Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 44-47
Fabrikarbeiter
Von Ralf Schlter
Andy Warhols New Yorker Atelier ist längst ein Mythos. Nun trafen sich einige Mitglieder der Factory wieder - zum Gruppenfoto
RALF SCHLÜTERAndy Warhol, der 1987 starb, hätte im August dieses Jahres seinen 80. Geburtstag gefeiert.
Er war das Gegenteil des einsamen, monomanischen Künstlers, begriff sich stattdessen als Teil der Popkultur und der New Yorker Society.
Seine wechselnden Ateliers nannte er seit den frühen sechziger Jahren "Factory", sie waren bevölkert von Künstlern, Musikern, Bohemiens und von Warhol ernannten "Superstars", die im Laufe der Jahrzehnte kamen und gingen.
Ende 2006 bat das amerikanische Magazin "Vanity Fair" einige von Warhols Weggefährten zum Klassentreffen mit Gruppenfoto. Zwar fehlten einige wichtige "Factory"-Mitglieder wie Warhols Assistent Gerard Malanga und der Filmregisseur Paul Morrissey, doch immerhin 23 von damals kamen schließlich bestens gelaunt in den New Yorker Club "205".
Während Starfotograf Todd Eberle und sein Team mit der Vorbereitung der Aufnahme beschäftigt waren, plauderten die Veteranen über die alten Zeiten oder tauschten neuesten Klatsch aus der New Yorker Kulturszene aus.
Ein kleiner Film über den Fototermin ist hier zu sehen: www.vanityfair.com/ Suchbegriff "Factory". 1 Christopher Makos. Warhol nannte ihn den "moderns ten Fotografen Amerikas". Er arbeitete für alle großen Magazine von "Interview" bis "Esquire", Warhol porträtierte er etliche Male. 2 Sam Bolton. Lebte Mitte der Achtziger für einige Jahre mit Warhol zusammen.
3 Vincent Fremont. Kam 1969 in die "Factory", produzierte als Vizepräsident der "Andy Warhol Enterprises" etliche Filme, Videos und TV-Sendungen mit dem Künstler. Vor sich hält er ein Foto der Warhol-Vertrauten Brigid Berlin. 4 Geraldine Smith. Wurde mit 16 von Warhols Regisseur Paul Morrissey für die Leinwand entdeckt; spielte neben dem legendären Schwulenidol Joe Dallesandro in den Warhol- Filmen "Flesh" (1968) und "Trash" (1970). 5 Barbara Allen de Kwiatkowski.
Society-Dame und Model. Hat eine Eliteschule besucht, gehörte zu Warhols berühmtesten "It-Girls" der siebziger Jahre. 6 Bob Colacello. Starbiograf und Journalist, schrieb für War hols "Interview", später für "Vanity Fair". Stammgast in der "Factory".
Warhol soll vorgeschlagen haben, er solle sich einfach "Bob Cola" nennen, das klänge mehr nach Pop.
7 Marc Balet. Kam 1975 als Art Director zu Warhols Magazin "Interview", gründete später eine Werbeagentur.
8 Sylvia Miles. Schauspielerin, erfolgreich u. a. in dem Hollywoodfilm "Midnight Cowboy". Spielte mit in Warhols/Morrisseys Film "Heat".
9 Viva. Eigentlich Janet Susan Mary Hoffman. Warhol nannte sie "Viva Superstar", sie spielte in einigen seiner Filme mit. 10 Tom Cashin. Der New Yorker Herausgeber feierte als Boyfriend von Jay Johnson (siehe Nr. 23) in den siebziger Jahren auf Warhols Partys mit. 11 Pat Hackett. Schriftstellerin und Drehbuchschreiberin, viele Jahre lang Warhols Privatsekretärin.
Sie protokollierte den Alltag des Künstlers für das Buch "Andy Warhols Tagebücher".
12 Ronnie Cutrone. Seit 1965 kam er regelmäßig in die "Factory", beteiligte sich an Warhol-Projekten.
Von 1972 bis 1982 Warhols Assistent.
13 John Cale. Musiker und Songschreiber, war Mitglied der Rockband "The Velvet Underground", für deren erstes Album Warhol das berühmte "Bananencover" entwarf. Zusammen mit Lou Reed veröffentlichte er 1990 eine Hommage an Warhol: "Songs for Drella". 14 Holly Woodlawn. Transsexuelle Schauspielerin und "Superstar", von Lou Reed verewigt in seinem Songklassiker "Walk on the Wild Side": "Hol ly came from Miami FLA ..." 15 Taylor Mead. Star des amerikanischen Undergroundfilms, spielte in Warhols "Tarzan"-Film von 1963 neben Dennis Hopper. Seinem Hintern setzte Warhol in dem Film "Taylor Mead's Ass" (1964) ein Denkmal.
16 Glenn O'Brien. Journalist, war kurzzeitig Assistent in der "Factory" und später Chefredakteur der von Warhol gegründeten Zeitschrift "Interview".
17 Benjamin Liu. In der "Factory" trug der in Taiwan ge borene Liu den Spitznamen "die Ming vase". Er lernte Warhol in den späten siebziger Jahren kennen, wurde sein Assistent und Partybegleiter.
18 Paige Powell. Kam in den frühen achtziger Jahren in die "Factory", arbeitete für das Magazin "Interview" und war Warhols "It-Girl" der späten Jahre. Er soll sogar den Plan geäußert haben, sie zu heiraten.
19 Ultra Violet. Bürgerlich Isabelle Dufresne, in Frankreich geboren. Ein paar Jahre war sie Muse von Salvador Dalí, in den Sechzigern machte Warhol sie dann zu seinem "Superstar".
20 Len Morgan. Gehörte als "Pretty Boy" zu Warhols Entourage der achtziger Jahre. 21 Monique Van Vooren.
Schauspielerin, war 1973 in Andy Warhols "Flesh for Frankenstein" zu sehen. 1987 spielte sie im Hollywood- Kassen schlager "Wall Street". 22 Jane Holzer. Genannt "Baby Jane". Model und Schauspielerin, Warhol lernte sie bei einem Dinner in der New Yorker Park Avenue kennen, ernannte sie zum "Superstar". 23 Jay Johnson. Zwillingsbruder des 1996 bei einem Flugzeugunglück gestorbenen Interieurdesigners Jed Johnson, mit dem Warhol einige Zeit zusammengelebt hatte.
Literatur: Andy Warhol, Pat Hackett: POPism - Meine 60er Jahre. Schirmer/Mosel Verlag, 29,80 Euro. Internet: www.warholstars.org
Bildunterschrift:
Der Fotograf Todd Eberle versammelte ehemalige Weggefährten von Andy Warhol im "205 Club", New York City. Die Wände: silbern, wie einst in der legendären "Silver Factory"
Musiker, Schauspieler, Models gingen ein und aus - die "Factory", die insgesamt dreimal den Standort wechselte, war eine Bühne der New Yorker Kulturszene
Eine Szene aus der "Silver Factory" in der East 47th Street, 1965: Dreharbeiten zum Film "Camp"; Andy Warhol, links im weißen Hemd, dirigiert sei ne Schauspieler, im Hintergrund die berühmte "Kuhtapete"
