Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 68-75
Die Erfolgsbande
Von Claudia Bodin
Sie zelebrieren den Exzess, überbieten sich in Coolness, versorgen die Medien mit saftigen Geschichten. Quasi nebenher produzieren die wilden jungen Männer der New Yorker Szene äußerst erfolgreiche Kunst. Die Geschichte einer kalkulierten Rebellion
Als Dan Colen und Dash Snow 2007 in der Deitch Gallery in SoHo ausstellten, verwandelten sie die Räume in einen Saustall. 30 Helfer hatten 2000 New Yorker Telefonbücher zerrissen und die Galerie auf der Grand Street kniehoch mit Papierfetzen gefüllt. Anschließend luden Dan und Dash Freunde ein, um mit ihnen zu trinken, Drogen einzuwerfen, sich wie Hamster durch den Bau zu wühlen - und den Müllhaufen in das feucht-schmuddelige Gesamtwerk "Nest" zu verwandeln.
Zur Eröffnung waren die Wände mit sexistischen Sprüchen beschmiert. Eine Punkband spielte, und Galerist Jeffrey Deitch schwärmte: "Ist es nicht großartig?" Doch die Meinungen über die neuen Stars der New Yorker Kunstszene sind geteilt. Sammler, Galeristen und Kuratoren lieben sie. Ganz im Gegensatz zu vielen Kritikern, die sie schonungslos niedermachen. Die ältere Künstlergeneration, deren wilde Tage längst vorbei sind, guckt der Gang, zu der neben Colen und Snow der Fotograf Ryan McGinley und der Installationskünstler Terence Koh sowie in zweiter Reihe Banks Violette, Nate Lowman, Snows Exfrau Agathe und Hanna Liden zählen, ein wenig neidisch bei der großen Party zu.
Die Geschichte der vier Aufsteiger verrät viel über den New Yorker Kunstmarkt, wo junge Talente rasend schnell nach oben katapultiert werden. So nahm die Modeindustrie sofort Witterung auf. Bruce Weber schnappte sich einige der charismatischen Jungs für Modeaufnahmen. Ryan McGinley selbst schoss eine Werbekampagne für den Turnschuhhersteller Converse.
Designer Hedi Slimane ließ die Rebellen für sein Projekt "Young American" posieren.
Schon als Teenager waren Colen und McGinley eng befreundet, Snow kam wenig später dazu. Sie und ihre Freun de feiern mittlerweile beachtliche Erfolge; dennoch führen sie noch immer das klassische Leben von New Yorker Downtown-Künstlern, zu dem verlotterte Lofts mit alten Sofas, leere Bierdosen, Drogen und eben das richtige Punk-Rock-Feeling gehören. Mit dem Unterschied, dass Dan Colen eine Rolex am Handgelenk trägt, Terence Koh sein Geld für Designerpelze rausschleudert und dass sie alle vom Kunstboom profitieren.
Auf der letzten "Armory Show" in New York waren Kohs pornografische Dark-Room-Fotos Minuten nach der Eröffnung ausverkauft. Seine vergoldeten Exkremente in Glasvitrinen gingen auf der "Art Basel" 2006 für rund eine halbe Million Dollar weg. Ebenso viel bezahlte Charles Saatchi für eine Skulptur von Dan Colen. Er lud den Künstler sowie den Großteil der restlichen Truppe 2006 zur Gruppenschau "USA Today" an der Royal Academy of Arts in London ein. Colen und Snow flohen aus dem Hotelzimmer am Piccadilly, nachdem sie es mit einem ihrer "Nest"-Rituale verwüstet hatten.
Das Zentrum der Clique bildet Ryan McGinley, der gerade 31 Jahre alt wird. 2003 war der Fotograf mit 25 Jahren der jüngste Künstler, der eine Einzelausstellung im Whitney Museum of American Art hatte. "The Kids Are Alright" hieß die Show, in Anlehnung an einen klassischen Song der Rockband "The Who". McGinley zeigte seine Freunde, wie sie nackt schwimmen gingen, sich Joints rollten oder masturbierten. Seine Bilder vermittelten das aufregende Gefühl, dass der Künstler das wilde Leben nicht nur ablichtet, sondern am eigenen Körper erfahren hat. Früher tauchten seine Kumpels Dan und Dash oft auf den Fotos auf. In "Dash Bom bing" (2000) sieht man Snow, wie er im nächtlichen Manhattan eine Häuserwand besprüht.
