Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 104
Ich sehe was, was du nicht siehst
Von Wiebke Gronemeyer
KIEL: SEE HISTORY - KREATIVE VISIONEN
Zeitgenössische Künstler haben in Kiel Narrenfreiheit und präsentieren die Sammlung der Kunsthalle nach ihren Vorstellungen. Angesichts knapper Ausstellungsetats hat sich die Kunsthalle zu Kiel ein cleveres Konzept ausgedacht:
Seit 2003 lädt sie alljährlich Nicht-Kuratoren ein, unter dem Motto "See History" mit unvoreingenommenem Blick von außen die Sammlung neu zu arrangieren.
In diesem Jahr durften 13 Künstler aus ost- und außereuropäischen Ländern ungestört im Depot stöbern und in eigenen Räumen ihren Visionen von Kunst, Geschichte und deren Zusammenhängen freie Bahn geben.
Dabei wählten sie mitunter nach Kriterien aus, vor denen manch ein Kurator wohl eher zurückschrecken würde.
So stellt die russische Künstlerin Anna Jermolaewa ganz offensichtliche Ähnlichkeiten zwischen ihrem pofixierten Film "Ass Peeping" (2003) und antiken Rückenansichten heraus. Und der Documentakünstler Georges Adéagbo betrachtet norddeutsche Geschichte aus afrikanischer Perspektive: In seinem inszenierten Kuriositätenkabinett thront Franz von Lenbachs "Fürst Otto von Bismarck" (1895) nicht nur über einer Ansammlung von Büchern, Zeitungen, Schiffsmodellen und afrikanischen Kulturrelikten.
In Adéagbos Anordnung liegt nun auch Anthony Gormleys bleierne Körperskulptur "Draw" (1994) dem Bildnis des Kolonialfürsten anbetend zu Füßen.
Wie der afrikanische Künstler deutet auch die Niederländerin Mathilde ter Heijne historische Zusammenhänge aus individueller Perspektive um: Sie setzt sich Abraham Bloemaerts Gemälde "Cimon und Pero" (um 1610) als lebensgroßes Selbstbildnis entgegen. Vor dem Motiv einer den hungernden Vater stillenden Tochter wird so unter anderem die eigene Mutterrolle reflektiert.
Für den Besucher wird nicht immer deutlich, was die Künstler zu ihrer Auswahl motiviert hat. Mal stellen sie Parallelen zu ihrem eigenen Werk her, wie der Ukrainer Boris Mikhailov, der seine inszenierten Fotografien gesellschaftlicher Randgruppen der sozialkritischen Kunst etwa eines Ernst Barlach entgegenstellt.
Der in Lübeck geborene und in Uruguay aufgewachsene Luis Camnitzer versucht sich hingegen in der Rolle des Vermittlers und verfolgt Blicke aus Porträts, Bildnissen und Büsten der Sammlung mit roten Fäden, die sich im Ausstellungsraum zwar oft kreuzen, doch nie treffen.
Die Künstler selbst machen darauf aufmerksam, dass ihre Bestandsaufnahme im Dialog mit der Geschichte nicht mehr als ein Zwischenzustand sein kann und immer subjektiv bleibt. Die kanadische Künstlerin Janice Kerbel erhebt dieses Bekenntnis zu Vergänglichkeit und Fiktion zu ihrem Programm, indem sie Ideenskizzen, Studienblätter oder auch ein Modell einer nicht realisierten Andreas-Slominski-Skulptur zeigt.
Falls man inmitten all der erzählten Geschichten in dieser globalen Bestandsaufnahme doch einmal den roten Faden verliert, hält man es am besten so wie Abraham Cruzvillegas, der sich selbst zum Ausgangspunkt nimmt. Da Cruzvillegas' Geburtsdatum mit dem Todestag Marcel Duchamps zusammenfällt, hat der mexikanische Künstler schlicht alle Werke der Kieler Sammlung zusammengetragen, die im Jahr 1968 entstanden sind.
Termin: bis Juli 2009. Katalog: erscheint Ende 2008.
Internet: www.kunsthalle-kiel.de
Bildunterschrift:
Norddeutsch-afrikanische Beziehungen: Georges Adéagbos "Betrachtet Geschichte!" (2008)
Ernst Barlach trifft auf Boris Mikhailov
