Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 10-19

Studio - 13 orientierungslose Greise in Rollstühlen auf Kollisionskurs

Von

FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (1)

Ida, 5, über "American Gothic" (1930) von Grant Wood Den Kerzenständer finde ich am schönsten. Nur Kerzen muss der Mann noch holen, denn es ist schon spät und er und seine Frau wollen gleich Abendbrot essen, und dazu brauchen sie Licht. Die Frau hat Brathühnchen gekocht, deswegen hat sie auch eine Schürze an. Die finde ich aber nicht so schön, weil sie braun ist. Meine Lieblingsfarbe ist Hellblau.

Und Rosa. Ich glaube, sie gehen noch ins Kino, denn die Frau sieht ganz festlich aus wegen der Brosche. Oder ist das ein Knopf?

Da ist eine Frau drauf mit Locken. Der Mann muss sich vor dem Kino aber noch umziehen, denn so kann er nicht gehen, ich meine: mit Latzhose. Er sieht ein bisschen traurig aus und blass. Er ist bestimmt erschöpft von der Arbeit, denn er ist schon alt. Er ist Polizist und seine Frau Krankenschwester. Da muss man früh aufstehen. Die Frau sieht ein bisschen fröhlicher aus als ihr Mann, aber nicht viel. Er hat ganz viele Falten - viel mehr als sie - daran kann man sehen, dass er viel älter ist als seine Frau. Das ist manchmal so.

DIE ART-HOME-STORY ( 1 6 )

Zu Gast bei Michael Sailstorfer Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Fön Der taucht in einigen Arbeiten auf - wie in "Anna" von 2004, da pustet ein Fön Luft in ein Mikrofon. Das Geräusch ähnelt dem eines Taifuns oder Jumbo-Triebwerks. Alte Föne gefallen mir wegen ihrer Ver chromung, ihres Fünfziger-Jahre-Charmes. In der Nähe von Fönen und Ventilatoren und beim Autofahren fallen mir immer viele Dinge ein - Luftbewegung tut eben dem Gedankenfluss gut.

Waage Die war schon im Atelier.

Das Maximalgewicht beträgt 500 Kilogramm. Früher war hier ein Filmstudio, später eine Wäscherei.

Damit wurde wohl Wäsche gewogen. Als ich entscheiden musste, was mit ihr passieren soll, wollte ich sie behalten. Sie ist super, um die Arbeiten vor dem Transport zu wiegen. Speditionen wollen das Gewicht wissen.

DVDs Coppolas "Apocalypse Now" hat mich zu der Arbeit "Hoher Besuch" inspiriert, die vor dem MARTa in Herford steht: ein schwarzer Helikopter mit rotierenden Blättern und blinkenden Lichtern. Ich wollte etwas Bedrohliches in die Idylle einschleusen.

Mikrofon Kommt bei mir oft zum Einsatz; zum Beispiel in der Reihe, die sich mit Betriebsgeräuschen von Kernreaktoren befasst. Ich schätze Mikrofone sehr, weil es in vielen meiner Arbeiten darum geht, etwas aufzunehmen, abzunehmen, eine Übertragung herzustellen. Sie sind auch nützlich, wenn man etwas machen will, das eigentlich ganz klein ist und sich dennoch weit im Raum ausdehnt, zum Beispiel akustisch.

Kinderluftgewehr Ein Geschenk meiner Mutter, die es wiederum einmal von Ihrem Großvater geschenkt bekommen hat. Ab und zu schieße ich im Atelier eine Run de - rein zur Entspannung. Ähnlich wie der Fön hat es mit Luft zu tun, ist also ein gutes Werkzeug zur Ideenfindung.

KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (18 )

Mammutschau, die: f., Sg., inflationär im Museumsjargon gebr. Kompositum aus der Bez. für eine seit rd. 10 000 Jahren ausgestorbene Säugetiergattung, die zw. Pliozän und Pleistozän in den Steppen Eurasiens lebte, und einem Synonym für große Kunstausstellung.

Eine M. erkennt man an 1. langen Schlangen bildungswütiger Bürger, 2. republikweiten Plakataktionen in Knallfarbkombinationen (z. B. Pink/Gelb), 3. simplen Slogans à la "Das MoMA in Berlin". Die häufige Darst. des Mammut in der Höhlenmalerei belegt, dass zottelige Riesenelefanten bereits bei kunstaffinen Eiszeitmenschen ein beliebtes Sujet waren.

GAGA - PRESSETEXT DES MONATS Vom Gohliser Schlösschen, Leipzig:

"Integriert in das Projekt : "ICHBINICH - EGOUNIVERSUM" zeigt die ... in Leipzig präsentierte Ausstellung "Harmonie der Kontraste" verschiedene Kunstwerke international hochkarätiger Künstler, die sich in ihren Arbeiten allesamt an einem Thema orientiert haben: "ICHBINICH - EGOUNIVERSUM". Die Werke interpretieren faszinierend Fragen wie "wo komme ich her, und wo ist mein Platz in der endlosen Kette des Daseins?" und beschäftigen sich allesamt mit dem ICH. Den Impuls, sich mit dem ICH künstlerisch auseinander zu setzen, bekam der Leipziger Initiator und Künstler Günther Rothe im Jahre 2003 bei einem Besuch im Frankfurter Naturmuseum und Forschungsinstitut Senckenberg ..."

