Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 76-77
Lehrmeister der Weltstars
Von Gerhard Mack
Der Konzeptfotograf im Kunstverein, im Witte de With und in der Kunsthalle
DÜSSELDORF/ROTTERDAM/ZÜRICH: IAN WALLACE
Ein Mann bückt sich zum Boden, zieht ein leeres Blatt aus einer Schreibmaschine, wirft es in die Höhe und schaut mit einer Frau und einem weiteren Mann zu, wie es zu Boden segelt. Der Vorgang ist in einer Folge von großformatigen Fotos festgehalten, die sich als Bildfries um einen Raum ziehen wie die Reliefs in den Thronsälen der assyrischen Paläste. Statt politischer Symbolik zeigen sie jedoch einen banalen Vorgang aus einem privaten Atelier.
Ian Wallace, Jahrgang 1943, befragt die Möglichkeiten der Kunst. Schreibmaschine und Blatt bilden auf seiner Bildfolge eine girlandenartige Bewegung, das leere, weiße Papier ist Metapher für Abwesenheit von Bedeutung und die Idealität der abstrakten Kunst zugleich; die Anwesenden repräsentieren das unberechenbare Dasein der Menschen. Mit Arbeiten wie "An Attack on Literature I & II" von 1975 wurde Ian Wallace, der den Status des Bildes in seinen verschiedenen Medien von der Grafik über die Malerei bis zum Film reflektierte, zu einem Mitbegründer der konzeptuellen Fotografie. Was Bilder können, wie sie in unserer visuellen Massenkultur wirken, welche Geschichten sie erzählen, wie sie sich mit Sprache verbinden, hat ihn von Anfang an interessiert.
Mit diesen Fragen hat er seine Kunststudenten bedrängt, unter ihnen heutige Weltstars wie Jeff Wall und Rodney Graham.
Ihr Lehrer ist dagegen, zumindest in Europa, immer noch weitgehend unbekannt, obwohl Ian Wallace vieles von dem vorweggenommen hat, was heute die Diskussion und die Marktpreise bestimmt.
Diese Wissenslücke wollen nun gleich drei renommierte Institutionen schließen, die diesem reichen Werk zur selben Zeit locker aufeinander abgestimmte Retrospektiven widmen, ausgehend von dem zentralen Frühwerk der siebziger Jahre. In Zürich steht das Verhältnis von Text und Bild im Zentrum; neben "Attack on Literature" wird mit dem "Magazine Piece" (1971) eine weitere wegweisende Arbeit gezeigt, in der Wallace Magazinseiten ohne Überarbeitung so miteinander kombiniert, dass die Verbindung von Sprache und Fotografie hervortritt.
Das Witte de With konzentriert sich auf die politische Dimension von Wallace' Schaffen, wenn beispielsweise in der Fotoarbeit "Clayoquot Protest" (1993) der einzelne Demonstrant in einer Kundgebung gegen die Zerstörung unberührter Natur in den Vordergrund tritt. Und in Düsseldorf verfolgt der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen Wallace' vielfältigen Dialog zwischen zumeist monochromer Malerei.
Termine: 19. Oktober bis 11. Januar 2009, Düsseldorf; 8. November bis 8. Februar 2009, Rotterdam; 15.
November bis 11. Januar 2009, Zürich. Katalog: Sternberg Press, zirka 35 Euro Internet: www.kunstvereinduesseldorf. de, www.wdw.nl, www.kunsthallezurich.ch
Bildunterschrift:
Ian Wallace: "Strand bei Domburg" (1993, 122 x 244 cm), Fotolaminat auf Leinwand mit Acrylfarbe
