Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 121

Ist die Amputation zu verhindern?

Von Adrienne Braun

Stuttgart 21: Umbaupläne für Hauptbahnhof umstritten

Geht nicht, sagen Handwerker gern, wenn ihnen etwas zu kompliziert ist. Geht nicht, erklärte auch das Preisgericht zum Bahnhofsumbau "Stuttgart 21" - aus technischen Gründen müssten die Seitenflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs weg.

Basta, Ende der Diskussion. Es ist entschiedene Sache: Dem Hauptbahnhof, den Paul Bonatz 1911 entwarf, werden die Seitenflügel gestutzt. So, wie es in dem Siegerentwurf des Architekten Christoph Ingenhoven von 1997 vorgesehen ist. Dabei reißen die Proteste nicht ab, gegen das, was da beschlossen wurde: Die Versenkung der Gleisanlagen und der Umbau des alten Kopfbahnhofs zu einem Durchgangsbahnhof - mit direkter Anbindung zum Flughafen, der Messe und Europas Hochgeschwindigkeitsnetz.

Die Idee wurde bereits 1988 geboren, vor elf Jahren dann bekam das Architekturbüro Ingenhoven, Overdiek und Partner aus Düsseldorf den Zuschlag für die Neugestaltung des Bahnhofs.

2010 soll nun mit dem Großprojekt begonnen werden, das Stuttgart für mindestens zehn Jahre in eine Großbaustelle verwandeln wird. In einer Unterschriftensammlung forderten zwar mehr als 60 000 Stuttgarter einen Bürgerentscheid zu dem 2,8-Milliarden- Projekt, der aber wurde vom Gemeinderat abgelehnt.

Architekt Arno Lederer, selbst einer der Preisrichter für "Stuttgart 21", hat sich von seinem damaligen Votum distanziert. Aus heutiger Sicht sei es ein Fehler, den Bahnhof zu amputieren, sagt er. Doch das schert die Politik ebenso wenig wie die Tatsache, dass es sich beim Hauptbahnhof um ein Kulturdenkmal von "besonderer Bedeutung" handelt.

Denn das öffentliche Interesse von "Stuttgart 21" überwiege Denkmalschutzbelange, heißt es.

Städte müssen sich entwickeln.

Die Flächen, die das eingekesselte Stuttgart durch die Versenkung der Gleise gewinnt, werden die Stadt sicher bereichern. Auch eine bessere Zuganbindung kann nicht schaden.

Doch dazu "Europas letzte Verkehrskathedrale", so der stellvertretende Direktor des Deutschen Architekturmuseums Wolf gang Voigt, zu ruinieren, sei keine akzeptable Lösung. Nach seiner Auffassung könne "Stuttgart 21" nur mit und nicht gegen den Bahnhof realisiert werden. Es gebe durchaus architektonische Alternativen zu Ingenhovens Entwurf, bei denen das Gebäude er halten bliebe.

Auch sei es möglich, den Siegerentwurf entsprechend zu überarbeiten.

Bildunterschrift:

Die Seitenflügel und die Gleisüberdachung (hier rot umrandet) des denkmalgeschützten Stuttgarter Kopfbahnhofs sollen abgerissen werden

So soll der neue Durchgangsbahnhof aussehen: Unter den Glasdeckeln werden die Gleise versenkt und die Züge fahren künftig unterirdisch