Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 60-67
Wie Konzeptkunst einen Kaktus rettet
Von Sandra Danicke
Mit abenteuerlichen Installationen beschreibt der englische Künstler Simon Starling Kreisläufe und Vernetzungen - von stacheligen Pflanzen in Andalusien bis zum Arbeiterkampf in Amerika
Angesichts der goldenen Badewanne räumt Simon Starling ein leichtes Unwohlsein ein.
Gefühlte 100 Mal war der Künstler an diesem Tag bereits in die siebte Etage eines bizarren Turiner Eckhauses gestiegen, das die Gesetze der Statik zu verhöhnen scheint. Immer wieder hatte er die winzigen Stufen einer grotesk engen Wendeltreppe er klommen, um den Fortgang der Aufbauarbeiten seiner Schau zu über prüfen.
Das oberste Stockwerk des Gebäudes, dessen Grundriss wirkt, als habe man ein ohnehin schmales Tortenstück noch einmal längs halbiert, hat ein Exzentriker in den achtziger Jahren zum dekadenten Badezimmer umfunktioniert. Simon Star ling hat noch ein paar Fotos und Marmor blöcke hinzugefügt; doch dazu später.
Jetzt sei ihm doch ein wenig schwindelig, gesteht der Künstler, der mit kryptischen wie verheißungsvollen Andeutungen nach Turin gelockt hatte. Eine Geschichte hatte Starling versprochen, in der der Regisseur Fritz Lang, der Architekt Eckart Muthesius und eine Scheibe Polenta vorkommen.
Außerdem sollten Constantin Brancusi, "Der Tiger von Eschnapur" und ein indischer Maharadscha eine tragende Rolle spielen. Keine Frage, dass das alles miteinander in einer geheimnisvollen, bis dato unentdeckten Verbindung stehen würde. Denn so ist es immer bei Starling, dem wohl Weitschweifigsten unter den Konzeptkünstlern, der die entlegendsten Dinge in so überraschenden wie originellen Zusammenhängen präsentiert, und ihre Verknüpfung im Nachhinein so zwingend erscheinen lässt, dass man sich fragt, wieso das nicht längst jemand aufgespürt hat.
Zum Beispiel kürzlich in Toronto, wo Starling die verkrustete Stahlkopie der Henry-Moore-Bronzeskulptur "Krieger mit Schild" präsentierte, die er zuvor für 18 Monate im Ontariosee versenkt hatte, bis sie von so genannten Zebramuscheln übersät war. Hierzu muss man freilich wissen, dass jene Muscheln einst von Frachtschiffen aus dem Schwarzen Meer eingeschleppt wurden und nun in dem nordamerikanischen Gewässer das Ökosystem schädigen. Auch Moore wurde in den sechziger Jahren als Eindringling empfunden, als er, empfohlen von einem Kunstexperten, der sich später als sowjetischer Spitzel entpuppte, in Toronto einen öffentlichen Auftrag erhielt.
Mittlerweile besitzt Toronto eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen von Henry-Moore-Skulpturen. Man könnte schließen, sie haben sich vermehrt wie die Zebramuscheln, die Starling wie "lauter kleine Krieger mit Schilden" vorkommen.
Globale Importe, abstruse Kreisläufe, Abhängigkeiten und Vernetzungen sind die zentralen Themen der meist ortsbezogenen Projekte des gebürtigen Engländers, der schon mal von der Vernichtung bedrohte Rhododendren aus einer schottischen Moorlandschaft rettete, wo die Pflanze als Unkraut gilt. Er brachte sie nach Südspanien zurück, von wo die blühenden Büsche im 18. Jahrhundert importiert worden waren. Ähnlich verfuhr der Mann mit der stets etwas wirr erscheinenden Frisur und einer scheinbaren Vorliebe für rosafarbene V-Ausschnitt-Pullover 1999 mit einem Cereus-Kaktus, den er in einem roten Kombi von der so genannten Tabernas-Wüste in Andalusien zum Frankfurter Portikus fuhr.
Hier wurde der Automotor ausgebaut und mit einer aufwändigen Rohr- und Schlauchkonstruktion in den Ausstellungsraum hinein verlängert. Der laufende Motor sorgte im Raum für die perfekte Kaktus-Überlebenstemperatur.