"Dan, Dusted" (2002) zeigt einen mitgenommenen Jungen, der die Droge Angel Dust geraucht hat.
Colen und McGinley stammen aus einer einfachen Arbeitergegend in New Jersey. Sie trafen sich Mitte der neunziger Jahre in der Skateboarder-Szene, als sie nachts durch das verlassene Manhattan mit seinen Bürotürmen rasten und am Astor Place Bier tranken. Damals war Skateboarding alles andere als ein schickes Hobby. "Es war eine Nische für Außenseiter", erzählt Ryan McGinley in seinem Loft auf der Canal Street. An den Wänden hängen Fotos neben Karten vom Pizzaservice. Ordner mit Fotos füllen die Regale, 500 Stück mit jeweils 50 Rollen Film aus den vergangenen zehn Jahren.
Lange Zeit lebten Colen und Mc- Ginley zusammen. Ihre Wohnung auf der 7th Street im East Village war für ihre Partys berüchtigt. "Es übernachteten ständig irgendwelche Leute bei uns. Alle nahmen Drogen, feierten, hatten irgendwann Sex. Es war eine dieser aufregenden Zeiten, in denen man keine Verantwortung kennt", erzählt McGinley, der inzwischen acht Leute für sich arbeiten lässt. Tagsüber studierte er Grafikdesign an der Parsons School for Design, nachts fotografierte er wie besessen. Wenn die Jungs durch U-Bahn-Tunnel schlichen oder im Morgengrauen am Strand von Coney Island landeten, war die Kleinbildkamera dabei. Als Folge der lauten Clubnächte leidet der Fotograf unter einem Tinnitus, ein konstanter Ton klingelt in seinen Ohren.
Dash Snow lernten die beiden über einen Freund aus der Szene kennen. Er stammt aus einer reichen Öl-Dynastie, den De Menils, die eine bedeutende Kunstsammlung in Houston haben. Doch Dash, das schwarze Schaf der Familie, haute ab von zu Hause. Er klaute, nahm Drogen, landete mit 13 im Gefängnis, ließ sich die Haare und den Bart lang wachsen und sich Saddam Hussein auf den Arm tätowieren.
Es waren seine Freunde, die Snow überzeugten, Kunst statt - wie bisher - Graffiti zu machen. Prompt heftete sich das "New York Magazine" an die Fersen des notorisch scheuen Snow, der nicht einmal Türklingel und Telefon hatte, und widmete ihm, Dan und Ryan die Titelgeschichte "Warhols Kinder". 2006 war er neben seinen Kumpels mit trashigen Polaroids auf der Whitney-Biennale vertreten. Mit seinen Fotos, Collagen und beschmierten Zeitungsausrissen wird er von Contemporary Fine Arts in Berlin und in den USA von Javier Peres vertreten.
Der Vierte im Bunde, Terence Koh, war der Gang über den Weg gelaufen, als er sich noch "Asianpunkboy" nannte und bei anderen Leuten auf der Couch schlief. Das ist acht Jahre her.
Wann immer die Jungs in Manhattan ausstellen, läuft das Szenevolk auf. Als Ryan McGinley im kobaltblauen Anzug im April die Ergebnisse seiner letzten Reise durch die Vereinigen Staaten mit dem Titel "I Know Where the Summer Goes" präsentierte, schob sich das Model Agyness Deyn durch die überfüllte "Team Gallery" in SoHo. Terry Richardson, der gefragte Modefotograf, fragte seinen jungen Kollegen hektisch, wo die Party am Abend steigen würde - in einem solchen Moment kann ein Fotograf von sich sagen, dass er es in New York geschafft hat. Ein paar Tage später lief die Produktion in McGinleys Atelier wieder auf Hochtouren. Castings für die Models für den nächsten Roadtrip wurden abgehalten. Die Reisen sind die Weiterführung der früheren nächtlichen Abenteuer. Nur dass inzwischen ein Produktionsteam mit der Location- Suche beschäftigt ist und McGinley die Bilder mit Feuerwerken oder Trampolinen inszeniert. "Es geht mir darum, eine Welt zu schaffen, die nicht existiert. Ich möchte, dass der Betrachter daran glaubt, dass es die Wirklichkeit ist", sagt der Künstler. Auf seinem Trip wird er insgesamt 35 US-Staaten mit dem Minibus durchkreuzen und nach drei Monaten 150 000 Aufnahmen nach New York mitbringen, von denen es dann 50 in die Endauswahl schaffen.
