Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 128-129
Ein Haus mit viel Leben
Von Clemens Bomsdorf
Szene: Festival gibt Einblicke in Islands vielseitige Kunstwelt
Als seien es die Zeichen einer Schnitzeljagd für Halbblinde, liegen Joghurtkartons vor der Straße des Skaftfell Centre for Visual Art im ostisländischen Seydisfjördur.
Im Hintergrund Berge, die immer noch mit leichtem Schnee bedeckt sind. Gefüllt sind die Pappverpackungen mit Fruchtjoghurt - rotem Himbeerjoghurt, Blaubeerjoghurt und was es sonst noch alles im Kühlregal gibt. Plötzlich ist ein dröhnendes Geräusch zu hören: Eine Baumaschine steuert auf die Kartonreihe zu. Ein Mann in blauem Overall lenkt das gelbe Stahlungetüm über die Tetrapacks. Im Sekunden abstand macht es "platsch", und es spritzt rote, weiße oder blaue Masse auf den Asphalt - Action Painting auf Isländisch, gesehen beim Reykjavík Arts Festival 2008.
Der Fahrer der Baumaschine verkauft diese Geräte sonst, doch er sieht sich auch zum Künstler berufen. In Seydisfjördur, wo der Schweizer Aktionskünstler Dieter Roth bis zu seinem Tod vor zehn Jahren immer wieder lebte, ist fast jeder der nicht einmal 800 Einwohner Künstler. Wenn als Teil des landesweiten Reykjavík Arts Festivals dort zum lokalen Kunstfest geladen wird, gibt es keine Stickarbeiten oder Blumenbilder zu sehen, sondern unkonventionelle Kunst.
Wie in Seydisfjördur scheint es auf der ganzen Insel von Künstlern zu wimmeln. Ist es die raue Vulkanlandschaft, das kühle Wetter oder die Einsamkeit, die so kreativ macht? "Woran auch immer es liegen mag, in Island ist die Affinität zur Kunst besonders groß. Man bedenke, dass dieses Land nur gut 300 000 Einwohner hat und wie viele Künstler!", schwärmt Kurator Hans-Ulrich Obrist, der im Rahmen des Arts Festivals dieses Jahr den "Experiment Marathon" in Reykjavík gemeinsam mit Olafur Eliasson or ga nisierte und sich mit anderen Künstlern und Theoretikern regelmäßig zum Konferieren in die isländische Einsamkeit zurückzieht.
"Es ist ein Klischee, aber es trifft zu: Die Isländer haben gemeinhin eine ungeheure Schaffenskraft", sagt auch Christian Schoen. Der Deutsche ist Gründungsdirektor des 2005 ins Leben gerufenen Center for Icelandic Art, kurz CIA, das isländische Kunst fürs Ausland sichtbarer machen soll.
Eliasson und die Sängerin Björk sind wohl die bekanntesten Künstler des Inselstaates im Nordatlantik. Ragnar Kjartansson, der das Land auf der kommenden Venedig-Biennale vertreten wird, Gabriela Fridriksdottir, Elin Hansdottir oder The Icelandic Love Corporation sind eher Namen aus der zweiten Reihe, die aber immer mächtiger nach vorne drängen.
Die meisten erproben sich in einer Vielzahl künstlerischer Genres.
"Einer der Gründe, dass aus Island so viel gute Kunst kommt, ist sicher die geringe Größe des Landes. Jeder weiß, er hat keine Chance, mit dem, was er macht, finanziellen Erfolg zu haben - dafür gibt es bei uns zu wenig Einwohner. Also macht jeder Musiker und bildender Künstler einfach, was ihm gefällt. Es gibt kaum kommerziellen Druck, weil der Markt sowieso zu klein ist", so Birta Gudjonsdottir, die selber Künstlerin ist, in diversen Museumsbeiräten sitzt und die Minigalerie Dvergur (Zwerg) in Reykjavík betreibt.
Daniel Björnsson von der Künstlervereinigung Kling & Bang, sieht erstaunlich viele international renommierte Künstler und Kuratoren nach Island kommen:
"Unser kleines Land gilt als exotisch, deshalb ist es für uns sicher leichter, große Namen anzuziehen." Der Oktober ist ein guter Monat, um isländische Kunst zu erleben.
Dann findet in Reykjavík das Kunstfestival Sequences (11. bis 17. Oktober) statt, das ausschließlich isländische Kunst zeigt und auf die jüngere Generation setzt. Doch auch bei der Londoner Kunstmesse Frieze Art Fair (16. bis 19. Oktober) gibt es isländische Kunst zu sehen: Kling & Bang wollen hier den legendären isländischen Nachtklub Sirkus nachbauen. "Sirkus manifestiert die Idee Island", erklärt Björnsson.
"Ein kleines Haus in schlechtem Zustand, mit viel Leben drin, aber immer am Rande des Kollaps."
Internet: www.sequences.is
Kasten:
Wichtige Adressen:
Reykjavìk Living Art Museum: Sammlung isländischer und internationaler Kunst mit vielen Werken von Dieter Roth. www.nylo.is Dvergur: Mini-Galerie mit isländischer und internationaler Kunst. www.geocities.com/galleridvergur Kling & Bang: Berüchtigte Künstlervereinigung. www.this.is/klingogbang i8: Islands bekannteste Galerie, die auch Olafur Eliasson vertritt. www.i8.is Akureyri Box: Ausstellungsraum für junge Kunst in Islands zweitgrößter Stadt. www.galleribox.blogspot.com
Bildunterschrift:
Berüchtigt: Künstlervereinigung Kling & Bang vor ihrem Domizil in Reykjavík
Idyllisch: Nebenstraße in Reykjavík mit Blick auf Meer und Berge
"Die Zeltfrau" Sigrun Hrolfsdottir bei einem Auftritt 2007 in Reykjavík
Jung, frech, isländisch: Künstlergruppe "The Icelandic Love Corporation"
Der isländische Nachtklub "Sirkus" wird zur Frieze in London nachgebaut
