Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 56-57
"Ich wollte meine eigene Identität finden"
Von Claudia Bodin
Mitten in Chelsea, dem wichtigsten Kunstviertel New Yorks, residiert der Deutsche David Zwirner mit seiner Galerie. sprach mit ihm über den amerikanischen Kunsthandel, die Konkurrenz zu den Museen - und den langen Schatten des Galeristenvaters Rudolf Zwirner
Allein die Liste der Künstler spricht für sich: Die Galerie von David Zwirner vertritt unter anderem Luc Tuymans, Jason Rhoades, Neo Rauch, Raymond Pettibon, Francis Alÿs, Daniel Richter und On Kawara auf dem amerikanischen Markt. Damit spielt Zwirner in der ersten Liga des internationalen Kunstmarkts. Er wurde 1964 in Köln geboren, ging 1993 nach New York. art: Bei einer Umfrage unter Künstlern, bei der die beste internationale Galerie ermittelt wurde, schnitten Sie mit einem erstaunlichen Ergebnis ab. Gemeinsam mit Ihrem Partner Iwan Wirth belegten Sie Platz eins und zwei und ließen Galerien wie Barbara Gladstone oder White Cube aus London hinter sich.
Das hat uns natürlich gefreut. Denn schließlich sind die Künstler unsere eigentlichen Kunden - und nicht die Sammler. Das war für mich von Anfang an das Geschäftsmodell: Wenn man das Programm kultiviert, kommt die Kundschaft von alleine.
Loyalität ist ganz wichtig. Nicht jeder unserer Künstler ist extrem erfolgreich, einige von ihnen werden subventioniert, aber die Galerie steht hinter ihnen.
Kann man denn bei so starker Konkurrenz wie in New York auf die Treue der Künstler setzen?
Ich wollte immer mit den Karrieren der Künstler wachsen und nicht eines Tages rechts und links von ihnen überholt werden.
John Currin wechselte 2003 während seiner Ausstellung im Whitney Museum, nachdem Andrea Rosen mehr als zehn Jahre für ihn geschuftet hatte, die Galerie. Das ist eine schallende Ohrfeige. Bei uns hat sich der Spieß gedreht, nun wollen Künstler zu uns.
Welche Rolle spielt eine Galerie Ihrer Größenordnung?
So professionell wurde im internationalen Kunsthandel noch nie gearbeitet. Inzwischen haben die großen Häuser 50 bis 100 Mitarbeiter. Weil die neuen Werke in den Galerien landen, kann deren Programm attraktiver sein als das der Museen, die in den Vereinigten Staaten häufig einen eher konservativen Weg einschlagen.
Geboten werden hier in den New Yorker Museen weniger radikale Ausstellungen und dafür ein mehr historisches Programm. Mid-Career-Ausstellungen, die ja so spannend sein können, sind leider die Ausnahme.
Und woran liegt das?
Wohl daran, dass die historischen Ausstellungen mehr Zuschauer ziehen. Obwohl das keiner richtig zugibt, glaube ich, dass die Realitäten der Kasse, die Besucherzahlen, ein immer wichtiger Aspekt der heutigen Museumspolitik sind.
Es klingt so, als ob New Yorks Galerien den Museen den Rang ablaufen.
Im Gegensatz zu den Museen sind die Galerien in den vergangenen zehn Jahren wesentlich stärker geworden. Ich glaube, mit einer Ausstellungsfläche von fast 3000 Quadratmetern sind unsere drei Galerien in Chelsea größer als das New Museum in New York. Hinzu kommt die Galerie auf der 69th Street, in der wir seit fast zehn Jahren mit der Firma Zwirner & Wirth Kunsthandel betreiben. Wir bemühen uns im Sekundär- und Primärmarkt, Ausstellungen auf Museumsniveau zu machen. So hatte Neo Rauch kürzlich eine Ausstellung in der Galerie, die noch aufregender war als die, die im letzten Jahr im Metropolitan Museum gezeigt wurde. Die zeitgleiche Ausstellung von Werken aus der Helga-und-Walther-Lauffs-Sammlung hatte per Definition Museumsqualität, denn die Werke waren viele Jahre im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld ausgestellt.
Sie eröffneten 1993 in SoHo und wechselten als einer der letzten vor sechs Jahren nach Chelsea, wo Sie die 19th Street übernahmen.
Eine Straße, in der man mit mehreren Kollegen nebeneinander koexistiert, interessierte mich nicht. Ich wollte meine eigene Identität finden. Shigeru Ban, Frank O. Gehry, Jean Nouvel, Annabelle Selldorf - inzwischen ist die 19th Street eine der Topadressen für Architektur.
Was hat Sie überhaupt nach New York gezogen?
Ich habe hier studiert, meine Frau ist Amerikanerin. Zwischenzeitig lebte ich in Hamburg und arbeitete in der Musikbranche, aber ich wollte unbedingt zurück nach New York. Als ich die Galerie eröffnete, brach gerade der Kunstmarkt zusammen. Ich hatte keinen Businessplan, kein Budget, sondern nur die Idee.
Die Documenta von 1992 war sehr wichtig für mich, weil ich dort zum ersten Mal Werke von Künstlern wie Luc Tuymans und Stan Douglas sah, die ich damals gleich in das Programm bringen konnte. Darüber hinaus waren frühe Besuche in Los Angeles wichtig, wo ich Jason Rhoades kennenlernte und die Künstler seiner Generation.
Also entschlossen Sie sich dazu, in die Fußstapfen Ihres Vaters, des Kölner Galeristen und Art-Cologne-Mitbegründers Rudolf Zwirner, zu treten.
Als Jugendlicher war es für mich schwer vorstellbar, einen Platz in der bildenden Kunst zu finden, allzumal die Aktivitäten meines Vaters in Deutschland einen langen Schatten geworfen haben. Der Weg nach New York hat es mir dann erlaubt, meine eigene Identität aufzubauen. Die Kunstwelt hat mich immer fasziniert. Wie die Künstler es schaffen, die Kraft aus sich selbst zu ziehen, erstaunt mich eigentlich zunehmend, je länger ich in diesem Geschäft arbeite. Die Welt der bildenden Kunst ist einzigartig. Während die Kulturindustrie allgemein, sei es beim Film, im Verlagswesen oder in der Musik, zunehmend dem Zwang großer Konzerninteressen unterliegt, können wir Galeristen nach wie vor frei entscheiden. "Shareholder-Value" und "Quarterly Earnings Reports" gibt es bei uns trotz des zunehmend wachsenden Geschäftsvolumens nicht. Im Zweifelsfall entscheiden wir im Interesse der Kunst.
Bildunterschrift:
DAVID ZWIRNER, hier mit der Installation "Sweet Potato Pie" (2003) von Jason Rhoades
