Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 97

Naturgeister im Palmengarten

Von Elke Buhr

BERLIN: DIE TROPEN

Der Martin-Gropius-Bau legt einen sinnlich mitreißenden Ausstellungsparcours durch ein stark verklärtes Gelände.

Geografisch gesehen sind die Tropen schlicht ein etwa 5000 Kilometer breiter Gürtel entlang des Äquators, in dem die Sonne zweimal im Jahr im Zenit steht.

Es ist das ganze Jahr über heiß dort, und wenn es regnet, dann wie aus Kübeln.

Das wären auch schon die Gemeinsamkeiten, zumindest aus der Sicht der Tropenbewohner zwischen Neuseeland und Südamerika. Es sind die Europäer, die in den Tropen das "Herz der Finsternis" gesucht haben, das Geheimnisvolle, das Sinnliche, das Archaische.

Das ist den Machern der Ausstellung "Die Tropen" im Berliner Martin- Gropius-Bau durchaus klar - ja, sie haben die Ausstellung als ein Spiel mit diesen Klischees und wechselseitigen Projektionen angelegt. Und dabei einen Ausstellungsessay geschaffen, der mit großer Sinnlichkeit mitreißt. Der Clou der Schau ist die Kombination von Werken zeitgenössischer Künstler mit der traditionellen Kunst indigener Völker.

Geschnitzte Masken und Ahnenfiguren treten in Dialog mit internationaler Gegenwartskunst.

Da steht Thomas Struth vor dem Dickicht des Dschungels wie vor einer Wand, während der brasilianische Fotograf Caio Reisewitz lieber die domestizierte Pseudo-Wildnis im Frankfurter Palmengarten fotografiert.

Fiona Tan übersetzt das Thema Sintflut lapidar in überlaufende Wassereimer in Jakarta. Was die Natur im Innersten zusammenhält, weiß aber letztlich wohl nur der Jagdgeist aus Neuguinea, der schmal und stachelig dazwischen steht.

Natürlich riskiert die Berliner Schau bei dieser radikal assoziativen Methode, Kontexte allzu brutal zu kappen.

Andererseits ermöglicht gerade der betont ästhetische Ansatz, sich auf Altes wie Neues mit allen Sinnen einzulassen.

Erarbeitet wurde die Ausstellung vom Goethe-Institut in Rio de Janeiro und vom Ethnologischen Museum in Berlin. Ein interdisziplinärer Versuch, der überzeugt - und den Weg weisen könnte für das Humboldt- Forum, in dem sich dem nächst die Weltkulturen treffen sollen.

Termin: bis 5. Januar. Katalog: Kerber Verlag, 32 Euro, im Buchhandel 48 Euro.

Internet: www.goethe.de/tropenausstellung

Bildunterschrift:

Die Wildnis in der westlichen Welt: "Bürokult" (2008) von Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger