Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 66-67

Movers & Shakers

Von Charlie Finch, Barbara Hein

New York als Bühne der Welt: "Artnet"- Kritiker Charlie Finch verrät, wer hier die Hauptrollen spielt und welche literarische Figur zu den Kunstgrößen passt. Barbara Hein, die seine Assoziationen aufzeichnete, verriet er auch, wie er sich selbst sieht: als Leopold Bloom aus "Ulysses"

Bildunterschrift:

CINDY SHERMAN ... ... wurde vom Erfolg so plötzlich erfasst wie Dorothy vom Wirbelsturm. Letztere verschlug es ins Reich des Zauberers von Oz, Erstere auf den Olymp der fotografischen Selbstinszenierung - zwei Märchenfeen, die durch Aufgaben wuchsen und zu Feministinnen geadelt wurden.

HANS HAACKE ... ... macht melancholisch. Seit mehr als 40 Jahren kämpft er mit Konzeptkunst gegen Kabale und Verschwörungen und ist dabei so vernarrt in Ideale wie Don Quichotte.

Und obwohl seine Riesen keine Windmühlen sind, sondern Instanzen wie das Guggenheim, wirkt er wie eine Figur aus alten Zeiten.

DAVID ZWIRNER ... ... wurden Kunst und Kaufmannsgeschick in die Wiege gelegt.

Der gebürtige Kölner ist so erfolgreich, dass Neider sagen, er regiere sein Galerie- Imperium so wild wie Prinz Hal aus Shakespeares "Heinrich IV.". Der junge Flegel reifte allerdings später zu einem großen König heran.

MARY BOONE ... ... machte in den Achtzigern mit Instinkt, Kalkül und Hochmut Jungs wie Schnabel, Basquiat und Salle zu Stars. In den Neunzigern fiel die Galeristin dann fast so tief wie Madame Bovary, stolzierte aber zur Jahrtausendwende - wie gewohnt auf Killerheels - mit einem grandiosen Künstler- Bouquet zurück in die Manege.

JULIAN SCHNABEL ... ... ist ein Phänomen: Seine Arbeiten hängen in großen Museen, seine Filme gewinnen Preise, sein Konto ist dick, das Haus groß, die Frauen sind schön, die Kinder erfolgreich. Klar kann sich so einer mal wie Angeber und Trunkenbold Falstaff benehmen.

Ja, auch im Pyjama.

TOBIAS MEYER ... ... hat es mit Professionalität, Diskretion und Dünkel an die Spitze des internationalen Kunstmarkts geschafft. So nonchalant wie er pusht kein zweiter Auktionator die Rekorde. Dazu gehört neben tadellosem Auftreten gewiss auch eine Prise Skrupellosigkeit à la Becky Sharp aus Thackerays "Jahrmarkt der Eitelkeit".

BARBARA GLADSTONE ... ... agiert lieber im Stillen als mit Champagnerkelch. Für ihre handverlesene Künstlerschar kämpft die Galeristin mit dem Ehrgeiz einer Lady Macbeth. Auserwählten wie Matthew Barney gewährt sie totale Freiheit und erwartet dafür absolute Treue.

ROBERTA SMITH ... ... hat's manchmal so eilig wie das weiße Kaninchen aus "Alice im Wunderland":

Keine Vernissage, kein Vortrag, keine Pressekonferenz, auf der die Kunstkritikerin der "New York Times" nicht das Geschehen sondiert. Sie kennt den steinigen Weg ins Wunderland und hat schon viele auf ihm straucheln und stolzieren sehen.

RON S. LAUDER ... ... trägt, ach! viele Seelen in seiner Brust: MoMA-Ehrenvorsitzender, Milliardär, Unternehmer, Ex-Botschafter, Kunstsammler, Republikaner, "Neue Galerie"-Gründer, Restitutionsaktivist und Raubkunstkäufer - mehr Faust geht nicht. Und ohne Faust geht in Sachen Kunst hier gar nichts.

LOUISE BOURGEOIS ... ... ist die Heldin feministischer Kunsttheorie.

Die 97-Jährige hatte Gesellschaft und Rollenklischees schon den Kampf angesagt, als alle 68er- Rebellen noch in Windeln steckten. Rechtfertigungen ihrer Arbeit und ihres spleenigen Lebensstils verweigert sie so resolut wie Dickens' wunderliche Miss Havisham.

JEFFREY DEITCH ... ... kennt keine Grenzen: Egal ob Oleg Kulik in seiner Galerie Hund spielt oder Yoko Ono aus Särgen Bäume wachsen lässt - das Motto ist: anything goes. Wie der verrückte Hutmacher aus "Alice im Wunderland" kennt Deitch den richtigen Mix aus Ins tinkt, Kalkül und Egozentrik.

KEHINDE WILEY ... ... malt Schwarze in poppigen Alt-Meister- Posen und avancierte damit in Windesei le zum Liebling der verwöhnten Szene: Stars wie Elton John und Madonna halten mit dem Kauf seiner Bilder ihre Weltoffenheitsflagge hoch - und pressen Wiley in die Othello-Pose des faszinierenden Fremdlings.

MARIAN GOODMAN ... ... ist die Mutti unter den Großgaleristen:

Mit Herz und Verstand ermahnt sie ihre Künstlerfamilie zu museumsreifen Leistungen.

Und weil sie tatsächlich telefonisch erreichbar ist und sogar auf ihren eigenen Vernissagen erscheint, verdient sie dafür die Krone der Königin der Herzen.

THOMAS KRENS ... ... regierte 20 Jahre das Guggenheim wie König Lear Britannien: eitel, herrisch, eigensinnig. Sein Imperium reichte von New York über Bilbao bis in die Wüste Abu Dhabis. Im Februar legte er überraschend das Zepter nieder - was auch König Lear hätte machen sollen, bevor er Opfer von Intrigen und Wahnsinn wurde.

LARRY GAGOSIAN ... ... hat's vom armen Posterverkäufer zum millionenschweren Kunsthändler gebracht. Mit einer Energie à la Jay Gatsby macht er selbst übersättigten Sammlern Appetit aufs Geldausgeben.

Zur Entspannung eröffnet er eine Galerie nach der anderen und jagt Kollegen ihre Künstler ab.

LEO CASTELLI ... ... hatte Stammbaum, Geld und Kunstverstand.

Emigrierte als Jude von Österreich erst nach Paris, dann nach New York und wurde zu einem der einflussreichsten Galeristen aller Zeiten. Er klüngelte nicht, er hatte Freunde. Und die hoffen, er würde - wie Banquos Geist in Macbeth - mal wieder im Diesseits vorbeischauen.

GLENN D. LOWRY ... ... kann wie Scrooge aus Dickens' Weihnachtsgeschichte den Hals nicht vollkriegen.

Der MoMA-Direktor plant einen sündhaft teuren Anbau nach dem anderen.

Zum Glück garantiert der Kult um sein Haus Tag für Tag Besucherschlangen.

KLAUS BIESENBACH ... ... ist besessen. Von Kunst, Erfolg und schwarzen Zahlen. Auch eine manische Veranlagung ist nicht ausgeschlossen:

Zwischen "Kunst- Werke"-Gründung in Berlin und Chefkurator-Posten am MoMA liegen gerade mal 13 Jahre. Aber vielleicht ist es auch wie bei Caligari, und alle anderen sind wahnsinnig.