Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 58-64
Grande Dame im Lustsumpf
Von Claudia Bodin
Die Engländerin Cecily Brown malt Sex wie einen Fiebertraum. Mit Ehrgeiz, Erotik und Talent hat sie sich souverän die New Yorker Kunstwelt erobert - für die sie mittlerweile allerdings nicht mehr viel übrighat
Wie der Beginn einer Liebesaffäre ist jede neue Arbeit. Das Material zeigt sich in Höchstform, die frische Farbe erobert sich ihren Platz auf der Leinwand. Cecily Brown genießt das Tempo, die Bewegungen ihres Körpers beim Malen, die Erschöpfung nach einem langen Tag im Atelier.
Anzufangen hat ihr nie Probleme bereitet.
Es ist die Phase in der Mitte, wenn sich die Beziehung eingefahren hat, die sie als mühevoll empfindet. Später kämpft sie damit, den richtigen Zeitpunkt für den Absprung zu finden. Sie löst sich nur schwer von ihren Bildern.
Und so lebt die Künstlerin in ihrem Atelier am Union Square mit 95- Prozentigem. Mehr als 30 überwiegend unfertige Werke lehnen an den Wänden, die kleineren unter ihnen hängen an den Säulen ihres Lofts, wurden aus Platzgründen gleich unter der hohen Decke platziert oder auf mobile Plastiktonnen montiert, damit Brown sie durch ihr Atelier schieben und spontan zu sich heranziehen kann. Farben und Pinsel befinden sich auf Wagen.
Der große Spiegel, mit dem sie ihre Werke im Auge behält, lässt sich hin- und herrollen. Brown ist bei der Arbeit so viel in Bewegung, dass sie es sogar schon mit Rollschuhen versuchte. Sie arbeitet stets an 10 bis 20 Bildern zur gleichen Zeit. "Manchmal lasse ich mich von einem Bild verführen und habe vorschnell das Gefühl, dass es fertig ist", sagt die Künstlerin. Dann aber lässt sie es zurück in eine Ecke wandern, wo es sich ein paar Wochen später unter Beweis stellen muss oder Brown es vielleicht mit einem einzigen Pinselstrich vollendet.
"Die Farbe soll die gleichen Gefühle vermitteln wie ein Körper. Bei Ölfarbe denkt man sehr leicht an körperliche Flüssigkeiten und Fleisch", hat Brown einmal gesagt. Sie war Ende der neunziger Jahre angetreten, um es mit Machos wie Julian Schnabel aufzunehmen.
Sex und sexuelle Macht waren da mals so etwas wie das selbst erklärte Fachgebiet der Abstrakten und Neo-Expressionisten.
"Mich hat immer irritiert, dass Malerei dieser exklusive Club von alten Männern war", meint sie.
Was nicht ausschließt, dass die 39- Jährige die Herren zutiefst verehrt.
Brown macht bei ihren Arbeiten Anleihen bei Künstlern wie Philip Guston, Georg Baselitz, Francis Bacon oder Willem de Kooning, von dem die Bemerkung über den fleischlichen Ursprung der Malerei ursprünglich stammt. Ihre Inspiration zieht Cecily Brown aus ihrer künstlerischen Top-50-Liste, die sie ständig aktualisiert. Im Moment ist Hieronymus Bosch ganz weit vorn.
Jasper Johns ist mal wieder dabei, gefolgt von James Ensor, Francisco de Goya, dem Dauerbrenner Bacon oder auch Tizian, der es nach langer Pause wieder auf die Liste schaffte.
Die meisten von Browns Bildern sind in irgendeiner Form erotisch aufgeladen und verführen dazu, genauer hinzusehen. Figuren und Landschaften fließen ineinander. Wie sie selbst scheinen auch Browns Figuren gern in Bewegung zu sein, sie verschwimmen mit ihrem Element. Viele ihrer Bilder leben vom Weglassen und flirten ganz offensichtlich mit ihrem Betrachter. Ihre Paare in erotischen Posen, mal mehr, mal weniger deutlich zu erkennen, sollen spürbar machen, wie sich der Moment der Ekstase anfühlt, wie rauschhaft Sex sein kann, wenn er denn gut ist. So ist von "The Girl Who Had Everything" (1998) nur noch das nackte Hinterteil zu sehen, das in einem Strudel von fleischigen Farben untergeht.
Und auch wenn sie mit Arbeiten wie "Sweetie" später offensichtlicher wurde, scheint Sex bei Brown wie ein fiebriger Traum zu sein.
"Abstrakt" aber sei ein Begriff, den sie nicht mag, "weil er limitierend ist", sagt die Engländerin. "Mir gefällt es, wenn sich die Bedeutung von Dingen verlagert. Wenn ich male, habe ich sehr spezifische Bilder im Kopf, die während des Prozesses kommen und gehen.
