Ausgabe: 11 / 2008
Seite: 95

Spröde Visionen

Von Gerhard Mack

VENEDIG: 11. ARCHITEKTURBIENNALE

Die 11. Architekturbiennale räumt Experimenten und Ideen den Vorrang gegenüber Gebautem ein und hat dabei wenig Bildkräftiges aufzubieten.

Die fränkische Felsenbier-Brauerei nutzt ihre Gärgase für eine Biogas anlage.

Arbeitslose aus der Möbelindustrie bereiten in Herford Stoffe aus Überproduktionen zu Sitzpolstern auf. Fachwerkhausbesitzer versehen ihre Wände mit heizölsparender Wärmedämmung.

Umweltschutz fängt im Kleinen an.

Das predigen nicht nur "grüne" Zeitgenos sen seit Jahren. Das haben sich in diesem Jahr auch Friedrich von Borries und Matthias Böttger, die beiden Kommissare des deutschen Beitrags zur 11. Architekturbiennale in Venedig, zunutze gemacht.

"Updating Germany" stellt 20 von 100 realisierten oder geplanten Projekten vor, die Strategien zur Verbesserung des ökologischen Gleichgewichts vorschlagen.

Das muss ästhetisch nicht gelungen sein. Eine mit Titandioxid beschichtete Fassade interessiert hier vor allem, weil sie Stickoxide aus der Luft bindet, und nicht, weil sie besonders ansprechend gestaltet wäre. Es geht um kleine zukunftsweisende Schritte, nicht um Beispiele einer "best practice".

Mit diesem urdeutsch gründlichen und realitätsbezogenen Ansatz tragen die beiden Kuratoren einerseits zwar zum ökologischen Mainstream bei, der diese Architekturbiennale bis hin zu zahlreichen Gartenvarianten prägt. Sie schützen sich damit andererseits aber auch vor dem Motto, das Biennale-Chef Aaron Betsky im Vorfeld brüsk ausgegeben hat: Bauten seien das "Grab der Architektur". Er forderte auf, statt dessen Experimente und "Visionen anderer Welten" nach Venedig mitzubringen.

Das ist in etwa so, als solle der Koch dem hungrigen Gast sein Konzept des Menüs kredenzen, statt ihm das Gericht selbst zu servieren. Und entsprechend belanglos kommt denn auch vieles daher, was in der Hauptausstellung unter dem Motto "Out There - Architecture Beyond Building" zu sehen ist. Die Wiener Coop Himmelb(l)au etwa lässt die Besucher an zwei Griffe Hand anlegen.

Der Kontakt lässt den eigenen Herzschlag durch die Halle dröhnen und als bunte Farbfelder über große Screens flimmern. Gewiss, der Mensch und sein Körper stehen im Zentrum jeder Architektur.

Aber braucht es einen solchen technischen Großaufwand, um diese Binsenweisheit zu vergegenwärtigen?

Auf der anderen Seite des Spektrums lassen Ökofreaks die Besucher in Materialfluten ertrinken. Pläne, Renderings, Skizzen, Fotografien, Parolen wuchern über Wände und Böden.

Wer das alles lesen soll, um ein Projekt zu begreifen, verzichtet vielleicht lieber auf die Verbesserung der Welt. Merkwürdigerweise sind Architekten offenbar kaum in der Lage, für ihre Präsenta tionen den Raum zu nutzen. Das machen Künstler mitunter effektiver.

So entstand das überzeugendste Bild für die aktuelle Situation der Architektur auch in einer Zusammenarbeit eines Künstlers mit Architekten: Ai Weiwei und Herzog & de Meuron haben in den Hauptsaal des italienischen Pavillons eine Struktur aus Bambusstangen und -stühlen gestellt, kunstvoll von chinesischen Facharbeitern zusammenmontiert.

Uraltes Handwerk und abstrakte Form, Installation und Architektur, westliche und östliche Intuition fließen ineinander. Von solcher Offenheit und Bildkraft hätte man bei der Biennale gern mehr gesehen.

Termin: bis 23. November. Katalog: Marsilio Verlag, 5 Bde., 80 Euro; Updating Germany, Hatje Cantz Verlag, 35 Euro. Internet: www.labiennale.org

Bildunterschrift:

Schön unfunktional: Ai Weiwei und Herzog & de Meuron führen mit "Modell" (2008) vor, dass sie sich auf experimentelle Raumnutzung verstehen