazu gehabt hätte. Schließlich hatte er für die Jacke im Laden ein Heidengeld bezahlt. Trotzdem war Poell erbost: "Ich kenne die se Person doch gar nicht", dachte der Modemacher dann immer und fühlte sich, als habe ihm jemand ein sorgsam geflicktes Lieblingsteil weggenommen. Mittlerweile hat Poell sich damit abgefunden, seine Kleidung sogar im Fernsehen oder in der Klatschpresse zu finden.
Musiker wie Seal, Michael Stipe oder Lenny Kravitz tragen CCP-Kreationen, und auch der Assistent von Brad Pitt rief schon an, ob man mal etwas sehen könne. Doch bei Carol Christian Poell gibt es keinen VIP-Service. Wer etwas kaufen will, soll dies im Laden tun, zu verschenken hat der gebürtige Linzer nichts. Als die Rolling Stones nachfragten, ob er sie nicht einkleiden wolle, sagte er nein: "Ich staffiere doch keine alternden Rockstars aus." Die Zeiten, in denen Carol Christian Poell noch so etwas wie Mode im herkömmlichen Sinne herstellte und sich an die Regeln des Marktes hielt, sind seit zirka fünf Jahren vorbei. Dabei lief es gerade so gut, Modehäuser winkten mit Angeboten, eine Karriere im großen Stil war zum Greifen nah.
Er sei der ewige Geheimtipp schrieb die Zeitschrift "GQ", "seine Sachen sind groß artig", lobte die britische Modepäpstin Suzy Menkes, und das Museum für angewandte Kunst in Wien begann, CCP-Entwürfe in einem virtuellen Archiv zu katalogisieren. Selbst Karl Lagerfeld tönte: "Ein wunderbarer Mann. Ich habe mir viele Sachen von ihm gekauft." Schon damals hatte Poell, dessen Großvater bereits im Lederhandwerk tätig war, einen Hang zum Skurrilen, fixierte etwa Nähte mit Klebeband statt mit Garn, bearbeitete Pferdehaut so lange, bis sie durchsichtig war, und färbte Leder mit Ochsenblut, um genommenes "Leben zurückzugeben".
Mit traditionellen Catwalk-Shows hatte der Modedesigner, der in Graz, Wien und Mailand studiert hat, wo er bis heute lebt, und 1994 eher zufällig seine erste Herrenkollektion entwickelt hat, noch nie viel am Hut. Seine extrem schmal und lang geschnittenen Sakkos, Hosen und Hemden zeigte er wahlweise hinter den Gitterstäben eines Hundezwingers oder im Schlachthaus neben enthäutetem Vieh.
Sein spektakulärster Coup fand im Juni 2003 statt, als er zu einer Fashion show mit dem anspielungsreichen Titel "mainstream-downstream" an einen Mailänder Kanal lud. "Nirgendwo sah man einen Laufsteg. Es gab keine schwarz gekleideten Assistenten, kein in Headsets sprechendes Security-Personal und keine Sitzmöglichkeiten", wunderte sich damals die Kritikerin des "New Yorker". Statt dessen schwamm irgendwann ein Paar roter Stiefel vorbei, gefolgt von Models, die in CCP-Kleidung auf dem Rücken trieben. Sie sahen aus wie Wasserleichen.
Die Reaktionen reichten von euphorisch bis angewidert. Seither habe er sich mehr und mehr aus dem Business zurückgezogen, erzählt der Designer, dessen silberner Schneidezahn und ein Strickkäppi die einzigen optischen Details sind, die einen gewissen Hang zur Exzentrik verraten. Poell kommt in Jeans und T-Shirt zur Arbeit.