Was bleibt, ist ein Gefühl von Raum." Cecily Browns neue Bilder, die sie ab 20.
September bei Gagosian in New York zeigt, sind von Boschs "Garten der Lüste" inspiriert. Der Künstlerin geht ein dunkler, verführerischer Ort im Kopf um, ein höllisches Paradies der Versuchung.
Geschöpfe, die nicht Mensch, nicht Tier sind, verstecken sich hinter saftigen Pflanzen. Sie führen teuflische Tänze auf und lassen die Menschen im Sumpf der Lüste ersticken.
Bei ihrer ersten Einzelausstellung in New York 1997 bei Jeffrey Deitch ging es nicht weniger garstig zu, Hasen vergewaltigten sich gegenseitig auf der Leinwand. Brown hatte Deitch bei der Eröffnung einer Ausstellung von Jasper Johns im Museum of Modern Art kennengelernt und die Neugierde des Galeristen geweckt, weil sie standhaft zu fast jedem Johns-Bild eine andere Meinung als er vertrat. Der Zeitpunkt für ihre erste Einzelausstellung in New York hätte nicht besser sein können.
Künstler wie John Currin und Elizabeth Peyton waren gerade dabei, wieder Aufmerksamkeit auf die Malerei zu lenken. Die New Yorker schienen von Installationen gelangweilt und waren hungrig nach sexgeladener Kunst. Und Cecily Brown markierte für sie das neue "Bad Girl".
Ihre Geschichte ist auch die des Kunst marktes, der zu dieser Zeit abhob.
Neue, junge Sammler mit unerhört viel Geld entdeckten die Kunst für sich. Cecily Brown war bereits drei Jahre nach ihrer ersten Schau bei Deitch ein Star, denn sie verkörperte genau die richtige Mischung von Sex und Talent. Inzwischen gehört sie zum Stall von Larry Gagosian. Dass sie wie die Sängerin einer Rockband aussah, Selbstbewusstsein ausstrahlte, ihren Erfolg genoss, sich gern auf Partys herumtrieb und sich nicht zu schade war, sich vorher beim Friseur die Haare stylen zu lassen, machte ihre Kunst für manche noch begehrlicher - andere rümpften die Nase.
Brown ließ sich für die amerikanische "Vogue" interviewen. Für einen Artikel in der "Vanity Fair" trug sie mit Farben beschmierte Hosen und ein TShirt mit einem Dollarzeichen und ließ sich in sexy Pose auf dem unaufgeräumten Boden ihres Ateliers fotografieren. Über ernst zu nehmende Künstler las man damals in Kunstmagazinen, mit der Glamourwelt von Modeheften hatten sie nichts zu tun. Doch Brown machte es Spaß, sich selbst zu inszenieren.
"Ich war schon immer arrogant, was meine Kunst betraf. Ich wollte einfach, dass so viele Menschen wie möglich meine Arbeit sehen", meint sie heute dazu. Als sie vor nicht langer Zeit Kunststudenten, die sie an der Cooper Union unterrichtete, fragte, was sie von der Liaison von Künstlern und Medien halten, erntete sie fragende Blicke. Einige Jahre später ist es dank Künstlern wie Brown normal geworden, sich selbst zu vermarkten.
Dass sie Künstlerin werden wollte, wusste Brown, als sie drei Jahre alt war.
Dass sie Malerin werden wollte, war ihr mit 16 klar. Cecily Brown wurde 1969 in London geboren. Sie ist das Ergebnis einer Affäre, die ihre Mutter, die Schriftstellerin Shena Mackay, mit dem britischen Kunstkritiker David Sylvester hatte. Als Kind genoss die ehrgeizige Cecily es, besser malen zu können als ihre Mitschüler. Damit sie nicht weiter störte, ließ ihr Mathematiklehrer sie während des Unterrichts zeichnen. Als Teenager besuchte sie gemeinsam mit Sylvester Ausstellungen - sie kannte den Kritiker bis dahin nur als Freund der Familie. Sie war 21, als sich ihre Ahnungen bestätigten, dass Sylvester ihr Vater war. Bis 1993 studierte Brown an der Slade School of Fine Art. Die Young British Artists bestimmten damals mit ihren Installationen die Kunst in London. Brown bezog ein preiswertes Atelier in Brixton, doch die damals 24-Jährige fühlte sich in ihrer Heimatstadt als Außenseiterin.
