Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 32-36

Globalisierung im Selbstversuch

Von Heinz Peter Schwerfel

Vier große Schauen und eine Kunst messe eröffneten zeitgleich in Korea, China und Japan. hat sie für art besucht

Herzlich gelacht wurde über meinen Plan, möglichst viele der im September gleichzeitig gestarteten Biennalen und Triennalen von Gwangju, Busan, Singapur, Taipeh, Shanghai oder Yokohama zu besuchen. Gelacht, weil der westliche Kunstbetrieb sich weiter für einzigartig hält und über eine Karaoke- Kultur der Imitate spottet, darüber, dass in Asien jedes Auto gern Mercedes wäre und doch nur Hyundai ist. Und dass nach Japan und Südkorea der Logo-Kult europäischer Luxusmarken nun auch China erreicht habe, wo Louis Vuitton bis Porsche Vorfahrt vor der Kunst haben. Konsum anstatt Kultur, Logo statt Kunst.

Aber ist nicht auch das in Venedig erfundene Prinzip der Biennale längst ein Logo, eine modische Marke, zwischen Berlin und Johannisburg, Lyon und Moskau weltweit über 120 regionale Filialen mit internationalem Anspruch?

Warum sollte eine asiatische Grand Tour nicht konkurrieren können mit Venedig, Kassel, Basel, Münster im letzten Jahr? Zumal Wirtschaftskapitäne, Finanzjongleure und Realpolitiker unisono versichern, das 21. sei das Jahrhundert Asiens. Auch die Galeristen mühen sich längst im Fahrwasser von Industrie und Handel, wie sie fern östliche Kunst ein- und westliche Werke ausführen können.

Den Anfang der Tour durch Asiens Biennalen machte das südkoreanische Gwangju, eine knappe Flugstunde südlich von Seoul gelegen, eine florierende Provinzhauptstadt mit breiten Schnellstraßen, propperen Fußgängerzonen und einer der dienstältesten Biennalen Asiens. Seit 1995 werden prominente westliche Kuratoren eingeladen, in der eigens dafür gebauten Biennale-Halle Künstler aus aller Welt zu präsentieren. Wie bei allen asiatischen Biennalen soll auch in Gwangju der Dialog des Lokalen mit dem Globalen das örtliche Publikum bereichern, und konsequenterweise begann die Gwangju-Biennale mit einer Zeremonie der Anrainer. Auf dem vom Abriss bedrohten Fischmarkt Daein, in dessen überdachten Alleen Seebarsche, Rochen, Hummer und Seewürmer roh oder gekocht verkauft und verzehrt werden, segnete der diesjährige Biennale-Leiter Okwui Enwezor barfuß und verlegen zusammen mit traditionell gekleideten Zeremonienmeistern einen Schweinskopf zum Wohle seiner Veranstaltung.

Menschenrechte und kulturelle Freiheit sind hier, wo 1980 ein legendärer - und vergeblicher - Aufstand gegen das damalige Militärregime stattfand, besonders wichtig, und so war es nur logisch, das mit dem in Afrika geborenen, in Chicago lebenden Okwui Enwezor ein künstlerischer Leiter berufen wurde, dessen Documenta 11 von 2002 im Zeichen des Gleichgewichts von politisch-dokumentierender und zugleich sinnlicher Kunst gestanden hatte. Enwezor setzt nicht gern auf vollmundige Konzepte - kopflastige Theorie wird in den Katalog verdammt. Unter dem Titel "Annual Report" organisierte er eine Art Best-Of spektakulärer Einzelschauen des letzten Jahres, zeigte Künstler mit aktuell wichtigen Positionen quer durch die Generationen, vom in Mexiko lebenden Belgier Francis Alÿs über die Briten Isaac Julien und Steve Mc- Queen bis zum in New York ansässigen Deutschen Hans Haacke. Folglich fühlt sich der westliche Besucher gleich heimisch in Gwangju; ein üppiges Budget von angeblich zwölf Millionen Dollar und über 110 - meist auch angereiste - Künstler garantieren eine riesige Schau vertrauter Positio nen und eine perfekte Geschichtsstunde in Sachen trendiger Gegenwartskunst. Von einem Dialog zwischen Lokal und Global kann allerdings kaum die Rede sein.

Genau umgekehrt ging es in Busan zu, der zweiten Station meiner Reise: viel Unbekanntes und Exotisches, dafür wenig Qualität. Keinen größerer Kontrast als der Sprung vom im Binnenland gelegenen, fleißigen Gwangju in die vier Busstunden entfernte, lebensfrohe Hafenstadt Busan. Busan gibt sich jung und selbstsicher, eröffnete mit einem Rockkonzert anstelle einer Segnung. Mit fast sieben Millionen Einwohnern, neongespickten Boulevards, elegant designten Bars und einer von Fischrestaurants gesäumten Strandpromenade gibt sich das "Cannes Koreas", in dem auch das wichtigste Filmfestival Asiens stattfindet, laut, frech und sexy. Ganz wie seine international noch wenig bekannte, aber ehrgeizige Biennale, die in diesem Jahr zum fünften Mal stattfindet.