Die Präsentation einer hoch ökonomischen Pflanze, die mit einem energetisch ineffizienten Industrieprodukt in ein groteskes Abhängigkeitsverhältnis gezwungen wird, ist die gewitzte Verkürzung eines komplexen Gespinsts aus Ursachen, Wirkungen, Räumen, Kulturen und Zeiten. So verweist die Installation darauf, dass die Tabernas-Wüste in den sechziger Jahren als Drehort für Wildwestfilme genutzt wurde. Für Filme wie Sergio Leones "Für eine Handvoll Dollar" importierte man eigens Kakteen aus Texas, die inzwischen zum andalusischen Landschaftsbild gehören.
Dass Starlings Exponate stets mehr verkörpern, als man mit bloßem Auge erkennen kann, dürfte sich spätestens seit 2005 herumgesprochen haben, als er für eine augenscheinlich völlig banale Holzhütte nicht nur den Turner-Preis, sondern auch missgünstige Kommentare von britischen Zeitungen erhielt. Der "Independent" bezeichnete Starling als Mordslangweiler, der "Observer" nannte ihn den ermüdendsten Künstler auf der gesamten Nominierten- Schau. Wer sich die Mühe machte, die Hütte genauer zu betrachten, entdeckte immerhin Gebrauchsspuren, die auf eine Umnutzung und einen Kreislauf hindeuten, der bereits im Titel steckt: "Shedboatshed", zu Deutsch:
Schuppenbootschuppen. Entstanden ist die Skulptur für eine Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst in Basel. Mit dem Fahrrad war der Künstler den Rhein entlang gefahren, bis er im Ort Schweizerhalle zufällig eine alte Hütte eines Wassersportvereins entdeckte, an dem ein Ruder befestigt war. Starling zerlegte die Hütte und baute daraus einen Weidling, einen speziellen Typ Boot, wie er in dieser Region produziert wird. Damit fuhr er auf dem Rhein bis zum Museum, wo er das Holzhäuschen wieder aufbaute.
Skulpturen, die ihren eigenen Produktionsprozess verkörpern, hatte Simon Starling, der 1967 in Epsom geboren wurde, an der Kunsthochschule in Glasgow studierte, derzeit als Professor an der Frankfurter Städelschule lehrt und in Kopenhagen lebt, bereits früher entworfen. Für "Blue Boat Black" etwa ließ er 1997 eine ausrangierte Vitrine aus dem National Museum of Scotland in Edinburgh nach Marseille bringen, wo sie erst zum Fischerboot umgebaut wurde und schließlich als Brennkohle zum Braten der mit seiner Hilfe gefangenen Fische diente.
"Ich mag nun mal Projekte, die ein bestimmtes materielles Zentrum haben, von dem aus diverse Geschichten abstrahlen, die sich erst nach und nach entfalten", erklärt Starling, während er in der steingewordenen Statik- Provokation, die neuerdings als Präsentationsgebäude der Galerie Franco Noero dient, die Stufen wieder nach unten klettert. Das Haus, 1840 von Alessandro Antonelli erbaut, ist an seinem schmalen Ende nur 57 Zentimeter breit, die Turiner nennen es "La Fetta di Polenta" - Polentascheibe.
Mehr als zehn Leute auf einmal sind in dem schlanken Bau nicht erlaubt. tarlings Eröffnung dauert deshalb drei volle Tage. Im Inneren verweisen Fotografien und Gegenstände auf ein anderes, ebenso abstruses Gebäude in Indien: ein Palast, den der Berliner Architekt Eckart Muthesius Anfang der dreißiger Jahre für den Maharadscha in Indore gebaut hatte. Der Großfürst (dessen Porträt Starling wieder mal rein zufällig bei einem Turiner Sammler entdeckte) wünschte sich einen modernistischen Bauhaus-Traum mitten im bitterarmen Indien. So entstand ein hybrides Gebilde, dessen Treppengeländer, Teile der Fußböden und Einrich tungsgegenstände in Berlin gefertigt wurden.
