Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 68-69
Und was für ein Rücken!
Von Juli Zeh
Eine Frau verliebt sich in ein Bild - könnte sie es aus dem Museum schmuggeln? über "Blauer Minotaurus" des englischen Malers Richard Patterson
Blickwechsel Schriftsteller und ihr Lieblingsporträt Neue Serie
Zum ersten Mal sah ich ihn vor fast genau zehn Jahren. Es war in Brooklyn. Seit einigen Wochen lebte ich in New York, und die Stadt hatte mir beigebracht, mich unbedeutend zu fühlen. Auf dem Dach des Gebäudes standen maskierte Scharfschützen.
Ein Künstler hatte eine schwarze Madonna mit Elefantenscheiße und Pornobildchen beklebt, was den Zorn der fundamentalistischen Christen auf sich zog.
Kaum hatte ich den Raum betreten, konnte ich den Blick schon nicht mehr abwenden von ihm. Er stand mit dem Rücken zu mir - und was war das für ein Rücken! Die Schultern breit, sein Nacken der eines Stiers. Die Arme hingen untätig an den Seiten herab, die Hände hatte er zu halben Fäusten geballt. In verebbender Wut, aus schwachem Trotz oder zum Ausdruck einer irgendwie endgültigen Hilflosigkeit.
Er schaute aus dem Fenster. Was er sah, verschwamm ihm und mir vor Augen. Obwohl der bläuliche Nebel wenig erkennen ließ, wusste ich sofort, was da draußen war: eine große Stadt, die in der Dämmerung hinter einer Wand aus Lichtern und Bewegung verschwand. Eine Metropole, die vor lauter Größe und Vielheit und Tempo in Auflösung erstarrt war und sich seinem und meinem Blick als eine zerstörte Landschaft darbot.
Seinem Rücken sah man an, wie erschrocken er war.
Er war jung, erst im Jahr 1996 geboren, und blickte durch dieses Fenster auf die Trümmer des zwanzigsten Jahrhunderts oder des zweiten Jahrtausends oder vielleicht auch in den Rachen einer Zukunft, die er nicht verstand. Wie das letzte Lebewesen auf Erden stand er da, leicht vorgeneigt, bereit zum Sprung ins Nichts und zugleich viel zu schockiert, um irgendwohin zu springen. Er war lächerlich und schön, er tat mir unendlich leid und machte mir Angst, mit einem Wort: Ich verliebte mich auf der Stelle in ihn.
Sein Gesicht konnte ich nicht sehen. Grausamerweise wusste ich, dass ich mich andernfalls nicht verliebt hätte.
Zwischen den weichen Ohren trug er ein Paar Hörner, kleine bloß, eher kindliche Hornstummel als ein veritables Geweih. Indem er so unverwandt hinaussah, verbarg er ein Antlitz, das jeder Abendländer aus dem Fundus seiner Alpträume kennt: die dumme, brutale Fratze einer menschenfressenden Kuh.
Ich wollte ihm über den Kopf streicheln. Du kannst nichts dafür, wollte ich flüstern, ich liebe dich, bitte dreh dich nicht um. Aber es war unmöglich, ihn zu berühren.
Er war gleichzeitig zu groß und zu klein. Gut zwei Meter hoch und doch nicht länger als mein Daumen. Übermenschlich stark und trotzdem schwächer als der geringste Käfer. Er stand auch gar nicht am Fenster, sondern darin, auf einer Art hölzernem Sims.
Du Kind eines Fluchs, dachte ich, man hat dich weggesperrt, weil du so hässlich warst, man hat dir Jungfrauen zum Fraß vorgeworfen und sprichwörtliche Ariadnefäden zu dir geknüpft; man hat dich umgebracht und danach immer wieder gemalt und besungen - und hier bist du nun! Eine achtlos abgestellte Spielzeugfigur aus Plastik, versunken in die Betrachtung jenes finalen Verbrechens, das wir unser Universum nennen. Etwas Traurigeres war mir nie begegnet. Nicht einmal einen richtigen Namen hatte man ihm gegeben. "Blue Minotaur" - blauer Minotaurus - hieß er, dabei war er zitronengelb.
Während er die Welt und ich ihn betrachtete, verging eine Stunde. Ich hätte ihn gern befreit aus dem Gefängnis seiner Größe. Am liebsten hätte ich ihn vom Sims genommen und in meiner Tasche geborgen. Weil das nicht ging, dachte ich darüber nach, ob man ein Ölgemälde von mehreren Quadratmetern unter der Jacke aus dem Brooklyn Museum of Art schmuggeln könnte. Ein gigantisches Haus wollte ich ihm bauen, so groß, dass ein Riese wie er sich darin winzig fühlen durfte. Sein Fenster hätte ich ihm frisch übermalt, mit einer blühenden Gartenlandschaft vielleicht.
Im Museumsshop hatten sie kein Bild von ihm, keinen Katalog und keine Postkarte. Als ich endlich ging, nahm ich ihn dennoch mit, etwa so, wie man sein Spiegelbild mitnimmt, wenn man sich vom Spiegel abwendet und das Haus verlässt.
Ein Monster in einem Labyrinth aus Licht und Dunkel, aus klein und groß. Ein Wesen, halb Mensch, halb Tier, erst geschrumpft zu einem winzigen Spielzeug und dann aufgeblasen zur überdimensionierten Abbildung seiner selbst: Das ist kein Gemälde, sondern eine Wahrheit. Das ist jeder von uns; das bin ich. Ein Irrgarten aus Paradoxien.
Ein gelber Minotaurus, den man blue nennt und dann auf ewig allein lässt mit der Katastrophe seiner Existenz.
Die Scharfschützen schauten in Verteidigung der entstellten Madonna über die Kanten der Dächer, und plötzlich wusste ich, warum ihre Anwesenheit mich so beunruhigte.
Ich würde nie begreifen, auf welcher Seite sie kämpften und für wen.
IM NÄCHSTEN HEFT: Andreas Maier über "Papst Innozenz X." von Diego Velázquez
Kasten:
, geboren 1974 in Bonn, studierte zunächst Rechtswissenschaften.
Parallel begann sie 1996 ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Ihr Debütroman "Adler und Engel" (2001) wurde in 28 Sprachen übersetzt. Außerdem erschienen die Romane "Spieltrieb", (2004), "Kleines Konversationslexikon für Haushunde" (2005) und "Schilf" (2007), das Bosnien-Reisetagebuch "Die Stille ist ein Geräusch" (2002) und die Essaysammlung "Alles auf dem Rasen" (2006; alle im Schöffling Verlag).
Wiederkehrende Motive ihrer literarischen Arbeit sind das Völkerrecht, aber auch der Verlust von Werten in einer von Individualisierung und Globalisierung geprägten Gesellschaft.
Bildunterschrift:
Richard Patterson: "Blauer Minotaurus" (1996, 208 x 312 cm)
