Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 78
Auf der Spur des magischen Pilzes
Von Michael Kohler
Kunst und Gegenkultur im San Francisco der sechziger Jahre im Museum Ludwig
KÖLN: LOOKING FOR MUSHROOMS
Wenn du nach San Francisco kommst, vergiss nicht, einige Blumen im Haar zu tragen." Dieser Ratschlag aus Scott McKenzies Hippie-Hymne "San Francisco" lockte 1967 Blumenkinder über die Golden Gate Bridge. In San Francisco waren Menschen und Dinge tatsächlich "in Bewegung", wie es ein wenig später heißt, und die Küstenstadt war, dank Underground-Künstlern wie dem Beat-Poeten Ken Kesey oder den Theaterleuten der "Mime Troupe", zur bedeutendsten Pilgerstätte der amerikanischen Gegenkultur geworden.
An der benachbarten Berkeley-Universität entwickelte LSD-Papst Timothy Leary eine Enzyklika des Drogenrauschs und erteilte den zum mystisch aufgeladenen "Human Be-In"-Festival geeilten Aussteigern seinen Segen. "Entgrenzung" war das Gebot der Stunde: Die Kunst ging auf die Straße, wurde zur revolutionären Lebenskunst oder versuchte zumindest, die etablierten Gattungsgrenzen zwischen Malerei, Theater, Tanz, Film und Literatur zu überwinden. Dieses kreative Umfeld stellt das Museum Ludwig nun in einer Ausstellung über Kunst und Gegenkultur in San Francisco zwischen 1955 und 1968 vor. Ihren Titel "Looking for Mushrooms" leihen die Kuratoren von einem Werk des Experimentalfilmers Bruce Conner, in dem Bilder einer Pilzsuche durch Mehrfachbelichtung zu einem abstrakten Farbund Formenspiel verschmelzen - ein Schelm, wer hier gleich an die halluzinogenen "magic mushrooms" denkt.
Der im letzten Juli mit 74 Jahren gestorbene Conner erscheint in Köln als exemplarische Gestalt der kalifornischen Subkultur: Er war in vielen Kunstgattungen zu Hause, stellte etwa auf Fotopapierbahnen lebensgroße Kontaktabzüge seiner Modelle her und führte in "A Movie" (1958) die aus gefundenem Filmmaterial zusammengesetzte Collage in den Formenkanon des Kinos ein. Mit Robert Nelson, Stan Brakhage und Yvonne Rainer finden sich weitere wichtige Vertreter des Avantgardefilms, während Ken Kesey und seine "Merry Pranksters"-Kommune zu ekstatischen Happenings aufriefen.
Psychedelisch muten die Vietnam- Gemälde von Peter Saul an. Ein virtuoses Stil gemisch machte den Posterkünstler Rick Griffin zu einem gefragten Mann.
Rund 200 Werke sollen so unterschiedliche Künstler wie Bruce Nau man (Performance), Wallace Berman (Assemblage) oder Robert Crumb (Comic) auf eine Wellenlänge bringen.
Termin: 8. November bis 1. März 2009.
Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, 29 Euro, im Buchhandel 38 Euro.
Internet: www.museum-ludwig.de
Bildunterschrift:
Victor Moscoso:
Poster für Konzerte der Band The Chambers Brothers (März/ April 1967)
Peter Saul: "Cash" (1967/68, 76 x 102 cm), Kreide, Collage und Tinte