Die treibende Kraft hinter den jungen Karrieren ist der ehemalige Anwalt Javier Peres, der erst seit wenigen Jahren im Kunstgeschäft mit mischt. Er hat genügend Geld, um Karrieren anzukurbeln und etwa die aufwendigen Produktionen seines ehemaligen Geliebten Terence Koh vorzufinanzieren.
Viele werfen dem Kalifornier vor, dass er die jungen Talente verheizt. "Wir leben nicht mehr in der Welt von Willem de Kooning und haben nicht mehr alle Zeit der Welt", entgegnet der Galerist auf die Kritik.
Der 29-jährige Colen beschäftigt mehrere Assistenten in seinem neuen Atelier in Tribeca. Sie malen Variatio nen seiner "Bird Shit"-Bilder, für die er im Galerienviertel von Chelsea Vogelscheiße fotografierte.
Eine Assistentin hat die dankbare Aufgabe, weiße Leinwände mit Lippenstift- Kussmündern zu füllen. An den Wänden hängen kitschige Elfenmotive und alte Fotos von Michael Jordan.
Ein wenig orientierungslos wandert Colen zwischen den Kunstwelten hin und her, er arbeitet an Skulpturen, mit Collagen und Fundstücken, malt und besprüht Leinwände mit plakativen Pop-Sprüchen wie "Rama Lama Ding Dong" und "No Sex No War No Me".
"Dan ist wild und überrascht einen immer wieder. Er macht großartige Kunst, die nicht nach Kunst aussieht", schrieb der Kritiker Carlo McCormick vom "Paper Magazine". Eine seiner bekanntesten Arbeiten ist eine Skulptur unter anderem aus Pappmaché, die aussieht wie ein mit Graffiti beschmierter Felsbrocken, an dem sich gelangweilte Teen ager in einer durch zechten Nacht ausließen. Viele seiner Sachen sei en von Hollywood-Leuten gekauft worden, meint Colen.
Mit der kommerziellen Seite hatte Terence Koh nie ein Problem. Der Asiate, der mal vorgibt, in China oder Singapur geboren zu sein, der in Kanada aufwuchs und dessen Altersangabe zwischen 31 und 36 schwankt, hatte diesen Sommer die Einzelausstellung "Captain Buddha" in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main. Als "größten Unsinn" kanzelte die "FAZ"-Kritikerin die New Yorker Showeinlage ab:
"Wenn die Welt von Terence Koh eine Maschine wäre, dann ein emsig surrender Bargeldautomat." Ein Selbstporträt zeigte den selbstverliebten Dandy ganz in Weiß in Andy-Warhol- Verkleidung. Weiß ist die Farbe, mit der Koh neben Schwarz fast ausschließlich arbeitet, in der er sich vorzugsweise kleidet und in der er mit seinem Lebensgefährten lebt. Das Gebäude an der Canal Street in Chinatown hat blütenweiße Fußböden, Wände und eine bis auf das letzte Detail weiße Einrichtung. Die Espressotasse, aus der Koh den Tequila mit Kokosnussmilch schlürft, ist ebenso weiß wie das Pulver, das er sich durch die Nase zieht, um mit dem eigenen hohen Tempo überhaupt noch mithalten zu können.
"Weiß ist die jungfräuliche Unschuld, die vom Leben beschmutzt wird", findet Koh. Dann eilt er zu seinem iPhone, um einen Anruf von einer von Julian Schnabels Töchtern entgegenzunehmen, die ausgehen will.
