Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 65
Knotenpunkte für den Hofstaat
Von Thomas Wagner
Echte Kunstmetropolen, meint , gibt es im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr. Auch wenn uns Marketingstrategen die Provinz als Zentrum verkaufen wollen
Aus den tiefen Furchen des Schlachtfelds steigt noch Rauch auf. Doch der Kampf ist zu Ende, und nur noch die Offiziere der verfeindeten Parteien stehen sich gegenüber. Bei näherem Hinsehen erscheint die Szenerie indes merkwürdig. Die Gruppe auf der linken Seite trägt offenbar französische Uniformen aus dem Ersten, die auf der rechten amerikanische aus dem Zweiten Weltkrieg. Und plötzlich erkennt man das Personal:
Pablo Picasso, im Pelzmantel, den Blick starr geradeaus, Henri Matisse, den Kopf in den Überwurf eines schweren Mantels vergraben, dahinter Guillaume Apollinaire, Pierre Bonnard, Salvador Dalí und, etwas abseits postiert, Marcel Duchamp, führen die Franzosen an. Die amerikanische Seite vertreten Jackson Pollock, Joseph Cornell, Arshile Gorky, Barnett Newman, Ad Reinhardt, Willem de Kooning und einige andere. Am Tisch in der Bildmitte steht, zufrieden grinsend, der Großkritiker Clement Greenberg und schaut zu, wie André Breton die Kapitulationsurkunde unterzeichnet. Das waren noch Zeiten.
Mark Tanseys postmodernes Historienbild "Triumph der New York School" von 1984 übersetzt aber nicht nur den Begriff der Avantgarde zurück ins Militärische, dem er entstammt. Was wie ein Witz der Kunstgeschichte erscheint, ist auch die Urszene eines langen Abschieds. Denn heutzutage kann niemand mehr ernsthaft von der künstlerischen Hegemonie eines Landes oder einer Stadt sprechen.
Und so ist auch die Vorstellung eines einzigen, die Richtung der Kunst bestimmenden Zentrums passé. Eine Metropole der Kunst - das gibt es nicht mehr.
Nicht nur, dass sich mittlerweile jedes mittelgroße Kaff, das ein Museum besitzt, Kunstmetropole nennt und Metropolen auch sonst wie Pilze aus dem Boden schießen, spricht gegen die Möglichkeit eines Zentrums, in dem Trends oder gar Ismen geboren werden. Der Kunstbetrieb ist heutzutage viel zu nomadisch und dezentral organisiert, als dass eine Kunstmetropole die einander widerstrebenden Kräfte bündeln könnte. New York, Paris, London, Madrid oder Berlin mögen Metropolen sein, weil sie politisch, wirtschaftlich und sozial den Mit telpunkt eines Landes oder einer Region bilden; auch mögen sie viele Künstler anlocken und ein überreiches Angebot an Galerien, Kunsthallen und Museen bereithalten. Dazu, Weltzentrum der Kunstwelt zu sein, wie es einst Paris und später New York waren, reicht es trotzdem nicht mehr.
Seit Künstler global agieren und mehr Zeit in Zügen und Flugzeugen verbringen als in der Stadt, in der sie leben, gibt es bestenfalls noch Knotenpunkte. Telefon, E-Mail und Internet haben soziale Kontakte zusätzlich internationalisiert, und die verschärfte Konkurrenz tut ein Übriges. Wer gut vernetzt ist, kann heute überall arbeiten.
So ist die Peripherie verschwunden, und die Zentren sind touristisch geworden. Hier stellt man aus und verdient man Geld. Mehr nicht.
Das permanente Gerede von Kunstmetropolen verschleiert also nur deren Verlust. Oder es fungiert als Lockmittel, das reiselustigen Kunsttouristen vorgaukelt, sie befänden sich definitiv im Zentrum. Keinem gehen die entsprechenden Slogans so leicht von den Lippen wie den Kosmetikern des Stadtmarketings. Schließlich will niemand abseits stehen, wenn Kunst und Kultur endlich Gewinn versprechen - direkt oder auf Umwegen. Ganz verzichten möchte man auf die Idee des Zentrums also auch nicht. Und so bedient sich der Kunstbetrieb seiner Metropolen wie das mittelalterliche Reisekönigtum seiner Pfalzen:
Das Zentrum reist einfach mit.
Einem umherreisenden Hofstaat gleich, fährt der Tross aus Künstlern, Galeristen, Museumsdirektoren, Sammlern, Journalisten, Hofdamen und Knechten zu den globalen Großereignissen. Heute noch Basel, morgen schon Istanbul und übermorgen zur Biennale nach Gwangju, Sydney und São Paulo. Ist "Documenta", schlägt der Hof seine Zelte für wenige Tage in Kassel auf, oder er fällt im Trentino ein, weil dort eine "Manifesta" Außergewöhnliches verspricht. Damit die Versorgung mit dem Allerneuesten klappt, werden die Reisewege vorher geplant und verkündet. Auch die örtlichen Markgrafen legen sich mächtig ins Zeug. Denn beim Eintreffen des Königszuges muss alles stimmen, sonst nimmt der Hofstaat nächstes Jahr anderswo Quartier. Also ziehen sie von Ort zu Ort, von Kunstmetropole zu Kunstmetropole, bleiben aber nirgends.
Gegen die Möglichkeit eines Zentrums spricht, dass sich mittlerweile jedes mittelgroße Kaff, das ein Museum besitzt, Kunstmetropole nennt
