Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 80-81
"Schandfleck" in einem neuen Licht
Von Hans Pietsch
Über 300 Objekte berichten von der reichen Kultur des oströmischen Reichs
LONDON: BYZANZ
Byzanz hatte einen ausgesprochen schlechten Ruf. Während der Aufklärung im 17. Jahrhundert galt das christianisierte oströmische Reich unter Kaiser Konstantin I., dem Großen, als "Schandfleck in der Geschichte der Menschheit", als "korruptes, degeneriertes und aufgeblasenes Gebilde", wie der Historiker und Byzanz-Spezialist Dionysios Stathakopoulos berichtet. Im 18. Jahrhundert war es der Historiker Edward Gibbon, der Byzanz in einem Stadium des "ständigen Verfalls" sah. Die groß angelegte Schau in der Royal Academy of Arts möchte die zwischen Christentum und Islam angesiedelte byzantinische Zivilsation nun in einem neuen Licht zeigen, "damit der Besucher die Welt von Byzanz in all ihrer Vielfalt und Glorie verstehen kann", so Akademie-Direktor Charles Saumarez Smith.
Die chronologische Schau umspannt einen Zeitraum von nahezu 2000 Jahren, von 330 vor Christus, als der zum Christentum übergetretene Konstantin I. seine neue Hauptstadt am Bosporus einweihte, bis 1453, als die Stadt vor dem Ansturm der Osmanen kapitulierte.
Parallel zur politischen Entwicklung des Reichs gliedert sich auch die byzantinische Kunst in drei deutlich unterscheidbare Phasen - die allmähliche Ausbildung einer eigenen oströmischen Formensprache, die klassische und kleinasiatische Einflüsse vereint; die Konsolidierung, die bis zur Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer im Jahr 1204 reichte; und ein Spätstil, der nach erheblichen Gebietsverlusten fast ausschließlich auf die Hauptstadt und ihre unmittelbare Umgebung beschränkt war. Die mehr als 300 Exponate zeigen die große künstlerische Virtuosität der meist anonymen Ikonenmaler, Gold- und Silberschmiede, Emaillierer und Elfenbeinschnitzer. Mehr als 100 Leihgeber haben sich vorübergehend von ihren Schätzen getrennt, unter ihnen auch ganz außergewöhnliche wie das Katharinenkloster in der Wüste Sinai, das einige frühe Ikonen geschickt hat, die den Bildersturm des 8.
Jahrhunderts überlebt haben. Einige Ausstellungsstücke wie der so genannte "Kelch der Patriarchen" aus dem 10. bis 11. Jahrhundert stammen aus der Schatzkammer des Markusdoms in Venedig und dürfen normalerweise nicht auf Reisen gehen.
Doch für die Royal Academy wurde eine Ausnahme gemacht, zu Ehren des englischen Kunstkritikers John Ruskin, der im 19. Jahrhundert als einer der ersten die byzantinische Kunst wiederentdeckte. Einer der Höhepunkte der Schau ist der "Antiochia-Kelch", der zunächst als der Kelch gefeiert wurde, aus dem Christus beim Abendmahl getrunken haben sollte.
50 Jahre später wurde das reich verzierte Gefäß allerdings auf das 6. Jahrhundert neu datiert.
Kunst und Kultur des byzantinischen Reichs, haben weit über dessen Grenzen hinaus Einfluss ausgeübt. Und nach Ansicht von Kurator Robin Cormack wirft es auch heute noch einen langen Schatten:
"Man versteht Wladimir Putins Russland mit seiner engen Verflechtung von Kirche und Staat nur, wenn man Byzanz versteht."
Termin: bis 22. März 2009.
Katalog: 27,95 Pfund, gebunden 55 Pfund.
Internet: www.royalacademy.org.uk
Bildunterschrift:
Räuchergefäß in Form einer Kirche, 10./11.
Jahrhundert, Höhe 36 cm
Mosaik-Ikone des Heiligen Stephanus (1108/13, 218 x 118 cm)
"Chludow-Psalter", Pergament (857/865, 21 x 18 cm) mit einer Kreuzigungsszene