Zwar bewunderte sie die Arbeiten von Damien Hirst und Co, aber sie ahnte, dass es für sie als Malerin in der überschaubaren Szene von London keinen Platz geben würde. Obendrein konnte sie sich mit einem Vater, der in der Kunst als Instanz galt, nicht frei entfalten. Also zog sie 1994 nach New York. Fünf Jahre schlug sich Cecily Brown als Kellnerin durch und zog von einem Downtown-Atelier ins nächste. Jedes Mal, wenn sie ein Viertel verließ, war es mit den Jahren angesagt, teuer und etabliert geworden.
Ihr neues Atelier am Union Square befindet sich zwischen der Shoppingmeile 5th Avenue und dem Wochenmarkt, auf dem sie in ihrer New Yorker Anfangszeit Kürbisse verkaufte. Cecily Brown hat ein neues Kapitel in ihrem Leben aufgeschlagen. Zum Atelier gehören auch eine schicke, durchdesignte Wohnung und ein neuer Lebensgefährte:
Nicolai Ouroussoff, der Architekturkritiker der "New York Times", den sie im Juni dieses Jahres geheiratet hat.
Ihr früher so berüchtigt zugemülltes Atelier ist aufgeräumt wie nie zuvor.
Lediglich ein paar Schuhe, Zeitungsausrisse, Bilder von geschmacklosen Achtziger-Jahre-Pornos und Fotokopien von Gemälden verteilen sich auf dem polierten Holzfußboden. Auf dem roten Sofa hockt das elektronisch betriebene Haustier, eine weiße Katze mit dem Namen Obama. Eigentlich sieht es in ihrem Leben gerade dermaßen heiter aus, dass sie schlechte Kunst produzieren müsste. "Wenn ich durch eine schwierige Zeit gehe, können daraus bessere Arbeiten resultieren. Farbe hat die Kraft, diese Ladung von Gefühlen zu transportieren. Das ist es, was sie so mysteriös macht", sagt Brown.
Dass ihr Atelier ungefähr viermal so viel Platz in Anspruch nimmt wie ihr Wohnraum, zeigt immerhin, dass sich die Prioritäten nach wie vor nicht verschoben haben. Wie früher verbringt die Künstlerin täglich 10 bis 15 Stunden mit ihrer Arbeit. Weil das Raster der Stadt etwas Beruhigendes für sie hat, verlässt sie Manhattan nur ungern.
Sobald sie nicht malt, fühlt sie sich körperlich unwohl und seelisch aus der Bahn geworfen. Die Malerei hilft ihr, Geschehnisse und Gefühle zu verarbeiten und einzuordnen.
Denn von ihrem glücklichen Privatleben und dem Erfolg einmal abgesehen, gibt es auch heute genügend Dinge, die ihr den Tag vermiesen können.
Dass Frauen sich nicht längst stärker in der Kunst durchgesetzt haben, deprimiert sie. Mit ihren 39 Jahren erscheint sie wie die Grande Dame der New Yorker Kunstwelt, für die sie nichts mehr übrighat. "Es macht keinen Spaß mehr", meint Brown. "Die verrückten Auktionen, die Hedgefonds mit all ihrem Geld, die Messen, die außer Kontrolle geraten sind. Das alles fühlt sich gierig, gehetzt und überfüllt an. Eine Welt voller Parasiten, die sich überhaupt nicht für Kunst interessieren." Wie gut, dass sie ihre große Party längst gefeiert hat.
Galerien: Gagosian Gallery, New York, www. gagosian.com. Contemporary Fine Arts, Berlin, www.cfa-berlin.com Ausstellungen: 20. September bis 25. Oktober, Gagosian Gallery. 10. April bis 30. August 2009, Deichtorhallen, Hamburg
Bilder aus der aktuellen Ausstellung von Cecily Brown unter: www.art-magazin.de/brown
Bildunterschrift:
Jürgen Frank hat Brown in ihrem Atelier am Union Square fotografiert
Browns Figuren verschwimmen mit ihrem Element und verführen dazu, genauer hinzusehen: "Ha Ha Fresh" (2005/06, 196 x 279 cm)
"Teenage Wildlife" von 2003/04 (203 x 229 cm) erbrachte bei der Londoner Auktion diesen Februar rund 1,2 Millionen Dollar
Die New Yorker waren gelangweilt von Installationen und hungrig nach sexgeladener Kunst. Cecily Brown war ihr neues "Bad Girl"
Ein nackter Hintern, der sich im ekstatischen Farbstrudel verliert: "The Girl Who Had Everything" (1998, 254 x 279 cm)
Mit Arbeiten wie dem 2001 entstandenen Gemälde "Sweetie" (178 x 152 cm) wurde die Künstlerin deutlicher
Die Kunstwelt: "Eine Welt voller Parasiten, die sich nicht für Kunst interessieren", meint Brown. "Es macht keinen Spaß mehr"