Provokation ist bei dem Asiaten, der sonst gern mit Materialen wie Schokolade oder Blut arbeitet und seine eigene Person nahtlos in sein Gesamtkunstwerk einfließen lässt, Programm.
Bei seiner ersten Einzelausstellung 2003 in Los Angeles führte ein Loch im Fußboden in einen schneeweißen Keller, der von zwei Albino-Sittichen bewohnt wurde. Es folgten Ausstellungen in der Kunsthalle Zürich und in der Secession in Wien. Koh irritiert mit hohlen Sprüchen wie "Kunst ist eine Party". Er nervt mit seinem Größenwahn, mit seinen "Kohbunny"- Unterhosen mit Gebrauchsspuren, die er verkauft. Oder mit den Performances, bei denen er schon mal effektvoll stirbt, "um zu sehen, ob die Preise für meine Kunst hochgehen".
Doch Michael Kimmelman, Kritiker der "New York Times", bescheinigte dem Künstler im merhin Talent. Und bei aller Skepsis muss man Koh zugutehalten, dass er ein außergewöhnliches Gefühl für den Raum, für große Inszenierungen mitbringt.
Dass die junge Generation in die Haut ihrer Vorbilder wie Marcel Duchamp, Andy Warhol, Gordon Matta- Clark und Richard Prince schlüpfen wolle, habe eine "ödipale Ästhetik" zum Ergebnis, die einem Todeswunsch gleichkomme, urteilte die New Yorker Kritikerinstanz Jerry Saltz. "Die Kunst der vier spiegelt hundertprozentig das wider, was sie leben. Es ist keine leere Pose", meint hingegen Kathy Grayson, eine der Direktoren der Deitch Gallery.
Sie sieht in der Gang die wichtigsten Vertreter der New Yorker Downtown- Kultur.
Für nächstes Frühjahr organisiert Grayson die Gruppenausstellung "New York Minute" in Rom. Ob die vier nur so kurz wie eine berühmte New Yorker Minute strahlen werden oder ob sie sich längerfristig beweisen - wir werden sehen: McGinley will als Nächstes Filme drehen, Dan Colen produziert so viel wie nie zuvor, Dash Snow soll jetzt angeblich ein Handy besitzen, und Terence Koh will der größte Künstler seiner Generation werden.
"Wenn ich damit scheitere", sagt Terence Koh, "wird auch das auf die denkbar schönste Weise passieren."
JÜRGEN FRANK (FOTOS)
Bildunterschrift:
RYAN MCGINLEY, 31, Jugendkultur-Fotograf und Zentrum der Clique
DASH SNOW, 27, entstammt dem Clan der De Menils, brach früh aus
TERENCE KOH, Alter unbekannt, taucht seine Welt in Weiß
DAN COLEN, 29, kultiviert sein Trash-Image und verkauft an Saatchi
DAN COLEN UND DASH SNOW Für die Installation "Nest" (2007) ließen sie 2000 New Yorker Telefonbücher zerreißen (Foto: Jason Schmidt)
DAN COLEN Graffiti im Museum: Links das Gemälde "Holy Shit" (2006, 90 x 122 cm), rechts die Skulptur "Untitled (Vete al Diablo)", die 2006 auf der New Yorker Whitney-Biennale gezeigt wurde
DASH SNOW Zwei typische Collagen von 2006- 2007: "Dreams Die Hard" (34 x 26 cm, rechts) und "Untitled (On the Run)" (36 x 29 cm), das den ehemaligen irakischen Diktator Saddam Hussein zeigt
TERENCE KOH Großer Mix der Zeichen und Symbole: eine Ausstellungsansicht aus der umstrittenen Schau "Captain Buddha", die in diesem Sommer in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle zu sehen war
RYAN MCGINLEY Vier Fotoarbeiten von 2007, v. l. im Uhrzeigersinn: "Falling Green Water" (61 x 51 cm), "Highway" (76 x 102 cm), "Dakota (Supermarket)" (102 x 76 cm) und "Brennan (Clear Poncho)" (279 x 183 cm)
