Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 79

Betreten auf eigene Gefahr

Von Sandra Danicke

Der brasilianische Konzeptkünstler gibt ein Gastspiel in der Tate Modern

LONDON: CILDO MEIRELES

Als Cildo Meireles vor vier Jahren in Frankfurt und Hamburg eine Waschschüssel voller Geldscheine in einem verspiegelten Kabinett ausstellte, brachte er die Besucher in eine moralisch verzwickte Bredouille. Zumal einer der Spiegel von einem dahinter liegenden Raum aus einzusehen war wie bei einer polizeilichen Gegenüberstellung. Sollte man zugreifen, obwohl man nicht wusste, ob man dabei beobachtet wird? Erträgt man es, sich selbst vielfach gespiegelt bei einer verwerflichen Tat zu sehen? Oder ist man der Dumme, wenn man es nicht tut?

Im Frankfurter Portikus jedenfalls steckte tatsächlich jemand das Geld ein und ging unbehelligt zum Ausgang.

Später wurde unter den Besuchern diskutiert, ob der Diebstahl nun asozial war oder die logische Konsequenz und somit Teil der Arbeit, die auch durch den Titel "Occasion" (1974/2004), also Gelegen heit, dazu aufgefordert habe. Das Spannungsverhältnis zwischen symbolischem und realem Wert ist eines der zentralen Themen des Brasilianers, dessen Werke in der Regel die Mitwirkung des Betrachters erfordern. Bereits in den siebziger Jahren ließ Meireles Null-Dollar- Scheine drucken, deren Materialwert höher ist als ihr nomineller, vom Wert als Kunstwerk ganz zu schweigen. Die Arbeit mit dem Titel "Zero Dollar" (1978/84) ist jetzt in der Tate Modern zu sehen, die dem Konzeptkünstler (Jahrgang 1948) eine umfangreiche Überblicksschau widmet.

Gezeigt werden acht große Rauminstallationen und diverse kleinere Skulpturen und Zeichnungen, die seit den späten sechziger Jahren entstanden sind.

Dar unter Exemplare der Serie "Inserçõesem Circuitos Ideológicos" (1970): mit Protestparolen bedruckte Coca-Cola-Flaschen und Banknoten, mit denen es dem Künstler gelang, politische Botschaften trotz der Militärdiktatur in Brasilien in den Warenkreislauf einzuschleusen und somit im Volk zu verbreiten.

Neben politischen, sozialen und psychologischen Fragen interessieren Meireles stets auch formale und sinnliche Aspekte, vor allem in seinen raumgreifenden Arrangements, von denen in London unter anderem "Eureka/Blindhotland" (1970/ 75) gezeigt wird, in dem 200 scheinbar identische schwarze Bälle mit unterschiedlichen Gewichten das Wahrnehmungsund Urteilsvermögen des Betrachters irritieren.

Auch Furcht sei in vielen seiner Arbeiten ein Thema, erklärte Cildo Meireles einmal. Zwei davon sind in der Tate zu erleben. Eine ist "Através"(1983/89), ein Raum voller Grenzen, vom Maschendrahtzaun über das Tennisnetz bis zum Stacheldraht.

Der Boden liegt voller Splitterglas, . "Wenn man Angst hat, werden die Sinne geschärft", erläutert der Künstler, "man achtet viel aufmerksamer auf seine Umgebung."

Termin: bis 11. Januar 2009.

Internet: www.tate.org.uk

Bildunterschrift:

"Missão/Missões (Wie man Kathedralen baut)", Installation von 1987 aus 2000 Knochen, 600 000 Münzen und 800 Hostien