Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 88

Verwandter Blick, getrennte Wege

Von Birgit Sonna

Der israelische Architekt und sein Filmemacher-Sohn in der Pinakothek der Moderne

MÜNCHEN: MUNIO WEINRAUB UND AMOS GITAI

Architektur umreißt ein präzise abgestecktes Territorium, bezeichnet Besitzverhältnisse und hat allein deshalb schon viel mit Grenzziehung zu tun. Umso mehr gilt das für eine Region wie Palästina/Israel, in der seit 1947, seit dem UNO-Teilungsplan in einen jüdischen und arabischen Teil, der Konflikt gerade auch um architektonisch errichtete Grenzen entflammt. Amos Gitai, einer der profiliertesten Regisseure Israels, spürte in seiner Filmtrilogie "House" (1980), "A House in Jerusalem" (1998) und "News from Home/House" (2006) der wechselvollen Geschichte eines Hauses in Jerusalem nach. Das ursprünglich in palästinensischem Besitz befindliche Haus wurde nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg zwangsweise evakuiert, nahm dann jüdische Emigranten aus Algerien auf, um schließlich an einen jüdischen Investor verkauft zu werden.

Der 1950 geborene Gitai ist nicht nur der Sohn des in Israel als eine Galionsfigur des neuen Bauens verehrten Architekten Munio Weinraub, sondern studierte selbst Architektur. Weinraub, vormals Schüler am Dessauer Bauhaus, war maßgeblich an dem Aufbau des Staats Israel beteiligt. Er entwarf rund 300 Bauten und Projekte, die den sozialistischen Zionismus, an dessen utopisches Versprechen er glaubte, widerspiegeln.

Amos Gitai vermachte den Nachlass seines Vaters nun größtenteils dem Architekturmuseum in München. Grund genug, Munio Weinraub (1909 bis 1970) erstmals in Europa in einer Retrospektive vorzustellen.

Anhand von rund 100 Objekten zeigt sich in der Pinakothek der Moderne dessen radikal minimalistischer Baustil bis hin zum Betonbrutalismus, aber auch die offenbar von Ludwig Mies van der Rohe übernommene Liebe zum Detail. Weinraub hatte vor seiner Emigration 1934 nach Palästina für Mies gearbeitet. Bis heute futuristisch wirken seine Rassco-Wohnblöcke auf dem Carmel-Berg in Haifa aus den fünfziger Jahren. Es handelt sich um zwei elfgeschossige Hochhausscheiben, die imposant über dem Tal emporragen.

In der Doppelausstellung verschränken sich die zionistisch geprägte Architekturvision von Weinraub mit dem kritischen Kamerablick seines Sohns auf das heutige Israel.

Termin: 6. November bis 8. Februar 2009.

Internet: www.pinakothek.de

Bildunterschrift:

Munio Weinraub (mit Al Mansfeld): Rassco-Wohnblöcke in Ramat Hadar, Haifa, errichtet 1959