Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 48-52
So funktioniert der Galerienboom
Von Elke Buhr
Mit 440 Galerien ist Berlin Deutschlands Kunsthauptstadt - und der wichtigste Kunstschauplatz Europas. Aber wie viele Galerien können von dem Hype tatsächlich leben? Ein schonungsloser Blick hinter die Kulissen
Be Berlin", so lautet der aktuelle Slogan des Stadtmarketings der Hauptstadt. Und der Kunstmarkt folgt. 80 neue Galerien hat der Landesverband Berliner Galerien seit letztem Jahr gezählt, insgesamt verstecken sich zwischen Zehlendorf und altem Osten, Mitte, Wedding und Kreuzberg jetzt nach offizieller Zählung 440 - das macht Berlin zum führenden Galerienstandort nicht nur Deutschlands, sondern Europas. Der Grund ist der gleiche wie in den neunziger Jahren, als das so genannte Berliner Kunstwunder begann: die lebendige Künstlerszene.
Martin Klosterfelde, vor 13 Jahren einer der Pioniere der Berliner Galerienlandschaft, meint im art- Interview: "Das Hauptkapital ist, dass die Künstler sich hier wohl fühlen. Die meisten Galerien haben ein enges Verhältnis zu den Künstlern, das macht für mich die Stadt aus." Außerdem ist nichts erfolgreicher als der Erfolg - und der hat sich mittlerweile weltweit herumgesprochen.
Unter den jüngsten Neuzugängen der Berliner Galerienlandschaft sind internationale Anbieter wie Bodhi Berlin aus Indien, Strychnin aus den USA oder artSPACE Berlin aus Südafrika.
Und auch Galeristen aus dem Rest Deutschlands, die lange den alten Zentren treu blieben, können dem Sog nicht mehr länger widerstehen. Berlin sei eben ein wichtiger Ort, wo der kulturelle Diskurs in Deutschland heute geführt wird, sagt Monika Sprüth im art-Interview (siehe Seite 53). Im Oktober hat die Galerie Sprüth/Magers zum Entsetzen der dortigen Kunstszene ihr Stammhaus in Köln und die Dependance in München zu Gunsten der Hauptstadt aufgegeben. Auch Daniel Buchholz, der lange alle Umzugspläne aus Köln dementierte, komplettiert seit dem Sommer die Liste der Neuankömmlinge mit einer Dependance in Berlin. Und wenn man schon umzieht, heißt das Motto oft Klotzen, nicht Kleckern: Der Alt-Kölner Rafael Jablonka beispielsweise bespielt seine neuen Berliner Räume mit museumsreifen Ausstellungen von Mike Kelley bis James Rosenquist. "Lieber sieht man die Leute, die auch beim Aufbau mitgewirkt haben, als die, die sich das die letzten zehn Jahre angeguckt haben und jetzt vom Erfolg mit profitieren wollen", sagt Martin Klosterfelde.
Aber er empfindet das überbordende Angebot nicht als Bedrohung: "Generell finde ich Konkurrenz gut, jeder bringt was Neues mit, neue Ideen, neue Künstler, neue Sammler." Nun wird man unter den tonangebenden Galerien keine finden, die nicht selbstbewusst behauptet, mit der Konkurrenz gut fertig zu werden. Ihre Waffe im Kampf um die Aufmerksamkeit heißt Vernetzung: Letzter Streich war die ABC Art Berlin Contemporary zur Saisoneröffnung im September, eine Verkaufsausstellung in protziger Inszenierung als neues Lockmittel für Sammler. Doch der Kreis an Gutverdienern ist klein. Für die breite Mehrheit der Galerien in Berlin ist das große Hauptstadt-Kunstwunder ein Risikogeschäft mit unsicherem Ausgang.
"Wir haben von Aktionen wie der ABC gar nichts - höchstens indirekt, wenn in ein paar Jahren die Sammler auch mal anfangen, nach links und rechts zu schauen", meint beispielsweise Andreas Wendt, der gemeinsam mit Mario Friedmann die Galerie Wendt und Friedmann im Norden von Mitte betreibt. Gegründet hat Wendt die Galerie 2005 als Produzentengalerie.
Mit einer Gruppe ehemaliger Studenten der Kunsthochschule Weißensee wollte er unter dem Label "Neuer Berliner Realismus" den Leipzigern etwas entgegensetzen. Mittlerweile arbeitet die Galerie kommerziell - die Künstler müssen nichts mehr für den Service der Galerie bezahlen.
Aber dafür müssen die Kosten auch reinkommen. Für die großformatige, poppige Malerei eines Moritz Schleime bezahlen Sammler hier bis zu 13 000 Euro, aber das Gros der Bilder geht für deutlich weniger weg, wobei die Hälfte der Verkaufssumme immer an die Künstler geht. "Wir können gut Öffentlichkeit herstellen", sagt Mario Friedmann - "bei den Eröffnungen kommen wir mit den Getränken kaum nach". Aber genau hier hat der Berlin-Effekt seine Grenzen:
Unter den Partygästen sind eben nicht automatisch auch zahlungskräftige Sammler.
