Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 54-58

Die Spur der Freiheit

Von Ralf Schlter

Mit skulpturalen Kleidern revolutionierte der Japaner Issey Miyake die internationale Mode. Nun leitet er das erste Designmuseum in Tokio - art hat ihn dort besucht

RALF SCHLÜTER

Es war wohl ein Missverständnis, Issey Miyake für einen Modemacher zu halten. Sicher, er hat zweimal im Jahr in Paris neue Kollektionen präsentiert - aber wirkten die Kleider nicht eher wie Stoffskulpturen, in denen zufällig Menschen steckten? Aus überdimensionalen Kutten, plissierten Schläuchen oder kunstvoll arrangierten Tüllbergen schaute irgendwo noch ein Frauengesicht heraus. Der menschliche Körper: ein Ornament, mehr nicht. Die Modewelt applaudierte, aber verstand sie auch, was sie sah?

Dann war da noch die Miyake- Gemeinde, eingeschworene Avantgardisten, und auch die benahmen sich ein wenig seltsam. Sie schritten andächtig durch die Boutiquen und betrachteten die luftig aufgehängten Kleidungsstücke, als wären es seltene Vögel. Kleine zarte Synthetikgebilde lagen in Vitrinen wie mittelalterliche Stundenbücher. Bitte nicht anfassen!

Die Modekritik hegte schon früh den Verdacht, das Hin und Her von Herbstfarben und Frühlingstrends sei dem Japaner im Grunde vollkommen egal.

"Nicht Kunst und auch nicht Mode", fasste das "FAZ-Magazin" einmal die ganze Verwirrung zusammen. Aber was dann?

"Die Sache ist ganz einfach", sagt Issey Miyake mit einem mokanten Lächeln. "Ich bin Designer." Und das, fügt er hinzu, sei in einem umfassenden Sinne gemeint. Vor dem Interview in der Tokioter Firmenzentrale wurde man mehrmals ermahnt, das Wort "Fashion" in Mister Miyakes Gegenwart bloß nicht zu benutzen - doch schließlich nimmt es der Meister gar selbst häufig in den Mund, wohl aus alter Gewohnheit.

Issey Miyake, der große Modeinnovator der achtziger und neunziger Jahre, ist in diesem Jahr 70 geworden.

Das Tagesgeschäft hat er abgegeben, nun denkt sich sein 40-jähriger Nachfolger Dai Fujiwara als Leiter der Designabteilung für jede Saison neue Schnitte aus. "Er ist ein Genie, er kann alles", sagt Miyake, sichtlich erleichtert, dem Zirkus endlich entkommen zu sein. Nun hat er eine neue, vielleicht größere Aufgabe: Seit kurzem ist er einer von drei Direktoren des Designmuseums "21_21 Design Sight" in Tokio. Das Haus wurde neu errichtet, ein schlichter, halb unterirdischer Stahl- und Betonbau von Tadao Ando im Herzen des neuen Kunst- und Konsumviertels Tokio Midtown (art 9/2008). Er wird von einem Park umgeben, der Rasen ist akkurat getrimmt, Sträucher und Bäume stehen schnurgerade aufgereiht, und ein kleines, übertrieben detailliertes Schild erklärt dem Jogger, welche Route er nehmen soll. In Japan bekommt eben auch das Experiment einen Rahmen.

Obwohl das japanische Design Weltruf genießt, gab es im Land bisher kein Museum dafür. Dabei soll es im "21_21 Design Sight" nicht darum gehen, die Errungenschaften von der Tatami-Matte bis zum Walkman zu sammeln und auszustellen. Das Haus funktioniert eher wie eine Kunsthalle, in Wechselausstellungen sollen Künstler, Modemacher und Industriedesigner zusammengeführt werden. "Wir wollen frei fliegen", sagt Issey Miyake.

Freiheit - dieses Wort ist wohl der Schlüssel zu Miyakes Werk und Leben.

Es drängte sich zum ersten Mal auf, als er vor über 40 Jahren seinen Job hinschmiss, im Mai 1968 in Paris. Miyake hatte schon einige Monate für Hubert de Givenchy gearbeitet, er lernte dort die hohe Schule der französischen Haute Couture in all ihrer spätabsolutistischen Pracht und Verfeinerung.

"Wir produzierten dort Kleider für die Reichen und Berühmten", erinnert sich Miyake. Aber dann streikten Studenten und Arbeiter, ganz Paris kam zum Stillstand, und in den Straßen breitete sich das Gefühl von ungeheuren Möglichkeiten aus. "Ich kündigte sofort bei Givenchy, und beschloss, eigene Mode zu machen, eine Mode für ganz normale Leute." Ohne den Pariser Mai, sagt Miyake rückblickend, wäre er kein eigenständiger Designer geworden.

Nun wird niemand ernsthaft behaupten, Issey Miyake habe seither demokratische Mode hergestellt - dafür sind seine Kleider zu elitär und auch schlicht zu teuer. Doch der Drang, Zwänge hinter sich zu lassen, und auf unbekanntes Terrain vorzustoßen, hat ihn nicht mehr verlassen.

