Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 93

Von der Bosheit der Menschen

Von Petra Bosetti

Die Kunsthalle stellt den vom Surrealisten collagierten Bilderroman vor

HAMBURG: MAX ERNST - UNE SEMAINE DE BONTÉ

Groschenromane in Comicform hat es schon im 19. Jahrhundert gegeben - Geschichten voll Sex and Crime, in mehr oder weniger grobschlächtigen Holzschnitten anschaulich erzählt. Der deutsch-französische Surrealist Max Ernst (1891 bis 1976) hat sie gesammelt, immer auf der Suche nach Rohstoff für seine Arbeit. Als er 1933 nach Italien reiste, hatte er einen ganzen Koffer voll Material mitgenommen.

In Mailand kaufte er auch noch einen Band des französischen Grafikers Gustave Doré (1832 bis 1883), dessen mysteriöse Fabelwesen und Monster Ernsts Fantasiewelt nahestanden. Dies alles bildete den Grundstock zu Ernsts größtem Collagewerk "Une semaine de bonté" (Eine Woche der Güte). Mit scharfer Schere und Klebstoff fertigte er den surrealistischen Bilderroman, der nur eines zum Inhalt hatte: "Des Menschen Bosheit, Grausamkeit und unerschöpfliche Dummheit" - so jedenfalls Ernst-Biograf John Russell.

Durch den künstlerischen Eingriff von Max Ernst entstanden auf diesen Blättern bizarre, schockierende, in jedem Falle absonderliche Begegnungen, getreu dem vom surrealistischen Dichter Lautréamont (auch Comte de Lautréamont, Pseudonym für Isidore Lucien Ducasse) formulierten Begriff von Schönheit: dem "zufälligen Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch".

Da schauen bestrumpfte Beine einer Cancan-Tänzerin aus einem schäumenden Wasserwirbel mitten in Paris, ein Wesen, halb Vogel, halb Mann, geleitet eine vornehme Dame in einen noblen Salon, ein finsterer Drache bedroht eine schluchzende Frau, vogelköpfige Männer bevölkern die Szenerie, das apulische Castel del Monte dient als Fessel für einen Riesen.

Diese Originalcollagen wurden nur 1936 im Museo Nacional de Arte Moderna in Madrid öffentlich gezeigt und im Frühjahr in der Wiener Albertina. Nun ist die Ausstellung, organisiert vom Ernst- Kenner Werner Spies, in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.

Termin: 19. September bis 11. Januar 2009. Katalog:

DuMont Verlag, 29 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.

Internet: www.hamburger-kunsthalle.de

Bildunterschrift:

Collage aus dem Kapitel "L'eau" (Wasser, 16 x 12 cm)

Blatt aus "Le cour du dragon" (Hof des Drachen, 20 x 14 cm)