Ein gigantisches Manga-Mädchen in obszöner Hocke zum Einstieg, schwule Pornofotos des Kanadiers Bruce LaBruce zum (über)deutlichen Auftakt, dazu viel Malerei und verkitschte Installationen - wo die Biennale von Gwangju den weltläufigen Intellekt ihres künstlerischen Leiters spiegelte, trumpfte ihre lokal kuratierte Nachbarin mit einem Bekenntnis zum schlechten Geschmack auf.

Nicht um Migration und globale Politik ging es, sondern um "Expenditure", einen vom französischen Philosophen Georges Bataille inspirierten Titel, der den unkontrollierten, aber heilsamen Exzess beim Freisetzen gewaltsam unterdrückter Energien meint. Was in Busan die Kunst betraf, lag die Betonung allerdings weniger auf heilsam denn auf unkontrolliert; die Biennale ist ein kuratorisches Chaos, in dem sich schon nach wenigen Schritten die Frage nach guter oder schlechter Kunst nicht mehr stellt. Das örtliche Publikum war auf Anhieb begeistert - die internationalen Gäste reagierten eher verlegen.

Keine leichtbekleidete Göre wie in Busan, sondern die schlichte Mahnung "Ein Kunstwerk muss bedeutsam sein" begrüßt die Besucher am Eingang des Shanghai Art Museums, eines Altbaus von 1928 aus der Zeit der britischen Konzession, der heute von Hochhaustürmen für Büros und Hotels umzingelt ist. Die Inschrift der walisischen Künstlerin Bethan Huws ist der diesjährigen 7. Biennale von Shanghai, der dritten Station meiner Reise, ein würdiges Motto. Bis 2000 nur chinesischen Künstlern geöffnet, versucht diese Biennale heute besonders ernsthaft, der Welt ein - möglichst schmeichelhaftes - Fenster auf Shanghai und dem Veranstaltungsort einen selbstkritischen Spiegel vors Gesicht zu halten. Die Bevölkerung einer von Korruption und der aufklappenden sozialen Schere zerrissenen Vorzeigestadt für Chinas staatlich verordneten Bauboom soll über die Kunst zum Nachdenken gebracht werden.

Das Kuratorenteam um den Chinesen Zhang Qing mit Julian Heynen aus Deutschland und Henk Slager aus den Niederlanden hat versucht, die Ausstellung gleichzeitig unterhaltsam und pädagogisch zu halten. Bedeutsamkeit von Kunst heißt ja nicht, dass die Botschaft einem direkt ins Gesicht springen muss. Die meisten der in Shanghai ausgestellten Werke, vor allem die chinesischen, locken die Besucher mit Netzhautreizen, schon vor dem Eingang gibt es gigantische grün-rote Stahlameisen, einen haushohen "Turm von Babel" mit lebenden Tauben oder eine verrostete Dampflok in Originalgröße. Das mit Kamera bewaffnete Publikum posiert zum Souvenirfoto, ehe es bemerkt, dass es um mehr geht als nur unterhalt sa me Glitzerkunst.

Denn der das Museum umgebende Renmin- oder Volksplatz, ist das spezielle, Landflucht und Wanderarbeit im modernen China das übergreifende Thema. Was unter dem Dach des Museums von gut sechzig Künstlern feldforschend verarbeitet wird, kann in der urbanen Realität gleich vor der Tür überprüft werden. Für die Engländer war der Renmin-Platz in den dreißiger Jahren eine elegante Pferderennbahn, für das maoistische China Paradeplatz; heute ist er eine autoumtoste Oase im Betonboom, ein Ort, an dem die Kunst Shanghais Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufleben lassen kann. Denn überall sonst wird die historische Architektur allem Denkmalschutz zum Trotz abgerissen, ersetzen Shopping Malls mit Prada, H&M und Häagen-Dasz die traditionellen Märkte.

Zum ersten Mal leiden in Shanghai Menschen wieder Hunger, auf der luxuriösen Einkaufsstraße Nanjing Road West wimmelt es von Bettlern, während schlecht bezahlte Wanderarbeiter auf den Baustellen von Vacheron Constantin oder Cartier rackern. In Shanghai sind selbst die Spatzen dünn, und eine der schönsten Arbeiten ist eine Box mit dem schlichten Titel "1/2 Life" von Jin Shi, der realistisch schmutzigen Rekonstruktion des durchschnittlichen Habitats eines Wanderarbeiters im Maßstab 1 : 2.

Auf fünf Quadratmetern gibt es Bettstatt, Waschecke, Kochnische. Und natürlich einen Fernseher.

