Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 59

Zwischen Eros und Altersschwäche

Von Thomas Wagner

Mythos Alterswerk: macht sich Gedanken, ob Künstlerheroen mit zunehmendem Alter hintergründiger und transparenter werden oder einfach nur kraftlos

Als sich das Leben schlicht verzehrte und die Dinge sich kontinuierlich zu entwickeln schienen, da glaubte man, große Künstler hätten auch dies: ein Spät- oder Alterswerk. Was aber sollte das heute sein? Die Summe eines Lebenswerks? Ein Werk, das entsteht, wenn ein alter Künstler nicht mehr nach Belieben über seine Fähigkeiten verfügen kann? Oder war es immer schon eine Fiktion der Kunstgeschichte, Milde und Souveränität zeichneten das Alter aus gegenüber der zügellosen Jugend? Kann Erfahrung überhaupt den Verlust junger, funkensprühender Leidenschaft aufwiegen?

Im "Unbekannten Meisterwerk" erzählt Honoré de Balzac von einem alten Maler, der seit zehn Jahren am Bild der Frau seiner Träume malt und doch nicht mehr hervorbringt als ein wirres Durcheinander von Farben und die Spitze ihres nackten Fußes. Ist ein Alterswerk gezeichnet vom Schwinden der Kräfte und vom Scheitern?

Auch heute noch? "Was für ein Quatsch!", tönt mein Freund Nick sogleich und kratzt sich an seinem eisenharten Kinn. "Alterswerk, Spätwerk - wer denkt denn noch an so was? - Je oller, je doller! So sieht's doch aus! Noch mal alles rein in die große Lostrommel und dann kräftig geschüttet. Das macht heute doch jeder, dem nichts Neues mehr einfällt. Oder?" Tatsache ist: Heute, wo Altsein generell eine eigene Vitalität entfaltet, steckt auch in den Werken - sagen wir es vorsichtig - älterer Künstlerinnen und Künstler eine Unruhe, die nicht allein daraus erwächst, dass die Uhr des Lebens fast abgelaufen ist. Anders als bei Michelangelo und Tizian erstrahlen heute eher die Werke der Jungen in rüder Unfertigkeit. Direkter im Vorgehen und im Ergebnis fragmentarischer - selbst das sind längst keine Privilegien eines erfahrenen Meisters mehr, der sich kurz vor dem Tod Freiheiten gegenüber seinen Auftraggebern herausnimmt, die er sich in jungen Jahren nicht leisten konnte.

Gleichwohl gibt es Unterschiede. Hat man der späten Produktion nachgesagt, sie sei oft sublimer, hintergründiger, transparenter, so mag das immerhin auch in unserer aufs Gegenwärtige fixierten Zeit gelten.

Ob das aber gleichzusetzen ist mit einem Mehr an Souveränität, bleibt dahingestellt.

Nicht Reife lautet das Stichwort unserer Tage, sondern Remix. Und so häuten sich selbst die Siebzig- und Achtzigjährigen in regelmäßigen Abständen.

Pablo Picasso war zweifellos derjenige, der inmitten des unruhigen 20. Jahrhunderts den schillernden Begriff des Genies am deutlichsten wiederaufleuchten ließ.

Folglich musste er, der Proteus der Moderne, geradezu ein Alterswerk schaffen, am Ende noch einmal lodernde Flammen aus fast erloschener Glut züngeln lassen. Und, was Wunder, bei einem Erotiker und Kraftmenschen wie Picasso: Der Kampf zwischen Eros und Thanatos, Liebe und Tod, musste vor dionysischer Energie knistern. Doch hat sich auch hier unsere Perspektive auf die Bilder verschoben, die er Ende der sechziger Jahre geschaffen hat.

Heute ist klar: Es gibt kein Alterswerk von Picasso. Was er im Angesicht das Todes malte, ist entschiedener als je zuvor geprägt von einer Fähigkeit zur Offenheit.

Liegt über dem frühen Tod der jungen, rebellischen Künstler der sechziger und siebziger Jahre, man denke an Robert Smithson, Gordon Matta-Clark oder Eva Hesse, auch wenn sie keine Filmstars waren, noch ein Hauch von James Dean, und verdankt sich ihr Ruhm dem Reiz des Unvollendeten, so entwickeln sich die in die Jahre gekommenen Künstlerheroen heute ganz anders. Lebe schnell und fahre gefährlich - Jason Rhoades war der Letzte in der Reihe derer, die ihre Energie rasch verbrannten. Maler wie Robert Ryman, Cy Twombly oder Brice Marden suchen zu vollenden, was sie einst begonnen haben. Gerhard Richter indes dringt immer tiefer in die Schichten des Bildes vor und erkundet seine Möglichkeiten. Anselm Kiefers Gemälde lösen sich mehr als je zuvor von der Malerei und stoßen ins Elementare vor, wo sie auf dem Gipfel der Verfeinerung etwas Rohes und Ungestaltetes freilegen. Und Georg Baselitz mischt und erfindet sein eigenes Werk in einem Remix noch einmal neu, in überraschend hellen Farben. Nein, es gibt keine Alterswerke mehr.

Das ist gut und schlecht zugleich.

Denn mit ihnen verschwunden ist eine melancholische Unberührtheit, die sich nicht um den Zeitgeist schert.

Bildunterschrift:

Nicht Reife lautet das Stichwort unserer Tage, sondern Remix. Und so häuten sich selbst die Achtzigjährigen noch in regelmäßigen Abständen