Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 38-47
Baudachs Rebellen
Von Kito Nedo
Wie der Galerist Guido W. Baudach die Künstler Andreas Hofer, Thomas Zipp und André Butzer zu Weltstars machte - und was die Berliner "Maschenmode" damit zu tun hat
Manche Leute halten mich für versponnen", sagt Andreas Hofer, während er wenige Stunden vor der Vernissage durch seine Ausstellung in der Galerie Baudach in den Berliner Osram-Höfen tigert. Wie er das sagt, mit einem unverkennbar bayerischen Akzent, klingt es nicht berechnend oder eitel, sondern eher ein wenig ratlos.
Mit dem Outfit hat sein Image des verspulten Ästhetiksprengmeisters jedenfalls nichts zu tun: Hofer, geboren 1963 in München, trägt eine schwarze Baseballkappe mit dem Logo der "Los Angeles Kings", eine grüne Trainingsjacke, schlabberige Jeans und schwarze Turnschuhe. Draußen, auf den Straßen vom Wedding, dem traditionellen Arbeiter- und Einwanderer- Bezirk, da wo das Schultheiss- und Bockwurst-Berlin seit Jahr und Tag wacker der anbrandenden Latte-Macchiato- Welle trotzt, könnte er sich gut unters einfache Volk mischen.
Hier drin ist Hofer ein Star. Schon seit Mittag schlendern die ersten Sammler und Art-Consultants durch die Schau, murmeln ins Telefon, schütteln Hände, werfen kurze "Hallos" durch den Raum. Die Stimmung in der weitläufigen Fabrikhalle ist entspannt, trotzdem wirkt der Künstler ein wenig gehetzt. In einer Stunde muss er schon weiter. Es sind Probedrucke für den Katalog zu prüfen. Für längere Gespräche mit Journalisten ist keine Zeit, doch um wortlos zu verschwinden, ist Andreas Hofer viel zu höflich.
So spricht er dann doch ein paar Sätze über seine Schau mit dem Titel "City of Sokrates", in der er ein großes Acrylgemälde mit acht Frauenfiguren in einer schroffen Marslandschaft zeigt. Davor hat er aus voluminösen Styroporblöcken einen luftig-kulissenhaften Säulengang im Ausstellungsraum platziert.
Normalerweise trifft man auch Hofers Galeristen, den gebürtigen Kölner Guido W. Baudach, nie ohne schwarze Baseballkappe an. Seit ein paar Wochen aber geht er ohne sein Markenzeichen unter die Leute - und dass ihn nun selbst gute Freunde plötzlich nicht mehr erkennen, belustigt den studierten Historiker, Politologen und Philosophen sehr. Am Tag der Hofer-Eröffnung sitzt er in seinem spartanischen Büro und erklärt mit sonorer Stimme geduldig die Geschichte der Galerie, zu deren bekanntesten Künstlern neben Hofer auch André Butzer und Thomas Zipp gehören.
Seine Galerie und mit ihr die so genannten "Baudach-Boys" schafften in den letzten Jahren einen kometenhaften Aufstieg vom Rand der Berliner Szene in die allererste Reihe. Doch mit dem schnellen Erfolg avancierte das Unternehmen auch wie kein zweites zum Objekt neugieriger Beobachtung, lustvoller Spekulation und erbitterter Kritik. Ein gern kolportierter Mythos ist etwa, die "Baudach-Boys" seien lediglich die aktuelle Version des Achtziger-Aufregers "Hetzler Boys" und die Galerie Baudach gar das Werk eines gewieften Strategen, der mit den von ihm vertretenen Künstlern das sattsam bekannte Erfolgsmodell aus dem Malerei- Boom der achtziger Jahre gnadenlos in die zweite Laufzeit schickt. Wenn nicht mit den "Jungen Wilden", so werden die schmutzig-dunklen Farben, geheimnisvollen Privatmythologien und Gräuelsymbole von Zipp und Hofer mit einer neuen Gothic-Welle assoziiert, deren Quelle in der Galerie zu suchen sei. Andere Kritiker werfen Baudach vor, in seiner fast reinen "Männergalerie" ein überkommenes Künstlerideal überwintern zu lassen.