So viel Hintersinn wäre auf der einen Kilometer weiter stattfindenden Messe Shanghai Contemporary undenkbar gewesen. Im letzten Jahr gestartet, gab sich der mit viel Vorschusslorbeeren bedachte Kunstmarkt knallbunt, optimistisch und gut gelaunt. Die Kunstmessen von heute, hieß es im Vorfeld, seien die Biennalen von morgen.

Große Töne, aber kleiner Umsatz. Denn mag es an der just ausbrechenden Börsenkrise gelegen haben - die westlichen Käufer blieben aus, die Chinesen kauften nur chinesisch und den angereisten Galeristen blieb nichts anderes übrig, als untereinander zu verkaufen. Erstes Indiz dafür, dass auch die chinesische Kunstmarktblase platzen könnte? nlass für viel Häme jedenfalls bei den angereisten Kuratoren aus Köln, London, Berlin oder New York, die sich tags drauf in Taipeh und Singapur, Guangzhou oder Yokohama wiedertrafen und nach dem verkitschten Postpop der Shanghai Contemporary durchatmeten, als es wieder konzeptueller zuging. Höhepunkt des asiatischen Herbstes, da war man sich bald einig, ist die Triennale von Yokohama, die sich - als Einzige neben Busan - von allen politischen und sozialen Fragestellungen löste und radikal ästhetisch die zeitbasierte Kunst - vor allem Performance - in den Mittelpunkt stellt unter dem romantischen Titel "Time Crevasse", zu deutsch etwa "Zeit-Kluft".

Rund siebzig Künstler aus aller Welt, von Mike Kelley über Douglas Gordon bis Joan Jonas oder Marina Abramovi ´c, und auch eine dichte Präsenz heimischer japanischer Performer und Choreografen beweisen, dass westliche wie fernöstliche Gegenwartskunst durchaus noch in der Lage ist, in unseren hektischen Tagen Gletscherspalten in die Masse Zeit zu schlagen. Klüfte, aus denen man einen gelassenen Blick auf die rasende globale Wirklichkeit genießen kann. Gerade die scheinbare Heterogenität der teilnehmenden Künstler schenkt der Triennale von Yokohama, an der mit der Direktorin der Kunsthalle Zürich Beatrix Ruf, dem in London arbeitenden Hans-Ulrich Obrist und dem Leiter der Frankfurter Städel-Schule, Daniel Birnbaum, drei Experten aus dem deutschsprachigen Raum mitkuratieren, ihre ganz persönliche Identität. Zum krönenden Abschluss der Grand Tour beweist Yokohama, dass das hehre Ziel jeder Biennale oder Triennale, der künstlerische Dialog zwischen dem Lokalen und dem Globalen, durchaus möglich ist.

Bildstrecken und Kritiken zu allen Stationen der Reportage finden Sie auf www.art-magazin.de/schwerfelontour

Bildunterschrift:

GWANGJU-BIENNALE, SÜDKOREA Trendige Gegenwartskunst Mit üppigem Budget formte Ex-Documentamacher Okwui Enwezor eine internationale Überblicksschau fast ohne lokale Bezüge. Oben links eine Arbeit des Deutschen Hans Haacke, unten ein Videostill des Koreaners Donghee Koo.

BUSAN-BIENNALE, SÜDKOREA Viel Exotik, geringe Qualität Bekenntnis zum schlechten Geschmack: Die Schau begeisterte das lokale Publikum mit obszönen Skupturen (Yasuyuki Nishio, oben rechts) und verkitschten Esoterik-Installationen (Han Su Lee, rechts). Oben: Wandbild von Jesse Bransford.

SHANGHAI-BIENNALE, CHINA Unterhaltsam und pädagogisch "Ein Kunstwerk muss bedeutsam sein", sagten sich die Kuratoren Zhang Qing, Julian Heynen und Henk Slager und wählten glitzernde, kluge Arbeiten von Jing Shijian (oben), Yue Minjun, (oben rechts) und Jin Shi (unten).

Was im Museum forschend verarbeitet wird, kann man draußen auf der Straße überprüfen

SHANGHAI CONTEMPORARY Große Töne, kleiner Umsatz Die mit viel Vorschusslorbeeren bedachte Messe im Stalinbau gab sich international, bunt und optimistisch - aber Chinesen kaufen leider nur chinesisch. Oben rechts eine Skulptur von Chen Wenling, unten eine Arbeit von Klari Reis.

TRIENNALE VON YOKOHAMA, JAPAN Krönender Abschluss In den Backsteinhallen am Hafen von Yokohama (unten) gelang der Dialog zwischen Lokal und Global. Das Kuratorenteam zeigte Installationen von Mike Kelley (oben rechts), Jonathan Meese performte wie gewohnt (oben).

Die Messe von Shanghai war ein Flop - Indiz dafür, dass die Kunstmarktblase platzt?