Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 118-119

Glanzstück oder Schildbürgerstreich?

Von

Pro und Contra: Erwartungen an das Berliner Humboldt-Forum

Selbst in Amerika wird für die Rekonstruktion der Fassade des Berliner Stadtschlosses gesammelt, doch noch liegt die anvisierte Summe von 80 Millionen Euro Spendengeldern fern (rund 63,4 Millionen Euro fehlen bislang).

Wie es einst hinter den Mauern der nachzubauenden barocken Hülle des Humboldt-Forums aussehen soll, werden die Bürger Ende November erfahren.

Dann steht der Gewinner des Architektenwettbewerbs fest.

Schließlich soll es 2010 mit dem Bauen losgehen. Hauptnutzer wird das neue Zentrum für außer europäische Kunst und Kultur werden, das die ethnologische und die asiatische Sammlung der Staatlichen Museen aus dem sanierungsbedürftigen Museum in Dahlem an den Berliner Schlossplatz und damit ins Rampenlicht der Republik holt. Doch es wird noch andere Mieter hinter der historischen Fassade geben: Geplant ist eine Agora für Aufführungen und Versammlungen, auch die Zentral- und Landesbibliothek sowie ein Teil der Humboldt-Universität sollen Platz finden. "So wird das nie was", warnte Jens Bisky in der "Süddeutschen Zeitung" und forderte umgehend einen Intendanten für das Humboldt- Forum, der dessen Interessen vertritt und die verschiedenen Nutzer des Baus zusammenführt. Doch lässt sich in dieser Zusammensetzung ein akzeptables Nutzungskonzept für das Humboldt-Forum erstellen?

Philipp Oswalt, Berliner Architekt sowie leidenschaftlicher Kritiker des Schlossneubaus, und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Befürworter des 552- Millionen-Euro-Projekts, beziehen Stellung in art .

Die Schätze der ethnologischen Sammlung in Dahlem sollen künftig im Humboldt- Forum am Berliner Schlossplatz zu sehen sein

Parzinger: "Es wird viele Verzahnungen geben" - Oswalt: "Kein tragfähiges Konzept" Hermann Parzinger, 49, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz:

Die hochkarätigen Werke aus Japan, China und Indien, die faszinierende Bildkunst der Mayas und Azteken, die ethnologischen Sammlungen Afrikas, Asiens, Amerikas, Australiens und Ozeaniens - die berühmten Berliner Sammlungen der außereuropäischen Kunst und Kultur also, werden auf dem Schlossplatz wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Ihr jetziger Standort liegt seit der Wiedervereinigung abseits der Touristenwege.

Die Platzierung gegenüber der Museumsinsel mit ihren Zeugnissen der alten Kunst und Kultur Europas und deren Wurzeln gibt dem Bewusstsein der Gleichberechtigung der Kulturen Ausdruck. Das Interesse an allen Kulturen war bereits bei der Geburt der Museumsinsel grundlegend.

Auf dem Schlossplatz wird sich Deutschland künftig als ein kosmopolitisches Land präsentieren mit einer langen Tradition bei der Erkundung ferner Länder und Kulturen. Die ebenfalls beteiligten wissenschaftsgeschichtlichen Sammlungen der Humboldt-Universität, die zentrale Agora als ein Ort für Theater, Film, Musik, Performances und Symposien sowie die korrespondierenden Bestände der Zentral- und Landesbibliothek mit ihrer hohen Nutzerfrequenz sind weitere Komponenten dieses Zentrums.

Verzahnungen wird es viele geben, im Medienbereich, bei den Angeboten für Kinder und Jugendliche, auch bei wissenschaftlichen Programmen, die die Grenzen von Fächern und Instititutionen überschreiten werden.

Es wird ein Ort der Kunst- und Kulturerfahrung, der Wissensproduktion und -vermittlung, für Schüler, Touristen und Forscher attraktiv. Die Auseinandersetzung mit außereuropäischen Kulturen wird den europäischen Blick, das heutige und das historische Interesse einbeziehen. Ziel ist, neue Perspektiven zu eröffnen, um weltweit wirksame Zusammenhänge besser zu verstehen. Der Bundestag hat nicht nur das Nutzungskonzept, sondern auch den Wiederaufbau der Schlossfassaden beschlossen.

Beides fügt sich auch aus historischer Sicht ineinander, lag doch der Ursprung der Sammlungen in den Kunstkabinetten des Schlosses.

Philipp Oswalt, 44, Berliner Architekt, Publizist, und Mitinitiator der Internet-Plattform: www.schlossdebatte.de Der Vorschlag für das Humboldt-Forum stammt aus dem Jahr 1999 und diente dazu, dem politischen Wunsch nach Fassadenrekonstruktion für das Berliner Schloss im Nachhinein eine inhaltliche Begründung zu geben und dabei den drei Anrainern des Areals - der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Humboldt-Universität und der Berliner Landesbibliothek - den Zugriff auf das Filetgrundstück zu sichern. Während die Idee ihre politische Funktion perfekt erfüllte und selbst die Schlosskritiker befriedete, ist nach fast einem Jahrzehnt nach wie vor kein tragfähiges Konzept erkennbar.

Die von der internationalen Expertenkommission vorgesehene Nutzfläche hinter der Schlossfassade wurde um mehr als die Hälfte reduziert. Die Humboldt-Universität ist nur noch pro forma dabei.

Die Landesbibliothek, die ursprünglich hier endlich an einem Standort wieder vereint werden sollte, erhält nur noch ein kleines Fragment und ist damit auf vier Standorte zersplittert. Doch nicht nur sie wird dem Humboldt-Forum zuliebe demontiert. Aus der ethnologischen Sammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird die europäische Abteilung einfach herausgerissen und soll in Dahlem verbleiben, denn am Schlossplatz will man nur Außereuropäisches zeigen, um - ganz im Zeichen politischer Korrektheit - Preußentum zu legitimieren.

So entflieht der stets beschworene "Schlussstein der Wiedervereinigung" und das Symbol Berliner, oder gar deutscher Identität, gänzlich dem Hier und Jetzt ins Vergangene und weit ins Entfernte. Gleichwohl soll hier die globale Gegenwart verhandelt werden. Doch um diesen Schildbürgerstreich perfekt zu machen, bleibt diejenige Berliner Institution, die den vorgesehenen Dialog der Kulturen seit Jahrzehnten bereits erfolgreich betreibt - das Haus der Kulturen nämlich - schlichtweg außen vor.

Bildunterschrift:

Die Schätze der ethnologischen Sammlung in Dahlem sollen künftig im Humboldt- Forum am Berliner Schlossplatz zu sehen sein

Noch dominieren Kräne und die blauweiße Kunsthallen-Box den Schlossplatz (ganz oben), wo ab 2010 das Humboldt-Forum mit rekonstruierter Schlossfassade erbaut werden soll (Simulation)

Kunsthallen-Box den Schlossplatz (ganz oben), wo ab 2010 das Humboldt-Forum mit rekonstruierter Schlossfassade erbaut werden soll (Simulation)