Seine eigenen Entwürfe trägt er nicht, das käme ihm irgendwie "nicht richtig" vor. Zumal er sämtliche Lederjacken seiner Kollektion ohnehin drei Tage lang einträgt, um sie "mit meinem Körper zu formen". Außerdem verbringe er ja die meiste Zeit im Atelier - einer Halle im Mailänder Industriegebiet, in der früher einmal Bühnenbilder für die Scala hergestellt worden sein sollen. Jetzt jault hier Tom Waits' Whiskeystimme durch die brütendheiße Loftetage, junge Menschen sitzen an uralten Nähmaschinen, die Poell eigens so umgebaut hat, dass sie mit so merkwürdigen Materialien wie faltigem Eselshintern zurandekommen.
Nur zirka zehn Mitarbeiter sind mittlerweile für Poell tätig, pro Saison entstehen daher nicht mehr als 2000 Teile.
Nur so könne er für die gewünschte Qualität garantieren, glaubt Poell.
Wobei Qualität keineswegs Tragekomfort meint. Vieles ist unbequem steif oder kratzt. Poell ist das völlig egal.
Zum Anziehen gebe es ohnehin mehr als genug. Er will keinen Look kreieren wie andere Designer, die er abfällig Stylisten nennt, weil es ihnen "nur um Dekoration geht". Poell will benutzbare Objekte schaffen: das Hemd, die Hose, das Sakko. Ähnlich wie ein Industriedesigner eine Lampe, einen Stuhl entwickeln will, die lange Gültigkeit haben.
Noch heute kann man ein Poell-Einzelstück von vor acht Jahren im La den finden, sie werden nicht unmodern.
Anders als üblich richtet sich Poell auch nicht nach Saisons. Die Läden - weltweit 26 exklusive Adressen wie "The Library" in London oder "Atelier New York" - werden beliefert, wenn etwas fertig ist, und eine Jacke hängt da eben so lange, bis sie verkauft wird, Preisnachlässe gibt es nicht. Wie übrigens auch kein Foto vom Designer.
Traditionelles Handwerk ist für Poell ebenso wichtig wie das Erforschen neuer Techniken und Materiali en, ob er aus Menschenhaar Mäntel oder aus Schweinedärmen Pullover verarbeiten lässt, ob er Haushaltsgummi zu Socken stricken oder "intelligente" Nähte erfindet, die je nach Bewegung aufklaffen oder sich wieder schließen. Auch mit ungegerbter Tierhaut experimentiert Poell, näht und na gelt daraus Schuhe und Stiefel, die sich beim anschließenden Gerbprozess noch einmal auf unkalkulierbare Weise verändern. "Was dabei herauskommt, spricht mich ästhetisch nicht unbedingt an. Aber ich akzeptiere es", erklärt der Designer. Am liebsten würde er gar "Menschenhaut zu Leder verarbeiten".
Doch dazu fehle ihm bislang die Genehmigung. Vorläufig muss Poell daher mit Lamas, Kängurus, polnischen Kälbern oder Hirschen aus Neuseeland vorlieb nehmen, aus denen er derzeit ausschließlich Herrenkleidung schneidert. Männer, sagt Poell, interessierten sich nun mal stärker für Technik und Herstellungsweisen.
"Frauen wollen letztlich ja doch immer nur einen kleinen Hintern."
Internet: www.carolchristianpoell.com
Kasten:
Folge 6 Zwischen Tradition und Zukunft - Tokujin Yoshioka ist der neue Star des japanischen Designs
Bildunterschrift:
Seine Präsentation "mainstream- downstream" zeigte Poell 2003 mit Models, die in einem Mailänder Kanal trieben
Auf den Toiletten einer alten Dosenfabrik präsentierte Carol Christian Poell seine letzte Kollektion "00". Links ein Stück aus dem Jahr 2002
Poell nutzt Klebeband statt Garn und färbt Leder mit Ochsenblut, um "Leben zurückzugeben"
Ein Schlips aus Menschenhaar von 2006, rechts speziell gegerbte Ledersachen aus der Kollektion "Disjointed" vom letzten Jahreswechsel
Im Januar 2001 zeigte Poell seine Präsentation "public freedom" in Käfigen eines Mailänder Tierheims