EINE LISTE Die wissenschaftlichsten Ausstellungstitel 2008 1. "W = f · s" Das ist doch keine Arbeit Akademie Galerie, München 2. de-konstruktiv Stiftung für konstruktive und konkrete Kunst, Zürich 3. Wenn Handlungen Form werden Neues Museum, Nürnberg 4. Faktum, Faktizität und die Imagination Tiroler Künstlerschaft, Innsbruck 5. Formel - Form - Farbe Museen der Stadt Lüdenscheid, Altes Rathaus 6. Technical Matters. Fünf Positionen zum Thema Kunst und Technik Galerie Deschler, Berlin 7. Optische und haptische Farbreize Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern 8. Intuitive und konstruktive Geometrie Arithmeum, Bonn 9. Exemplifizieren wird Kunst Ludwig-Museum, Koblenz 10. Syntopia! - Kunst begegnet Wissenschaft Kunstmuseum Bonn 11. Beyond Geometry L. A. Galerie, Frankfurt 12. Es ist doch der Kopf Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck

Bildunterschrift:

Der unbestrittene Höhepunkt der Eröffnungsausstellung von Charles Saatchis neuem Londoner Privatmuseum (bis 18. Januar 2009) findet sich im Keller: Die chinesischen Künstler Sun Yuan und Peng Yu bringen hier 13 orientierungslose Greise in Rollstühlen auf Kollisionskurs. Die verstörend echt anmutenden Puppen der Installation "Altersheim" stellen Machtmenschen im Rentenalter dar, die sich noch immer an ihre Waffen klammern und unberechenbar im Raum umherrollen.

"Zen ist nichts Aufregendes, sondern Konzentration auf deine alltäglichen Verrichtungen", spricht der Meister Shunryu- Suzuki. Da kann man ahnen, was der Meister des Kunstkommerzes Takashi Murakami hier auf der Tatami-Matte in seiner Schau "(c)Murakami" im Frankfurter MMK (bis 4. Januar 2009) so denkt: Wie gehe ich meinen Weg, dass es am Ende heißen möge "world(c)Murakami"? (Foto: Dieter Schwer)

Ausschnitt von "Plastic" (2008) in der Berliner Brunnenstraße 10

Mit meditativer Hinwendung versorgt der in Berlin lebende japanische Künstler Ken'Ichiro Taniguchi urbane Wunden wie Asphaltlöcher und Mauerrisse auf der ganzen Welt. Aus Kunststoff- oder Edelstahlplatten sägt er passgenaue, klappbare Prothesen. Zu jedem Riss gehört ein "Hecomi", was so viel wie "Kerbe" heißt. Zu sehen bis 31. Oktober in der Mikiko Sato Gallery in Hamburg

Pilger in eigener Sache: links das Gemälde "Angeln" (2008), rechts Ackermanns Wandbild "My Life" (2006) mit zwei Aquarellen (2007)

Installation "São Paulo I" (2008), hinten: Ölbild "Wandern" (2008)

Dem Künstler Franz Ackermann erscheint der Planet Erde wie ein Dorf (art 5/2004): "Weltweit ist alles nur zehn Kilometer entfernt." Das kommt wohl vom vielen Reisen. Die Eindrücke bündelt Ackermann, der aus einem 6000-Seelen-Ort in Oberbayern stammt, auf schrillbunten Mental Maps. Und so waren die gut 770 Kilometer zwischen Berlin-Köpenick, wo Ackermann sein Atelier hat, und St. Gallen nicht mehr als ein Katzensprung. Im dortigen Kunstmuseum ist noch bis 8. Februar 2009 eine mehrteilige Installation aus alten und neuen Arbeiten zu sehen. Infos: www.kunstmuseumsg.ch

Seit einer der spektakulärsten Pleiten der deutschen Wirtschaftsgeschichte galt es als verschollen: das Borgward-Fotoarchiv.

Als der Bremer Autobauer 1961 Konkurs anmeldete, verloren 20 000 Menschen ihre Arbeit. Der Automo bil- Historiker Peter Kurze hat nach langjähriger Suche die etwa 10 000 Negative auf einer Ranch in Südafrika entdeckt. Die Witwe des Werkfotografen hatte sie in den Siebzigern an einen Fan verkauft, der da mit ausgewandert war. Mehr Bilder vom Traumauto der Wirtschaftswunderjahre auf unserer Webseite: www. art-magazin.de/borgward

Installations- und Objektkünstler Michael Sailstorfer, 29, in seinem Berliner Atelier.

Galeriekontakt: www.johann koenig.de

"For the Guggenheim" (2008) von Jenny Holzer

"Es ist das beste Facelifting der Fifth Avenue", sagt New Yorks Bürgermeister Michael R. Bloomberg zur vollendeten Restaurierung des Guggenheim Museum. Seit Herbst leuchtet der legendäre Frank-Lloyd-Wright-Bau doppelt: tagsüber in seinem lange diskutierten Weißton, freitags von Sonnenuntergang bis 23 Uhr flackert bis Silvester eine neue Arbeit von Jenny Holzer auf der Schneckenhaus-Fassade. Die New Yorker Künstlerin, die 1989 mit einer großen Schau im Haus gefeiert wurde, findet: "Es ist die schönste Art zurückzukehren" - pünktlich zum 50. Guggenheim-Geburtstag 2009.

Ein Pharao der Modefotografie:

F. C. Gundlach hat sich im 83. Lebensjahr ein Mausoleum errichtet - es zeigt seine berühmte Aufnahme "Ägypten, Kairo 1966"