Doch merkwürdigerweise wollen alle diese Zuschreibungen nicht auf Baudach passen: Er ist weder der mythische Superstratege noch der medien geschmeidige Stargalerist, ganz zu schweigen vom Neo-Gothic-Paten oder dem Kulturchauvinisten. Anstatt diese Klischees zu diskutieren, betont Mit dem schnellen Erfolg wurde Baudachs Galerie zum Objekt lustvoller Spekulation und Kritik der Galerist lieber die Unterschiede zwischen den von ihm am Kunstmarkt vertretenen Künstlercharakteren. Die Existenz einer verschworenen Gemeinschaft oder eines Geheimbundes will er nicht erkennen: "Diese Künstler stehen doch in einem irren Konkurrenzverhältnis zueinander." Das Einzige, was Leute wie Butzer oder Hofer vielleicht verbinde, sei ein gänzlich unzynisches Ideal von Kunst.
Dass trotz aller gegenteiligen Beteuerungen dennoch seit Jahren das Wort von den "Baudach-Boys" die Runde macht, hängt also weniger mit der Gegenwart als mit der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte der Galerie zusammen. Am Beginn stand die Gründung des Projektraumes "Maschenmode" durch den Künstler Peter K. Koch, den Kulturarbeiter Martin Germann und Baudach. Für ein sechswöchiges Ausstellungsprojekt mieteten die drei im Winter 1999 ein verwaistes Strickwarengeschäft in der Berliner Torstraße. Bald blieb Baudach, der eigentlich einmal nach Berlin gekommen war, um eine Dissertation zur NS-Geschichte zu schreiben, als alleiniger Betreiber übrig. Nun gab es jede Woche eine Vernissage, schnell wurde "Maschenmode" zum Treffpunkt ganz verschiedener hauptstädtischer Künstlerkreise. Vielleicht war es gerade diese Spontaneität und Unbestimmtheit, mit der viele Besucher sympathisierten. Das Jahr 2000 fiel in eine Art Berliner Zwischenzeit. In den Neunzigern hatten Galerien wie Eigen + Art, Contemporary Fine Arts (CFA), Neugerriemschneider oder Galerie Neu ihre Claims abgesteckt und gingen nun daran, sich international zu etablieren. Die erste Berlin- Biennale hatte 1998 mit großem Erfolg stattgefunden, die sanierten Kunst-Werke waren im Herbst 1999 wiedereröffnet worden und Frank Castorf sorgte seit ein paar Jahren mit Leuten wie Christoph Schlingensief oder Christoph Marthaler an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg- Platz für eine neue, radikale Bühnenästhetik, die auch große Strahlkraft in die Kunstszene entwickelte.
Wer jetzt neu in die Stadt kam, gehörte definitiv nicht zur goldenen Gründerzeitgeneration der wilden Nachwendezeit. Er musste ein eigenes, neues Image aufbauen, um sowohl künstlerisch als auch in Bezug zum Kunstmarkt Aufmerksamkeit zu erzielen.
Dass das der Gruppe um Baudach so schnell gelang, dürfte auch an einer inoffiziellen Bar liegen, die im "Maschenmode"- Haus eröffnete. Der Laden hieß nicht nur "Dirt", er war auch dreckig. Trotz mangelnder Sitze sah man dort selten jemanden auf dem Fußboden hocken - zumindest nicht nüchtern. Das spartanische Interieur stammte vom ehemaligen Städelschüler Thomas Zipp, der die Bar auch gemeinsam mit Baudach betrieb: Ein Kühlschrank und ein paar Bretter genügten.
"Mit dem ,Dirt' geschah der erste Schritt in die Professionalisierung", erklärt Baudach in der Rückschau, "der Getränkeverkauf half, das Programm der ,Maschenmode' zu finanzieren, zugleich konnte man Club und Ausstellungsraum trennen." Es war auch Zipp, der Baudach noch vor der Schließung des "Dirt" im Mai 2001 fragte, ob er sich vorstellen könnte, als professioneller Galerist zu arbeiten.
