Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 123

Der Dreh mit den Hutzen

Von Till Briegleb

Architektur: AFF verwandelt Schloss Freudenstein in Museum

Was ist eine Hutze? Eine Mischung aus Hund und Katze?

Eine thüringische Form des Palavers? Eine schnittige Luftansaugvorrichtung für getunte Autos?

Oder eine unappetitliche Spezies aus Walter Moers' Fantasieland Zamonien? Das alles heißt tatsächlich Hutze, aber in einem Lexikon für Architekturelemente tauchte das Wort bisher noch nicht auf. Das mag sich nun ändern.

Denn was die Architekten des Berliner Büros AFF, die das sächsische Schloss Freudenstein in ein Bergbaumuseum und Archivgebäude verwandelt haben, Hutze getauft haben, ist so prägnant, dass es durchaus einen neuen Begriff etablieren könnte: Weit aus den Fensteröffnungen herausragende flache Luft- und Lichtschächte aus Beton, die sich nach außen verjüngen. Diese Hutzen masern die Fassade des Schlosses im sächsischen Freiberg, verhelfen ihm zu einer unverwechselbar skurrilen Ansicht, die zur wechselvollen Geschichte des Baus passt.

Denn die ehemalige Wettiner- Residenz aus dem Jahr 1577 wurde nach der Verwüstung während des Siebenjährigen Krieges im 18.

Jahrhundert in ein Militärmagazin mit flachen Holzböden umgebaut, diente später als Lazarett und in der DDR als Getreidespeicher.

Entsprechend besitzt der imposante vierflügelige Bau weder große Schlossfenster noch repräsentative Säle und kaum Dekor, was ihn für einen modernen Umbau in ein Archiv und Museum sehr gefügig machte.

Der eine Flügel wurde komplett entkernt und mit einem großen schwarzen Betonkörper auf Stelzen für das Sächsische Bergbauarchiv gefüllt, welcher durch die Hutzen in der Fassade verankert ist. Im Museumsflügel, in dem seit Oktober eine der weltgrößten mineralogischen Sammlungen bestaunt werden kann, wurde dagegen von Rußspuren an den Decken über alte Geländer und Speicherstützen so viel Substanz wie möglich aus der Speicherzeit des Baus bewahrt.

Aber auch neu entworfene Details verweisen auf die Geschichte.

Die verwinkelten Eingänge aus dunklem Beton und Glas richten sich nach dem Grundriss des ersten Burgbaus an dieser Stelle. Der Hofbelag zeigt die sieben in der Natur vorkommenden Formen der Kristalle als Ornament. Der schwarze Beton des Archivkörpers wurde so behauen, dass er die Anmutung von Bergwerkswänden erhält, und für die Schließtore aus Metall wählten AFF das Symbol der gekreuzten Hämmer als Stanzform. Selbst die lila, gelb, grün gestrichenen Foyers sind nicht einfach Pop, sie beziehen sich auf die Farben mineralogischer Einschlüsse. Mit diesen Eingriffen im Geist einer fröhlichen Moderne hat das Büro die Schlossruine in einen Brillanten der Museumsarchitektur umgeschliffen. TILL BRIEGLEB Internet: www.schloss-freudenstein.net

Bildunterschrift:

Alte Stützen und Backsteinwände kombiniert mit modernen Elementen und teils poppigen Farben. Rechts oben sind die Hutzen zu erkennen

Martin Fröhlich, Alexander Georgi und Sven Fröhlich (von links) sind die Partner des jungen Berliner Büros AFF. Ihr erfrischendes Credo, "Langeweile stellt für uns einen unerträglichen Zustand dar", konnten sie bisher außer beim Umbau von Schloss Freudenstein meist nur an Einfamilienhausprojekten beweisen. Ausgehend von reduzierten Grundstrukturen in Bauhaus- Tradition frischen sie die alte Idee mit überraschenden Ein schnitten auf und bringen die Harmonie der Komposition mit Verschiebungen absichtlich aus der Balance. Aktuelle Projekte: Deutsche Botschaft in Eriwan, Mensa und Verwaltung der Humboldt-Universität in Berlin-Adlershof.