Das Problem für kleinere Galerien wie die von Wendt und Friedmann ist die Binnennachfrage:
Der ganz große Kunstboom, der sich auf den Auktionen in Fantasiepreisen für Zeitgenössisches niederschlägt, ist vor allem von den internationalen Sammlern getragen, die Deutschen kaufen wenig. Doch sich international zu etablieren erfordert beträchtliche Investitionen. "Im vergangenen Jahr waren wir auf der Scope in Miami", erzählt Friedmann. Fällig wurden Standmiete, Transport- und Versicherungskosten, Flüge und Hotel für die Galeristen: "Das dürfte um die 40 000 Euro gekostet haben - so viele Bilder konnten wir gar nicht mitnehmen, dass sich das getragen hätte." Messen werden allgemein als der Schlüssel zum internationalen Geschäftserfolg einer Galerie gesehen, aber sie sind bei den oft sehr hohen Kosten (art 8/2008) ein schwer kalkulierbares Risiko - nur ungefähr ein Fünftel der Berliner Galerien nimmt im Jahr an einer teil. "Wenn man da nicht genug wieder reinkriegt, kann das schon mal den Bankrott bedeuten", bestätigt auch Alexander Duve.
Er ist erst seit einem Jahr im Geschäft, strategisch günstig in der Nähe des Hamburger Bahnhofs platziert - und noch ganz im Experimentierstadium:
"Es ist ein ständiges Auf und Ab, mal verkauft man was, es gibt gutes Feedback, und dann klappt wieder was nicht, und man denkt, das läuft ja gar nicht!" Auf ein riskantes Spiel habe er sich da eingelassen, sagt der studierte Marketingexperte und Ex-Werber.
Duve setzt auf internationale junge Kunst, veranstaltet auch schon mal abgedrehte Performances oder zeigt New Yorker Malerei-Entdeckungen - und ist überzeugt von seinem guten Riecher. Aber zur Zeit gibt er noch definitiv mehr aus als er einnimmt. So zwei, drei Jahre wird das finanzielle Polster halten, danach müssen seine Künstler im Wert steigen, oder er bekommt ein ernstes Problem. Trotzdem sprüht Duve vor Energie und Enthusiasmus und genießt es sichtlich, Teil einer prickelnden Szene zu sein. Einer Szene, in der allerdings nicht nur Duve auf die Gewinne der Zukunft setzen muss, um in der Gegenwart feiern zu können. Bei der letzten Studie des Landesverbands Berliner Galerien vor vier Jahren gaben immerhin 40 Prozent der Galerien an, einen Jahresumsatz von unter 50 000 Euro zu machen, während nur 15 Prozent über 400 000 Euro kamen. Die Gutverdiener dürften seitdem kräftig zugelegt haben - doch immer mehr Kleine müssen sich die Brosamen teilen.
Galerist in Berlin zu sein, bedeutet für die meisten einen Flirt mit dem Prekariat. Nicht nur Wendt und Friedmann glauben, dass von den vielen neuen Galerien so manche wieder schließen muss. Sogar ein etablierter Galerist wie Jan Winkelmann, der fünf Jahre lang die großen Messen von Art Forum bis Armory Show bereiste, musste im vergangenen Jahr aufgeben.
Er fungiert jetzt als Kunstberater.
Glücklich, wer da die Ruhe eines Markus Winter hat. Der gelernte Kunsthistoriker, der 2005 seine Galerie in Mitte eröffnete, weiß, wie anders der Kunstmarkt noch vor wenigen Jahrzehnten war: "Ein Heiner Friedrich brüstet sich ja damit, dass er sieben Jahre lang keinen Baselitz verkauft hat." Künstler müssen sich entwickeln können, so Winters Credo - man könne nicht erwarten, gleich große Umsätze zu machen. Auf Messen geht Winter nur, wenn er eingeladen wird, ansonsten scheut er die In vestition und konzentriert sich auf seine Ausstellungen. So plädiert Winter für eine neue, alte Ethik der Langsamkeit.
Allerdings hat er einen Vorteil:
Er handelt gleichzeitig mit Designobjekten.
Und dieses Geschäft braucht keinen Partyhype und auch kein Hauptstadtwunder, um gut zu laufen.
Grafik:
Wie ein Galerist sein Geld verdient Wer Kunst ausstellen und verkaufen will, braucht Geld. Welche Kosten eine Galerie verursacht, und wie das Geschäft funktioniert, zeigt unsere Grafik
Bildunterschrift:
Galerien-Close-up:
Die Detailaufnahmen auf dieser und den folgenden Seiten fotografierte Martin Lebioda in verschiedenen Berliner Galerien
Kaum ein deutscher Galerist kann der Sogwirkung Berlins widerstehen
Galerist in Berlin zu sein bedeutet für viele einen Flirt mit dem Prekariat
