Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 98
Die Lust am Maßvoll-Surrealen
Von Michael Kohler
Lehmbruck-Museum und Kunsthalle zeigen eine Retrospektive des Beuys-Schülers
DUISBURG/DÜSSELDORF: REINER RUTHENBECK
Seit der erste Höhlenmensch zwei Steine aufeinanderschlug, um sie nach seiner Vorstellung zu formen, hat sich in der Bildhauerei nicht viel geändert.
Stets will sich der Geist das widerspenstige Material gefügig machen, die Frage ist nur, zu welchem Preis? In den sechziger Jahren fanden viele Künstler, dass die Minimal Art mit ihren blank geputzten Idealformen zu weit gegangen war.
Sie wollten zeigen, dass ihre Stoffe lebendig sind, und griffen bevorzugt auf weiche Materialien oder industriell Gefertigtes zurück.
Inmitten dieser Bewegung verfolgt der 1937 geborene Beuys-Schüler Reiner Ruthenbeck bis heute einen unverwechselbaren Kurs. Zunächst kehrte er Aschehaufen zusammen, um die Vergänglichkeit von Kunstwerken herauszustreichen, er formte Büsten aus schwarzem Draht und verteilte in seiner Serie "Umgekippte Möbel" Tische, Bänke und Stühle scheinbar wahllos in einem Raum.
Mit derselben Lust am Maßvoll-Surrealen präsentiert Ruthenbeck seitdem verblüffende Lösungen für klassische Probleme der Objektkunst: Den Widerstreit zwischen Leichtem und Schwerem demonstriert er an einem Tisch, der auf stählernen Spinnenbeinen im Raum zu schweben scheint, während sich vor einem Berg sorgsam zerknüllten Papiers die Frage nach dem Zusammenhang von Masse und Volumen stellt.
Mit der Kunsthalle Düsseldorf und dem Wilhelm-Lehmbruck-Museum in Duisburg machen sich nun gleich zwei Institutionen gemeinsam daran, Ruthenbecks reiches Schaffen einem größeren Publikum vorzustellen. In Duisburg sind vor allem frühe Arbeiten zu sehen, darunter zahlreiche Fotografien und Plastiken, die während seines Studiums an der Düsseldorfer Kunstakademie entstanden sind. Dabei ist zu beobachten, wie sich Ruthenbeck vom Massiven, Monolithischen zum Leichten, Transparenten entwickelte.
Die Kunsthalle Düsseldorf zeigt dank ihrer baulichen Möglichkeiten große, raumgreifende Installationen, die Ruthenbeck ab den siebziger Jahren entwickelte, sowie konzeptuelle Werkgruppen wie die "Geräuschstücke" und die "Kinetischen Objekte". Ein für November angekündigtes Werkverzeichnis rundet das Unternehmen ab.
Termin: 12. Oktober bis 11. Januar 2009.
Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König.
Internet: www.kunsthalle-duesseldorf.de, www.lehmbruckmuseum.de
Bildunterschrift:
Links: "Tisch mit Gummiseil" (1983). Oben: "Drahtkopf, gewickelt" (Höhe 40 cm) von 1966. Unten:
Werke in der Düsseldorfer Akademie in der Jahresausstellung 1967