"Zipp hatte schon immer die Idee, dass es die passende Galerie für ihn gar nicht gibt, sondern dass man die sich selbst gründen muss." Es war ein Sprung ins kalte Wasser: Die einzige und vielleicht beste Vorbereitung für das zukünftige Dasein als Galerist, sagt Baudach gleichsam mit einem Anflug von schwarzem Humor, sei die "Beschäftigung mit psychisch Kranken während des Zivildiensts" gewesen.
Auch heute noch ist er mit Zipp befreundet. Zum Atelier des Malers, der im Sommer zum Professor für Malerei an der Berliner Universität der Künste (UDK) berufen wurde, ist es nur ein kurzer Weg:
Es befindet sich nur ein paar Schritte über den Hof von der Galerie entfernt, in einem Nebengebäude des Osram- Komplexes. Hier entstehen Zipps düster-kaputte Landschaftsbilder, die er mit geometrischen Mustern und verfremdeten Porträtcollagen kombiniert.
Nebenan, in einem ateliereigenen Probenraum, improvisiert der Künstler gemeinsam mit seinen Assistenten ziemlich schwer genießbaren Schrammelrock. Alles, was diese Musik an Lange weile und Grausamkeit zu bieten hat, treibt Thomas Zipp gleich einem exorzistischen Ritual radikal auf die Spitze.
Seit Sommer 2004 residiert die Galerie im Osram-Komplex. 80 Quadratmeter hatte das "Maschenmode"- Ladengeschäft. Die hohe Industriehalle hier misst fast 500 Quadratmeter, die Fenster sind riesig. Dass der proletarische Wedding bis dahin für kommerzielle Galerien tabu war, schreckte den Galeristen nicht. "Wäre ich nicht in diese Räume gezogen, würde ich heute mit einem Großteil der Künstler nicht mehr zusammenarbeiten", ist sich Baudach sicher. Der Umzug gelang zu einem Zeitpunkt, als die ersten Anfragen von Kunstvereinen und Museen kamen und sich internationale Großgalerien wie die Zürcher Hauser & Wirth oder Metro Pictures in New York für die exzessiven Baudach-Boys zu interessieren begannen.
Wer André Butzer treffen will, muss ins Berliner Umland fahren, nach Rangsdorf, wo der Maler seit zwei Jahren auf dem Gelände einer ehemaligen Flugzeugfabrik lebt und arbeitet. "Ich finde es lustig, wenn ein Begriff wie ,Baudach-Boys' fällt, vielleicht trägt es auch ein bisschen zu unserem Erfolg bei", sagt er, "aber leider entspricht es überhaupt nicht der Wirklichkeit. Es gab nie eine Künstlergruppe, sondern eher ein kollegiales Verhältnis, wie in anderen Galerien auch." Die bildende Kunst sei eine Disziplin, die ihre Protagonisten vereinzelt.
Das klinge vielleicht tragisch, habe aber auch sein Gutes: "Es ist eben nicht so wie in der Musik, wo die Leute zusammen spielen müssen." Butzer weiß, wovon er spricht.
Bevor er von Hamburg nach Berlin kam, war er Mitbegründer der zwischen 1996 und 2000 existierenden Künstlergruppe "Akademie Isotrop", zu der unter anderem auch Jonathan Meese, Markus Selg oder Stefan Thater gehörten. Ziel der losen Gruppierung war die Organisation eigener Seminare fern der Kunstakademie und das weitgehend autonome Ausstellen und Publizieren. Kurz nach der Auflösung der Gruppe wurde Butzer im Frühjahr 2000 von Bruno Brunnet und Nicole Hackert zu einer Einzelausstellung in ihre Berliner CFA-Galerie eingeladen. Trotzdem heuerte Butzer bei Baudachs "Maschenmode" an und zeigt seitdem dort seine expressiv anmutenden Riesengemälde aus seinem rätselhaften "lebenslänglichen Cartoon", der von mondgesichtigen "Friedens-Siemensen", furchteinflößenden "Schande"-Gestalten, Kartoffelwesen und "N-Häusern" bevölkert wird.
