Ausgabe: 10 / 2008
Seite: 20-33

Von Riesen und Ameisen

Von Justin Davidson

New York lebt vom Wandel. Nach 9/11 wurden kühne Pläne für die Zukunft geschmiedet. Doch während sich die Mächtigen noch über Geld und Größenordnungen streiten, verändert sich die Stadt, so wie sie es immer tat: Block für Block. Ein Architekturessay von Pulitzerpreisträger mit Stadtansichten von Andreas Herzau

Nachdem die Türme des World Trade Center eingestürzt waren, schien es eine Zeitlang so, als würde New York die ungeheure Zerstörung mit noch viel größeren Bauvorhaben beantworten wollen. Neue, von Daniel Libeskind entworfene Türme sollten sich aus den Trümmern erheben, glänzend und seltsam geformt, die sowohl der Schwerkraft als auch dem Terror trotzen sollten - und nebenbei den Ruf der Stadt als Hort konservativer Architektur endgültig widerlegen. Später, so wurde uns gesagt, würden die Olympischen Spiele 2012 der Stadt Geld bringen und Ehrgeiz einhauchen. Stadien würden sich erheben, Wasserwege zum Leben erwachen, und ein fantastisches, vom radikalen kalifornischen Architekten Thom Mayne entworfenes Athletendorf würde einen seit langem baufälligen und verschmutzten Uferstreifen von Queens wiederbeleben.

Doch es sollte alles ein wenig anders kommen. Libeskind wurde als brillanter Naivling zur Seite geschoben.

Der Freedom Tower, jener von ihm erträumte Wolkenkratzer, dessen 541 Meter Höhe in Fuß gemessen (1776) dem Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung entsprach, wurde an den eher nüchternen Architekten David Childs übergeben, der mit einem im Vergleich zu Libeskind vernünftigeren Entwurf aufwartete.

London schnappte sich die Olympischen Spiele, und Maynes fantastisches Uferdorf wurde in dem Ordner "Märchen" abgelegt. Aber die großen Träume waren noch nicht ausgeträumt. Unter einem aktiven Bürgermeister Michael Bloomberg und seinem noch weiträumiger denkenden Stellvertreter Daniel Doctoroff wurden die Pläne immer umfassender.

Auf einer viele Hektar großen Fläche mit Eisenbahnschienen in Brooklyn sollte eine neue Hochhaussiedlung entstehen, entworfen vom Architekt aller Architekten: Frank O. Gehry. Ein weiteres Schienenareal im Westen Manhattans stand bereit für den Bau von Bürogebäuden, Apartmenttürmen, begrünten Boulevards und offenen Rasenflächen.

Nicht weit davon entfernt sollte die neue Pennsylvania Station entstehen und somit den Schaden ungeschehen machen, der durch den Abriss des alten, würdevollen Bahnhofsgebäudes im Jahr 1963 entstanden war - jenem Ereignis, das die Denkmalschutzbewegung in New York begründete.

Bis vor Kurzem schien keines dieser Vorhaben gänzlich unrealistisch. Große Ideen sind nun mal New Yorks Markenzeichen. Selbst in Zeiten der Rezession generieren die Finanzmotoren der Stadt noch unvorstellbar große Geldmengen. Zudem rechnen Stadtvertreter im nächsten Vierteljahrhundert mit einem Zuwachs von einer Million weiterer New Yorker, was die Bevölkerungszahl auf über neun Millionen Einwohner anheben würde. Und selbst ohne Libeskind wird der Freedom Tower die Skyline von New York wieder auf Augenhöhe mit den in den Himmel schießenden Städten Asiens bringen.

Aber in New York verweist man große Ideen auch schnell ins Reich der Diskussion, wo die meisten verworfen werden und nur einige wenige sich mit der Geschwindigkeit tektonischer Platten auf ihre Realisierung zubewegen.

Keine Regierungsbehörde ist heutzutage mächtig genug, im Alleingang den Bau einer Brücke anzuordnen, geschweige denn den Zauberstab zu schwingen und einen ganz neuen Stadtteil entstehen zu lassen. Stadtentwickler sind ehrgeizig, aber durch Vorschriften gebunden, und die Bürger dieser Stadt haben den Widerstand gegen bestimmte Projekte zu einer Kunstform erhoben. Die große architektonische Vision New Yorks ist zu einem Hirngespinst geworden, das in Zeitlupe abläuft. In der Zwischenzeit hat sich die Stadt verändert, so wie sie dies immer tut: Block für Block, Grundstück für Grundstück. Während sich die Riesen zanken, haben die Ameisen ihren Hügel gebaut.

Und es ist kein kleiner Hügel. Mehr als 76 000 neue Gebäude wurden seit 1993 errichtet, 44 000 wurden abgerissen und 83 000 weitere komplett saniert - Veränderungen, die in ihrer Geschwindigkeit an Zeitraffersequenzen aus Naturfilmen erinnern. Langjährige Enklaven der Mittelklasse wurden in Zufluchtsorte für Reiche umgewandelt.

Andere Gegenden verwandelten sich von drogenzersetzten Slums in Stadtteile, in denen Massen von Kinderwagen Verkehrsstaus verursachen.

