Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 96

Kegeln mit Stasiakten

Von Sandra Danicke

KASSEL: CHRISTOPH BÜCHEL - DEUTSCHE GRAMMATIK

Eine überraschend realitätsnahe Bestandsaufnahme deutscher Lebenswelten des Schweizer Künstlers in der Kunsthalle Fridericianum. Es klingt wie ausgedacht, doch den Discounter "Mäc- Geiz" gibt es wirklich. Kürzlich eröffnete er in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel. Wer hineingeht und die Dumpingpreise von Topfkratzern und Baumkuchenkugeln vergleicht, steckt bereits mitten in Christoph Büchels Ausstellung "Deutsche Grammatik" - einer schockierend realistischen Bestandsaufnahme deutscher Befindlichkeit.

Zum Beispiel das Fitness-Center, das Sonnenstudio oder die Spielothek:

Typische Erlebniswelten, die der Schweizer Künstler hier detailgetreu installiert hat. Von der Tourismus-Werbeabteilung der neuen Bundesländer, bis zur Parteienmesse "politica" kommt alles so aufreizend trist und alltäglich daher, dass man fast daran zu zweifeln beginnt, dass der neue Direktor Rein Wolfs im Fridericianum tatsächlich eine Ausstellung präsentiert und nicht etwa den Ausverkauf einer Institution. Doch Büchel ist bekannt dafür, Erwartungen auf den Kopf zu stellen. Einmal versteigerte er gar seine Teilnahme an der "Manifesta" bei Ebay. Meistens aber sind es höchst aufwändige, materialreiche Inszenierungen, mit denen der Schweizer (Jahrgang 1966) die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verunklärt. In Kassel ließ er nun eine komplette Gaststätte mit Großküche, Tanzsaal, Schankstube und Kegelbahn einrichten und verteilte darin säcke-weise Papierschnipsel, die scheinbar von Hand sortiert werden. Angespielt wird auf die Millionen Aktenseiten, die die Stasi im Herbst 1989 überstürzt in Stücke reißen ließ. Ähnlich authentisch erscheinen ein Aufenthaltsraum für Bedienstete oder eine muffig möblierte Hausmeisterwohnung.

Sämtliche Schränke und Schubladen sind voller Krempel, wie er sich im Leben eines 60-Jährigen angesammelt haben könnte - von den "10 Geboten für eine glückliche Ehe" über eingeweckte Quitten bis hin zum Endspiel der WM 1974 im TV. Allein eine Mauer, die sich durch sämtliche Zimmer zieht, erinnert an ein beklemmendes Kapitel deutscher Geschichte.

Termin: bis 16. November. Katalog: 35 Euro.

Internet: www.fridericianum-kassel.de

Bildunterschrift:

Deutsch-deutscher Stubenmief: Blick in Büchels rabiat geteilte Hausmeisterwohnung (2008)