Ein deplatziert erscheinender Kulturimport, in dem mittlerweile die Zollbehörde logiert. "Habe ich schon erwähnt, dass die eines der ersten Klimaanlagensysteme in Indien hatten?", fragt Starling, der sich gerne Mal in komplexen Details verliert. "Es wurde übrigens von Leni Riefenstahls Bruder installiert." Dass der Maharadscha nebenbei in ein verzwicktes Projekt mit dem Bildhauer Constantin Brancusi verwickelt war, ist nur einer der schier endlosen Nebenaspekte und Seitengeschichten, die aus Starling heraussprudeln, wie Milch aus einem überhitzten Kochtopf.
Bleibt die Frage, was das Ganze mit Fritz Langs Film "Der Tiger von Eschnapur" zu tun hat, der als fotografierte Filmdose an der Wand des Polenta-Hauses hängt? "Ganz einfach:
Darin beauftragt ein indischer Maharadscha einen deutschen Architekten mit dem Bau eines obskuren Gebäudes." Simon Starling schaut ein wenig so, als sei das alles so schlüssig, dass man es sich durchaus auch selbst hätte zusammenreimen können. Sicherheitshalber ließ er aber Wandtexte anbringen, die das komplizierte Gestrüpp entwirren.
Derzeit lässt der Künstler übrigens für das MASS MoCA in North Adams zwei gigantische Silberskulpturen in China anfertigen. Es handelt sich dabei um Vergrößerungen von Silberpartikeln einer Fotografie, die chinesische Arbeiter zeigen, die im 19.
Jahrhundert angeheuert wurden, um einen Streik in einer Schuhfabrik in North Adams zu brechen. Ein Ereignis, das wie nebenbei auf aktuelle Probleme des internationalen Arbeitsmarkts verweist. Und dazu ein Projekt, in dem sich auf wundersame Weise sämtliche Komponenten einer typischen Simon-Starling-Arbeit kreuzen: ein globaler Import, ein grotesker Kreislauf, eine ortsspezifische Komponente und die nötige Portion Durchgeknalltheit, die aus einer interessanten historischen Begebenheit ein so charmantes wie anspielungsreiches Kunstwerk machen.
Ausstellung: Simon Starling, MASS MoCA, North Adams; MA, 13. Dezember bis 31. Oktober 2009.
Internet: www.massmoca.org Literatur: Simon Starling: Cuttings, Hatje Cantz Verlag, 2005
Bildunterschrift:
Im Kunstraum Dornbirn in Öster reich baute Simon Starling diesen Sommer einen "Technikraum" ("Plant Room") aus Lehmziegeln, in dem er Pflanzenbilder des Fotografen Karl Blossfeldt (1865 bis 1932) zeigte (Foto:
Philipp Rohner)
1999 transportierte Starling sieben Rhododendronbüsche von Schottland nach Südspanien.
Von dort war das Gewächs einst als Zierpflanze nach Großbritannien eingeführt worden. Die Rettungsaktion über fünf Reisestationen vom schottischen Elrick Hill (unten links) über Pas de Calais (großes Bild) und Morón de la Frontera (unten rechts) dokumentierte er mit je einem Foto
In Turin nutzte Starling 2008 ein extrem schmales Haus, auch "Polentascheibe" genannt, für die Installation "Drei Vögel, sieben Geschichten, Einschübe und Verzweigungen", die Beziehungen zwischen der Architektur und einem indischen Adeligen herstellte
Globale Importe, abstruse Kreisläufe, Abhängigkeiten und Vernetzungen sind Simon Starlings zentrale Themen
Im Portikus zeigte Starling 2002 einen Kaktus, den er von Andalusien mit einem Volvo nach Frankfurt transportiert hatte. Dort wurde der Automotor zur Heizanlage für das "Kakteenhaus" umfunktioniert
Für sein "Befalls-Werk" (2006/08) versenkte Starling die Stahlkopie einer Henry-Moore-Skulptur im Ontario see und stellte das später muschel verkrustete Stück dann in Toronto ins Museum
Für "Schuppenbootschuppen" verwandelte Starling eine Holzhütte in ein Boot, das am Ausstellungsort wieder zur Hütte umgebaut wurde. Damit gewann er 2005 den Turner-Preis
Eine Vitrine wird erst zum Fischerboot und schließlich zum Brennmaterial für das Rösten der gefangenen Fische