In den achtziger und neunziger Jahren entfesselte er ein Feuerwerk der Farben und Formen. Über die Laufstege schwebten ebenso prächtige wie fragile Gebilde aus plissierten oder gefältelten Kunstfasern, die sich mit jeder Bewegung zu verändern schienen. Eine einzige Kollektion setzte endlose Assoziationsketten in Gang, man dachte an Raumfahreranzüge oder afrikanische Hirtenjoppen, an chinesische Lampions und Latexfetische, an Kimonos und Kaftane.

Miyakes poetische Stofferzählungen passten gut in die Postmoderne, als alles möglich war und nichts echt. Und die Botschaft kam an: Vor allem das kulturelle Milieu liebte es, Miyake zu tragen, bei Vernissagen und Filmpremieren in Europa und den USA waren die typischen plissierten Blusen, Kleider und Hosen bald überall zu sehen. Im Januar 1986, als das amerikanische "Time Magazine" dem Japaner eine Titelgeschichte widmete und ihn zum "Maestro of Style" kürte, war der vorläufige Höhepunkt des Ruhms erreicht.

Der Versuchung, sich dabei zur genialen Schöpferfigur aufzuschwingen, erlag Miyake nicht.

Eher fiel er durch einen ungewöhnlichen Hang zu Kooperationen auf:

Er entwarf für William For sythes Frankfurter Balletttruppe Kostüme, produzierte mit dem amerikanischen Fotokünstler Irving Penn einen Bildband oder bat den japanischen Möbeldesigner Shiro Kuramata, einen Flakon für die Parfümserie "L' Eau D' Issey" zu gestalten. Nebenbei etablierte sich Miyake auf diesem Weg in der Kunstwelt, die ihm schon in den neunziger Jahren große Museums schauen ausrichtete - die größte Ausstellung fand 1998 in der Pariser Fondation Cartier statt.

Als "Designer im umfassenden Sinn" erwies sich Miyake vor allem in seiner Suche nach neuen Stoffen und Herstellungsverfahren. 1993 stellte er die erste Kollektion seiner Marke "Pleats Please" vor - "Plissee bitte!" Es ging darum, den Traum vom einfachen, praktischen, universalen Kleidungsstück zu verwirklichen: Miyake brachte schmale, in jeder Tasche leicht transportierbare plissierte Synthetikschläuche auf den Markt, die sich beim Auseinanderziehen als elegante Abendkleider erwiesen. 1998 folgte dann das Projekt "A-POC" - A Piece Of Cloth (ein Stück Kleidung). Der Kunde erwirbt nicht einfach ein fertiges Kleidungsstück, sondern ein Set von vorgeprägten Schnitten, aus dem er sich sein eigenes Kleid herausschneidet; der Schnitt kann immer wieder verändert werden. "Der Autor des Kleids", sagt Miyake, "ist dann der Träger, und nicht der Designer." Um die Jahrtausendwende spürte Miyake Ermüdungserscheinungen.

"Ich fing an, mich zu wiederholen." Parallel zur Nachfolgersuche im eigenen Unternehmen entwickelte er die Idee eines Designmuseums für Tokio.

Das Verteidigungsministerium sollte in einen Außenbezirk verlegt werden, ein große Fläche im Bezirk Roppongi würde frei werden - Miyake überzeugte die Stadt Tokio, dort das Museum zu bauen. Weil er "nicht egoistisch sein" wollte, holte er mit Naoto Fukasawa (art 6/2008) und Taku Satoh bekannte japanische Designer als Co- Direktoren dazu; jeder der drei ist abwechselnd als Kurator für eine Wechselausstellung zuständig. Fukasawa debütierte mit einer Schau zum Thema "Schokolade", Miyake beschäftigte sich mit dem "Menschen des 21. Jahrhunderts".

Der Impuls dahinter ist kein anderer als damals, im Pariser Mai 1968.

"Wir wollen aus dem Käfig des alten Designbegriffs ausbrechen", sagt Issey Miyake, der Designer.

Internet: www.isseymiyake.com, www.2121designsight.jp

Bildunterschrift:

Issey Miyake, 70, fotografiert von Hiroshi Iwasaki. Aus dem Tagesgeschäft der Mode hat er sich zurückgezogen

Zeitzeichen aus Papier: Die Arbeit des Künstlers Kotaro Sekiguchi zeigt Miyake in seiner Schau "Der Mensch des 21. Jahrhunderts"

In seinem Museum bietet Miyake jungen Designern ein Forum: hier bunte, aus Stoffbahnen geschichtete Sessel von Oki Sato

Das neue Tokioter Designmuseum "21_21 Design Sight" liegt inmitten eines Parks

Ein kreisrundes Stück Stoff wird zum Kleid: Ein Stück aus der Kollektion "A Piece of Cloth" von 2004

Das Schlüsselerlebnis für den Designer: der Mai 1968 in Paris

Schneid' dir dein Kleid mit der Schere raus: ein Modell aus der "A-POC"-Frühling-/ Sommerkollektion 1998

Miyakes postmoderne Botschaft:

Alles ist möglich, nichts ist echt

Parfumflakon für "L' Eau d' Issey" von Shiro Kuramata