Immobilien sind zu Objekten der Begierde geworden, Wohnungsgrundrisse zu einer Art Pornografie.

Um diese Gier zu befriedigen, haben einige Bauunternehmer die Namen von Architekten zu einer Marke gemacht, die sie auf Webseiten, Zeitschriftenwerbungen und Gerüstbanner klatschen. Philip Johnson, der große Blender der amerikanischen Architektur über einen Großteil des 20. Jahrhunderts hinweg, musste nicht einmal mehr am Leben sein, um Millionen Dollar teure Wohnanlagen zu verkaufen. Sechs Monate nachdem er im Jahr 2005 gestorben war, begann in der Spring Street der Bau seines "Urban Glass House", jener großstädtischen Neuinterpretation seines berühmten Glashauses in New Canaan, Connecticut, aus dem Jahr 1949.

Europäische Architekten blieben aufgrund der restriktiven Flächennutzungspläne, die ihre gestalterische Freiheit zu sehr einschränkten, und der brutalen Einsparmaßnahmen im Wohnungsbau für lange Zeit aus New York ausgesperrt. Plötzlich sind sie gefragter denn je. Der französische Architekt Jean Nouvel hat gerade einen reizenden kleinen Wohnpalast in SoHo errichtet. Das Schweizer Duo Herzog & de Meuron verzierte die Fassade eines ansonsten recht gewöhnlichen Apartmenthauses mit grünen Fensterrahmen aus Glas und einem extravaganten Zaun, dessen Muster auf abstrakten, digitalisierten Graffiti basiert. Und die in Deutschland geborene Annabelle Selldorf (siehe auch Seite 52) kleidete ein Wohnhaus in Chelsea ganz in mitternachtsblaue Terrakottafliesen.

Da die Bewohner jenes teuren, neuen Quartiers in Lower Manhattan am Wochenende etwas zu tun haben wollen, errichtete das unter dem Namen SANAA bekannte japanische Architektenpaar an der Bowery, dem einst so berüchtigten Boulevard des Lasters, das brandneue "New Museum" für Gegenwartskunst. Die Fassade des Erdgeschosses besteht nur aus Glas, was Räuber einst sicherlich in Versuchung geführt hätte, wären sie nicht längst aus dem Bezirk verschwunden. Als Verbeugung vor der kriminellen Vergangenheit des Viertels haben die Architekten den Rest des Gebäudes dafür wenigstens in eine Art Kettenhemd aus dickem Al uminiumdraht gehüllt.

All diese Projekte haben eines gemeinsam:

Sie sind klein. Statt neuer Städte und glitzernder Wolkenkratzer haben wir teure Schmuckkästchen bekommen, wo die Reichen auf beengtem Raum in vornehmen Unterkünften Zuflucht suchen.

Und wir haben Wohntürme bekommen, große, graue Wälder, die dort aus dem Boden sprießen, wo früher Parkplätze und Mietskasernen zu finden waren. Es sind größtenteils gesichtslose Gebäude. Zwar widmen die Architekten sich mit großer Aufmerksamkeit der Aussicht, die man aus den höher gelegenen Stockwerken hat, aber wie das Haus für den Passanten auf der Straße aussieht, ist denen egal.

Schließlich bezahlt ja nicht die den Kaufpreis von 12 000 Dollar pro Quadratmeter, oder?

Die beiden einflussreichsten Architekturprojekte in New York nach 9/11 sind diejenigen, die das Verhältnis zwischen dem Gebäude und der Straße, zwischen der Zukunft und der Vergangenheit neu definiert haben. Norman Fosters Zentrale des Hearst-Verlagsimperiums ist in eine Struktur aus starken Trägern eingehüllt, die in einem sich wiederholenden Diamantmuster angeordnet sind. Das Gebäude steigt zickzackförmig in die Luft und zeigt dabei gebogene Ecken, die zugleich skurril und doch absolut notwendig erscheinen. Der Turm erhebt sich aus dem Inneren des International Magazine Building, das Joseph Urban im Jahr 1928 für William Randolph Hearst erbaute, wobei er die Sehnsucht des amerikanischen Medientycoons nach Extravaganz befriedigte, indem er das Gebäude mit Urnen, grinsenden Masken und den Reliefen mittelalterlicher Troubadoure überzog. Foster versuchte nicht, es Urbans Art-déco-Extravaganz gleichzutun, aber indem er den neuen Turm in die Hülle des alten Gebäudes steckte wie eine Eistüte in ihre Verpackung, zeigte er sein Verständnis für New Yorks zugleich nostalgische und respektlose Haltung sich selbst gegenüber.

