Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 74-76

Das Nackte und das Paradoxe

Von Michael Kohler

Das Museum Kunstpalast präsentiert den "verbotenen Blick auf die Nackheit"

DÜSSELDORF: DIANA UND AKTAION

Der griechische Held Aktaion überrascht auf der Jagd Göttin Diana, als sie nackt aus einer Quelle steigt.

Halb erschrocken und halb gebannt vermag er nicht, den Blick zu senken, und bekommt darauf den göttlichen Zorn zu spüren. Diana lässt dem verirrten Mann mächtige Hörner sprießen, und bald wird er, zum Hirsch verwandelt, von den eigenen Bluthunden zerrissen.

Die Badeszene aus den "Metamorphosen" des Ovid gehört zu den viel gemalten Motiven der Kunstgeschichte, der in ihm enthaltene Widerspruch ist auf einem Bild von Jan Brueghel d. Ä. und Jacob de Backer ("Diana und Aktaion", 1595) besonders anschaulich dargestellt:

Die unverhüllte Göttin wird dem außen stehenden Betrachter quasi auf dem goldenen Tablett serviert.

Dem entblößten Körper wie auch den Paradoxien seiner Darstellung widmet das Düsseldorfer Museum Kunstpalast seine mehr als 250 Werke umfassende Ausstellung "Diana und Aktaion".

Sie greift das Motiv des verbotenen Blicks im antiken Mythos auf und spannt mit bedeutenden Arbeiten aus Renaissance, Manierismus, Barock, Klassizismus und Moderne einen weiten Bogen bis in die Gegenwart. In zahlreichen Kunstgattungen lässt sich verfolgen, wie die Grenzen des sittlich Akzeptierten immer weiter herausgeschoben werden, und zugleich stellt man fest, dass dem künstlerischen Blick auf den Körper schon immer mehr als die nackte Schaulust innewohnte.

Wo es der Pornografie ums bloße Anstacheln der Sinne geht, sucht die Kunst stets auch nach Selbsterkenntnis.

In der Renaissance fand sie diese in idealen Körpermaßen, die Madonnen und Jungfrauen überirdische Schönheit verliehen und die heute in digital bearbeiteten Titelbeauties weiterleben. Der Impressionist Lovis Corinth (1858 bis 1925) konnte im menschlichen Körper hingegen kein göttliches Abbild mehr erkennen; er malte der Vergänglichkeit anheim gegebenes Fleisch. Dass Nacktheit sowohl Verführung wie Schutzlosigkeit bedeuten kann, ahnt man auf einem Gemälde Eric Fischls ("Bad Boy", 1981), beim malenden Sonnenanbeter Fidus (1868 bis 1948) wird sie zum Medium der Befreiung.

Trotz dieser thematischen Vielfalt verfolgt der Verdacht der Libertinage das erotische Kunstwerk wie ein Schatten. Mag es heute kaum noch Darstellungstabus geben, die alte Frage, was unbefugten Blicken besser verborgen bleiben sollte, ist in der Kunst weiterhin aktuell.

Termin: 25. Oktober bis 15. Februar 2009.

Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro.

Internet: www.museum-kunst-palast.de

Bildunterschrift:

Eric Fischl "Bad Boy" (1981, 168 x 244 cm, Öl auf Leinwand)

Kohlezeichnung ohne Titel (2000, 123 x 100 cm) des Niederländers Juul Kraijer

Jan Brueghel d. Ä. und Jacob de Backer: "Diana und Aktaion" (um 1595, 27 x 36 cm)

Kampanische, rotfigurige Hydria (um 375 bis 350 vor Christus)