"Ein guter Galerist lässt den Künstler alles selbst entscheiden", lobt der gebürtige Stuttgarter seinen Galeristen, obwohl er seine eigene Produktion schon seit jeher mit der Akribie eines global agierenden mittelständischen Unternehmers selbständig steuert und verwaltet. Mit der gleichen Ernsthaftigkeit, mit der er die Verbreitung seines Werks in Deutschland, Russland oder den USA planmäßig vorantreibt, geht er in seinen Bildern Fragen wie etwa jener nach: "Wie sähe es aus, wenn Donald Duck abstrakt malen würde?" Butzers malerische Antworten interessieren nicht nur private Sammler, für das nächste Jahr ist eine erste Retrospektive in Nürnberg geplant.
Letztlich, so der Maler, zeichneten vor allem drei Dinge einen guten Galeristen aus: "eine Vision zu haben, der Glaube an die Künstler und die Bereitschaft, kompromisslos zu dienen." Es sind die Grundzutaten einer unglaublichen Geschichte, wie sie sich so wohl nur im Berlin der 2000er Jahre zutragen konnte - dass junge Künstler nicht nur von einem gleichberechtigten und respektvollen Verhältnis zu ihrem Galeristen träumen, sondern tatsächlich einen Partner finden, mit dem sich dieses Ideal in die Wirklichkeit umsetzen lässt.
Literatur: Kunstverein Heilbronn (Hrsg.): "André Butzer. Das Ende vom Friedens-Siemens Menschentraum", Snoeck Verlag 2004; "Andreas Hofer:
Welt ohne Ende", 2007, "Andreas Hofer: Along tomorrow", 2008, beide im Verlag der Buchhandlung Walther König; "Thomas Zipp: Achtung!
Vision - Samoa. The Family of Pills", Hatje Cantz Verlag, 2005. Galerie: www.guidowbaudach.com
Bildunterschrift:
Die Baudach-Boys: Andreas Hofer, Thomas Zipp und André Butzer mit ihrem Galeristen Guido W. Baudach (von links). Foto: Roman März
Antike Heroen und Comic-Helden: Ansicht von Andreas Hofers Schau "City of Sokrates" in der Galerie Gudio W. Baudach (2008)
ANDREAS HOFER, geboren 1963 in München, studierte an der dortigen Akademie der Bildenden Künste und am Chelsea College of Art & Design in London. Seit 1999 lebt er in Berlin. Bei seinen Bildercollagen und Installationen mischt er Comicstrips und Science-Fiction-Motive mit Zitaten aus der Kunstgeschichte. Viele seiner Werke signiert er mit "Andy Hope 1930".
Kosmische Tristesse: Andreas Hofers Gemälde "Being Immortal. MXYZPTLK" (2008, 70 x 50 cm)
Mobile Malereien: Thomas Zipps Ausstellung "Planet Caravan, is there life after death, a futuristic world fair", 2007 in der Kunsthalle Mannheim
THOMAS ZIPP, 1966 in Heppenheim geboren, studierte an der Frankfurter Städelschule und der Slade School in London. In seinen anspielungsreichen Arbeiten, die oft philosophische und naturwissenschaftliche Fragen aufwerfen, verbindet er die Medien Malerei, Skulptur und Grafik. Seit 2008 lehrt er als Professor für Malerei an der Universität der Künste in Berlin.
Bombige Idylle: "Margit" (2004, 180 x 147 cm)
Mit dem schnellen Erfolg wurde Baudachs Galerie zum Objekt lustvoller Spekulation und Kritik
Bilder aus der Flugzeugfabrik: ein abstraktes Werk von André Butzer ohne Titel von 2007 (280 x 280 cm)
ANDRÉ BUTZER, 1973 in Stuttgart geboren, war in den neunziger Jahren Mitbegründer der Hamburger Künstlergruppe "Akademie Isotrop", zu der auch Jonathan Meese gehörte. Heute malt er seine großformatigen, von ihm selbst als "Science-Fiction-Expressionismus" bezeichneten Figurenkompositionen in einer ehemaligen Flugzeugfabrik in Rangsdorf bei Berlin.
Bad Painting als neuer Weg: André Butzers Gemälde "Hasenpest!" aus dem Jahr 2000 (215 x 155 cm)
Am Anfang war der Dreck: Die von Thomas Zipp gestylte "Dirt"-Bar in der Berliner Torstraße subventionierte Baudachs erste Galerie
Längst interessieren sich auch internationale Großgalerien für die exzessiven Baudach-Boys