Die beiden (später mal drei) am Hudson River gelegenen Apartmentgebäude aus Glas von Richard Meier haben der Vergangenheit ebenso frech eine lange Nase gezeigt. Denn sie sind auf trotzige Weise anders als alle anderen Gebäude in Greenwich Village, jener Bastion der Nostalgie und des Denkmalschützertums. Meier importierte die reduzierte, transparente Büroästhetik eines Ludwig Mies van der Rohe, der Büroangestellte in modularen Einheiten stapelte und die Welt dabei zusehen ließ, wie Bürohengste ihre Arbeit verrichteten. Aber Meier interessierte sich ebenso für den Sexappeal kalifornischer Villen von Pierre Koenig, Richard Neutra und John Lautner, die weite Glasfronten zwischen schmale Schichten aus Beton setzen. Dort blicken die Bewohner hinaus auf Wüsten oder den Ozean. In New York wenden Meiers Gebäude ihre Gesichter den Autofahrern und Joggern zu, die diesen Blick direkt erwidern können und dafür HDTV-Ansichten der prominenten Bewohner und der Rückseiten ihrer teuren Sofas erhalten. Es sind exhibitionistische Paradiese des Breitwandzeitalters, Realityshows aus dem wahren Leben, und sie sind enorm einflussreich. Apartments, die aussehen wie Goldfischgläser, breiten sich überall aus - seien es Luxusimmobilien oder günstige Mietobjekte - und sorgen mit ihrer unzweckmäßigen Glasarchitektur für Spannung und Glamour in einer Stadt, die hauptsächlich aus Ziegeln und Stein gebaut ist.

Mit ihrem bedingungslosen Modernismus gelang es Foster und Meier, New Yorks zweideutige Beziehung zu seiner Vergangenheit zu beleuchten. Die Stadt steht im Ruf, stets unsentimental in die Zukunft zu schauen, doch dieser Ruf ist falsch. Das beständige Tempo der Veränderung stellt sicher, dass die Vergangenheit in der Erinnerung der Menschen länger lebendig bleibt als auf dem Boden. In seinem Gedicht "An Urban Convalescence" ("Urbane Genesungszeit") aus dem Jahr 1962 beschrieb James Merrill jenen Zustand, in dem die Zukunft auf uns zurast und dabei immer verdächtig aussieht:

"Wie üblich in New York wird alles niedergerissen, Bevor du die Zeit hattest, dich darum zu kümmern.

Den Kopf gesenkt, am Schrein des Lärms, versuche ich mich zu erinnern, Welches Gebäude hier stand. War da überhaupt ein Gebäude?

Seit einem Jahrzehnt lebe ich in dieser Straße." Dies ist eine Stadt, die weder auf Amnesie verzichten noch jemals seine Geschichte vergessen kann, und das ist der Grund, warum die schlauesten Architekten die Geister eines verschwundenen New Yorks in ihren neuen Werken einfangen.

Herzog & de Meurons Graffiti- Tor, mit dem sie ihr neues Wohnhaus in der Bond Street schmückten, bezieht sich auf ein ehemals raues Viertel in Lower Manhattan, in dem die Wände jedoch schon seit Jahren nicht mehr besprüht werden. (Tatsächlich musste das Team, um an sein Rohmaterial für das am Computer generierte Muster zu gelangen, in Basel fotografieren, sodass die Graffiti letztendlich aus der Schweiz nach New York importiert wurden!) Diese Architekten sind intelligent genug zu verstehen, was Politiker nur schwer begreifen: New York will sich nicht in eine brandneue Megalopolis verwandeln - es will lediglich zu einer verbesserten Version der Stadt werden, die es einst war.

Mehr New-York-Impressionen finden Sie auf: www.art-magazin.de

ANDREAS HERZAU (FOTOS)

Bildunterschrift:

Zukunftsvision:

Plakatwand am "Ground Zero" in New York

Richard Meiers Glaswohnturm am West Side Highway, Ecke Perry Street

Reflexion des Alten:

Apartmenthaus in SoHo

New Museum vom Architektenteam SANAA an der Bowery, Höhe Prince Street

Postkartenverkäufer mit "Freedom Tower"-Motiv, Church Street

Bauzaun vor einem Wohnhausneubau, Greenwich Street

Apartmenthaus mit Graffiti- Zaun von Herzog & de Meuron in der Bond Street

Jean Nouvels Glashaus in der Mercer Street, SoHo

Leben im Aquarium: Richard Meiers Glastürme am West Side Highway

Statt glitzernder Hochhäuser haben wir teure Schmuckkästchen für die Reichen bekommen

Urbane Hieroglyphen: Wasseranschluss-Zeichen in der Mott Street

Man rechnet damit, dass New Yorks Einwohnerzahl bald auf über neun Millionen anwachsen wird

Nischenarchitektur: Bürobau mit Sitzgelegenheit in der Cortlandt Street

Vertikale Lösung: Parkplatz mit "Autoregal" in der 28th Street, Chelsea

, 42, arbeitet als Architektur- und Musikkritiker für das Wochenmagazin "New York". 2002 erhielt der in Rom geborene Autor den renommierten Pulitzerpreis. Bevor er zum Journalismus kam, studierte er in Harvard klassische Musik und Komposition.

Andreas Herzau, 46, ist bekannt für seine fotografischen Essays - auch über New York. Die Bilder des Hamburger Fotografen erschienen in Magazinen wie "Stern" und "National Geographic" . 2006 veröffentlichte er das Buch "Deutsch Land". www.andreasherzau.de